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Adrian Geiges: Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann
(Mein Leben zwischen Mao, Che und anderen Models)

Wenn der Brite "world revolution" sagt, meint er im Zweifelsfall die tägliche Umwälzung des Planeten, die der Schwarzwälder seit gut 250 Jahren auf trefflichen Idyllstrahlern samt Messingzapfen und mechanischem Kuckuck darstellt, um die gute Stube und das Leben mit einer Behaglichkeitsbeständigkeit vollzupumpen, bei der nicht mal der Mief in unvorhergesehene Bewegung gerät. Wenn hingegen ein Schwarzwälder Bub sich Mitte der siebziger Jahre der Weltrevolution verschreibt, dann klingt das durchaus kuckucksähnlich: "Wer was macht, des muß de Partei entscheide'. Aber, offe' gschtande, ich wü-wü-würd gern mehr mache'." (Nebenbei: Obacht, wenn einer sich selbst im Dialekt zitiert, aber so weit sind wir noch nicht.) Und so läßt sich der kleine Adrian aus dem Breisgau zum Berufsrevolutionär schmieden - im Schwarzwald des Deutschkommunismus sozusagen: der DDR, offiziell und streng geheim zugleich -, und hinterher kommt aber alles komplett anders.

Wenn, könnte man zum Kalauern sich hinreißen lassen, einer dies und so viel mehr erlebt hat, daß es mangels Stringenz und Plausibilität in einen Roman niemals hineinpaßte, sein Leben aber irgendwie aufschreiben mag, ohne genau zu wissen, wozu, und Geiges heißt, wundert's uns dann, wenn er die verwinkelte Geschichte vergeigt und am Ende nicht mehr herauskommt als ein Rapport von vielen Reisen und Geschehnissen, die der Protagonist meist ungerührt und motivlos treibend hinnimmt, angefangen beim Schwarzwaldkommunismus, von dem er mit keinem Wort erwähnt, was er eigentlich damit will, bis ans andere Ende der Welt, in den tobenden Wirtschaftsfaschismus beim Einmarsch in China; Fazit: "Leben ist für mich das Sammeln von interessanten Erfahrungen." Wem das noch nicht banal genug ist, der erfährt auf der letzten Seite: "Ich beschreibe die Welt, wie sie ist, nicht so, wie sie vielleicht sein sollte. Auch aus meiner Erfahrung heraus: Wer verbissen für das Gute kämpft, erreicht oft das Gegenteil." Da rauft man sich die Haare und hört den Kuckuck kuckucken und möchte dem Autor die "genüßliche" Runtererzählung seiner faden Fickkontakte ebenso um die Ohren hauen wie die Zeigefingeranprangerungen böser, böser Medienmenschen, in der vergeblichen Hoffnung, sein Gehirn könnte vielleicht doch mal kurz aufwachen.

Der kluge und hochgeschätzte Willi Winkler hat vorab von dem Buch berichtet und gemeint, es sei da skandalträchtig Sensationelles über Geiges' Arbeitgeber, den weltmächtigen Despotenkonzern Bertelsmann (hier "Elpermann") zu erfahren, über dessen totalitäre und korrupte Strukturen, über "Höflinge, Arschkriecher und Speichellecker" und Schwerverbrecher im Dienste des "Wachstums". In der Tat, wer davon entweder noch gar nichts wußte und Bertelsmann für einen beschaulichen Buchclub aus Westfalen hält oder aber so gut kennt, daß er die halbverschlüsselten Seitenhiebe gegen Einzelpersonen für den Medienmacherstammtisch brauchen kann, dem mag es dienlich sein, sich durch das kunst- und witzlos heruntergetippte Buch zu quälen. Allen anderen taugt es höchstens als Exempel für peinliches Nachtreten, antisympathische Angeberei und selbstzufriedene Idiotie, dessen Untertitel besser lauten sollte: "Wie es mir gelang, um und durch die Welt zu reisen und zu erleben, wie sich alles verändert, ohne irgend etwas zu begreifen".

geschrieben im Dezember 2007 für Konkret


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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