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Benjamin Lebert: Der Vogel ist ein Rabe

Seit »Crazy« lauern auf Benjamin Lebert die Geier, reiben sich die Krallen in hämischer Vorfreude, die größer wird mit jedem Halbjahr, das verstreicht ohne neue Zeilen des Jungstars, der – unfreiwillig – viel Angriffsfläche bietet für Neid und wohlige Skepsis: Durch Familien- und Bekanntenbande zum Medienereignis geworden, als Teenager mit einem kaum substantiellen, aber witzigen und spannenden Kleinroman auf die Bestsellerlisten geraten, verfilmt gar und das auch noch erfolgreich, – daß der Nachfolger nun als unspektakuläres (allerdings außergewöhnlich teures) Taschenbuch erscheint, mag man als Vorsichtsmaßnahme deuten.

Ein paar kleine Schwächen vorab: Wieviel Lebert seiner Lektorin verdankt (der das neue Buch gewidmet ist), wissen wir nicht, aber ein bißchen mehr Mühe hätte sie sich geben dürfen, was Kleinigkeiten wie fehlende oder überflüssige Satzzeichen, Wortverwechslungen (etwa »nicht« statt »dich«) und diverse Feinheiten der deutschen Sprache betrifft. Zudem erreicht Lebert als Erzähler kaum Heftroman-Format; die oft bewunderte und gepriesene, neuerdings generell geforderte »Lakonie« junger Autoren wirkt bei ihm eher wie ein Produkt der Hilflosigkeit, und damit sind wir bei den größeren Schwächen. Die Geschichte einer jugendlichen Dreiecksbeziehung, die Lebert zunächst erzählt (erzählen läßt), ist nicht originell und hätte daher einen Erzähler gebraucht, der sich wenigstens für eine seiner Figuren interessiert. Lebert läßt die Handlung vorbeirauschen, nur hie und da festgezweckt von Bildern, die an Soap-Operas erinnern, und ehe man eine der Gestalten erkennt, ist auch schon alles vorbei. Zudem ist dieser Teil der Geschichte aufgebläht mit pseudo-gewichtigen Binsenweisheiten und Kinderzimmer-Metaphysik von so schreiender Banalität, daß man unwillkürlich zum imaginären Rotstift greift.

Vielleicht hat der Autor gespürt, daß das, so grob sikzziert, nicht genügen kann, und daher eine zweite Geschichte dazugemischt, die nun allerdings so grell hingeklatscht ist, daß sie an eine Jerry-Cotton-Episode erinnert. Die plakativen sprachlichen Derbheiten, wohl provokant gemeint, lassen das letzte Fünftel des Buches vollends zum Klischee-Geschmetter verkümmern; und Verzeihung: Der Schluß ist wirklich Mist.

Man wünscht Benjamin Lebert einfühlsame Betreuung, um zum Kern dessen, was er erzählen will, vorzudringen und sich diesem Kern zu widmen. Das Skelett von »Der Vogel ist ein Rabe« böte Stoff für eine möglicherweise kurze, aber spannende Story. Vielleicht schreibt er sie irgendwann, wenn sich die Wolken von übertriebener Erwartung und hämischer Vorfreude verzogen haben und er Zeit und Muße hat, um sein möglicherweise vorhandenes Talent zur Kunst zu bilden.

geschrieben im August 2003 für den Musikexpress, dort (leicht gekürzt) gedruckt


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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