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Franz Hillebrandt:
Der sich selbst erfüllende Prophezeihund

Ein sympathischer Mann, der Herr Hillebrandt, tief in sich gekehrt findet er beim Lesen des eigenen Textes sich selbst kaum wieder, stolpert über die vielen grammatischen Fallstricke, die er dem Leser gelegt hat. Blickt zu Boden und scheint betrübt, weil er doch das Lob, das ihm sofort zuteil wird, gar nicht verdient hat. Oder so nicht will, ohne wirkliche Reflexion?

»Der sich selbst erfüllende Prophezeihund« brachte ihm nicht das Literatur-Stipendium der Stadt München ein; das hatte er schon, seit 1991.* Böse wäre, ihm deswegen vorzuwerfen, er habe allzu angestrengt nach Ideen gesucht und sie nur gedruckt gefunden; angemessen ist eher die Unschuldsvermutung. Denn Franz Hillebrandt kann man sich auch als einen vorstellen, der aus Prinzip keine Comics liest, und das hätte er wohl tun müssen, um die Idee zum »Prophezeihund« zu klauen, nämlich von jenem jungen Franzosen Marc-Antoine Mathieu, der 1990 in seinem Comic-Roman »Der Ursprung« zeigte, was man aus der Idee des Mannes, der das eigene Leben curricular bis zur präsenten Gegenwart als Buch niedergeschrieben entdeckt, auch machen kann.

Da hat Hillebrandt erst mal den alten, entscheidenden Vorteil, der auch ein Handicap sein kann: Er braucht keine Bilder für seine Geschichte. Ein Handicap deswegen, weil Mathieu Bilder viel weitergehend einsetzt, als nur um die Geschichte zu begleiten oder dem Autor Wörter zu ersparen, deren ergebnislose (weil in vielen Fällen erfolgreicher Comic-Autoren ergebnislose oder gescheiterte) Suche ihn ansonsten straucheln ließe. Der Franzose benützt vielmehr ausgestanzte Rahmen als Blickrohr in die Vergangenheit und Zukunft, die übernächste, viertfolgende Seite. Das kann der Nur-Wort-Autor nicht. Aber Hillebrandt nützt den Vorteil der Bilderlosigkeit, um sein Sprachvermögen zum wesentlichen Inhalt der Geschichte von Alexander Hund und den ihn begleitenden und umgebenden Personen zu machen.

Dieser Alexander Hund entblättert sich im Verlauf der Geschichte als gänzlich eigene Figur: Unempfindlich gegen Schmerz, vielleicht geworden durch die häßlichkeitsbedingten Hänseleien seiner frühen Altersgenossen, unempfindlich auch gegen alle emotionalen Anfechtungen des Lebens, explodiert seine aufgestaute Humanenergie in einem von vornherein zum Scheitern verurteilten animalischen Zeugungsakt, der, und da liegt auch die crux der Story, ebenso ohne Folgen bleibt wie die eigenartigen Vorgänge um ein Buch desselben Titels wie jenes, das die ganze Geschichte erzählt. Das nämlich erzählt selbige den Beteiligten, unterschiedlich weit, aber eben ohne Folgen. Der Schluß – »God fuck America. Godfuck. O God.« – bleibt rätselhaft nicht so sehr, wie er den Eindruck eines verzweifelten Befreiungsschlages erweckt. Der Autor weiß ganz offenbar nicht mehr weiter, also rennt er sich in die Absurdität. Pseudo-Bedeutung? Man sollte Franz Hillebrandt nicht unterschätzen, er weiß wohl, was er tut, er weiß auch, wie er es tun muß: Sein Ton ist leicht, die Wortwahl scheinbar schwerelos, detailliert jedoch, auf Federfüßen tänzelt er über die Oberfläche der Dinge, die ihm dabei zu zerbrechlichen Gehäusen geraten, Muscheln ähnlich, die mit Gewalt zu knacken nur dazu führte, daß der empfindliche Inhalt zu ungenießbarem Matsch deformiert würde.

Hillebrandt vermeidet diesen Fehler sehr geschickt, sticht mit ebenso verschmitzt wie zynisch gespitzten Lippen in die Weichteile absurden Wohlverhaltens und schafft so den Seiltanz zwischen sich selbst überladender Bedeutungssucht und sarkastischem Geplänkel. Um so enttäuschender ist, daß der Schluß dem ganzen Ballon die Luft rausläßt: Da ist ihm wohl die Idee zu groß, oder die Geschichte zu klein, geraten. Mathieu hat’s vorgemacht, aber der hat ja auch den Prix Goncourt dafür gekriegt.

geschrieben am 3. Juli 1994 als Gefälligkeit für Andre Panné, der mit mir in einem schrecklich mißratenen Seminar über »junge bayerische Autoren« saß – deren ältester, Ota Filip, nicht der einzige Nicht-Bayer war. Andre hatte damals gerade die Konkursmasse des Friedl-Brehm-Verlags übernommen und Hillebrandts Buch veröffentlicht. Was den Verlag vor einem neuerlichen Konkurs leider nicht bewahren konnte. »Das« übrigens kann der »Nur-Wort-Autor« doch: B.S. Johnson hat es gezeigt.

* Franz Hillebrandt hat mir inzwischen mitgeteilt, daß er das Stipendium 1991 sehr wohl für den "Prophezeihund" bekommen hat, der spätestens im Mai 1990 fertiggestellt gewesen sei. Ein eventueller Vorwurf des "Klauens" bei Mathieu ist damit selbstverständlich von vornherein nicht haltbar; auch die Formulierung, Mathieu habe "es vorgemacht", wandelt sich zur Ohrfeige an den Kritiker. Nennen wir es vorläufig (bis icheines Tages eventuell Zeit finde, den Text neu zu formulieren) eine Koinzidenz.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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