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Der Zeigefinger des Zeitzeugen
Literatur, Engagement und die Gruppe 47

Im Rahmen von Professor Herbert Rosendorfers Seminar zur Nachkriegsliteratur befaßten wir uns vor einiger Zeit (anläßlich der Behandlung von »Unbelehrbaren« und »inneren Emigranten« von Kolbenheyer über Benn bis Jünger) ansatzweise mit der Frage, ob es gute, große, bedeutende Literatur ohne Moral geben könne. Die Frage blieb weitgehend unbeantwortet; ich möchte sie umdrehen: Gibt es gute, große, bedeutende, vor allem, um einen problematischen Begriff einzuführen: zeitlose Literatur mit Moral?

In der gebotenen Kürze liegt nicht nur die Würze, sondern auch das Problem: Wir werden uns im Rahmen dieser Zeilen nicht darüber einigen können, was gute, große, bedeutende Literatur, schon gar nicht, was Moral ist. Ich werde daher einiges einfach behaupten müssen, wohl wissend, daß mir aus berufenem Munde energischer Widerstand sicher ist.

Ich meine: Gute Literatur (von großer oder bedeutender mag ich aus später zu erläuternden Gründen vorerst nicht sprechen) – gute Literatur zeichnet sich durch folgende Vermeidungen aus: Sie hinterfragt nicht, sie prangert nicht an, sie stellt nicht fest, sie unterstützt und verurteilt nicht, sie bezieht nicht Stellung, natürlich provoziert sie auch nicht, zumindest nicht absichtlich. Und selbstverständlich entzieht sich gute Literatur dem Ritt auf der Rasierklinge des Zeitempfindens, den unliterarische Menschen irrtümlich als Gegenwart bezeichnen. Gesellschaftskritik, soziologische Statistik, psychoanalytische Krämereien, die sogenannte aktuelle Politik und andere modische Hysterien schließen das Entstehen guter Literatur aus. Um einen mir sehr lieben Schriftsteller zu zitieren: Die gängige Auffassung von einer uns beständig umfließenden »modernen Welt« ist eine Abstraktion vom gleichen Kaliber wie etwa die »Quartärperiode« der Paläontologie. Die wirkliche moderne Welt ist (...) die Welt, die der Künstler schafft, sein persönliches Mirage, das eben dadurch zur neuen Welt wird, daß er gleichsam das Zeitalter, in dem er lebt, abschüttelt. Mein Mirage wird in meiner Privatwüstenei produziert, einer trockenen, aber flammendheißen Lokalität, vor der am Stamm einer einsamen Palme ein Schild mit der Aufschrift »Für Karawanen gesperrt« prangt. Natürlich gibt es durchaus auch fähige Köpfe, die mit ihren Karawanen von allgemeinen Ideen bei irgendwelchen Zielen anlangen – bei pittoresken Basaren, photogenen Tempeln. Aber ein auf seine Freiheit und Unabhängigkeit bedachter Romanschreiber hat in Wahrheit nicht viel davon, wenn er irgendwo mit- oder irgendwem hinterhertrabt.

Engagement ist also durchaus kein passender Schlüssel zu literarischer Größe, es sei denn, um sie auszuschließen. Das gilt noch mehr für den Irrtum eines literarischen Kollektivgeistes, der sich in kreativer Gruppenbildung niederschlage, um den geistigen Windhauch der einzelnen zu einem Sturm zu bündeln und als solcher in die marode, erziehungswillige Gesellschaft der »Gegenwart« zu fahren oder einem geistigen Blutreinigungstee gleich kräftigendes Elixier bis in ihre kapillaren Ausläufer zu transportieren. Zu klammen Massen zusammengeklumpte Bücher, vergessene Titel, amalgamierte Autoren sind die Folge – eine Literatur mithin, die den schulischen Literaturunterricht zum statistisch versäuerten Geschichtsunterricht macht. Und damit sind wir bei der Gruppe 47. Von Hans Werner Richter stammt das folgende Zitat: Wir waren überzeugt davon, daß der Mensch mit Hilfe des Wortes, d.h. der Literatur, verändert werden kann. Wir wollten die Mentalität der Deutschen grundsätzlich verändern, weg vom obrigkeitsstaatlichen Denken, hin zum demokratischen. Und dafür erschien uns die Literatur das geeignete Mittel. Ich denke, ich muß nach den zuvor angestellten Überlegungen nicht mehr betonen, daß und warum ich dies für einen Irrtum halte. Ich möchte lieber persönlich werden:

Die Gruppe 47 war irgendwann auch Gegenstand des Literaturunterrichts, der mir von der siebten bis zur 13. Klasse erteilt wurde – und ich kann mich deutlich erinnern, wie mein völlig ungebildetes, rudimentäres literarisches Empfinden auf die vorgelegten Texte reagierte (die tatsächlich neben der Darstellung der »gesellschaftlichen Bedeutung der Gruppe« nur eine kleinere Rolle spielten): Es war die Empfindung enttäuschter Neugier. Vielleicht war die Neugier schon im voraus enttäuscht, da ich ja darauf hingewiesen worden war, die Gruppe sei als solche bedeutend, wichtig, gut gewesen. Welche Texte wir dann wirklich auch lasen, habe ich vergessen. Ich weiß noch, daß mich bei dem schwülstigen Wortpudding von Günther Grass körperlicher Ekel packte, daß mir vieles andere bemüht, gut gemeint, ermüdend und pathetisch erschien. Rückblick ins Gruselkabinett der Sprache, schrieb Reinhard Lettau später über die Berichterstattung von den Treffen, die natürlich wenigstens historisch von der Gruppe selbst nicht zu trennen ist, und weiter: Da wird 1948 »der Gegenwart auf den Zahn gefühlt«, vom »Gefechtsgang der Diskussion« und »geballtem Stil« berichtet, eine »saubere und echte Haltung« gefordert, die »Achtung« vor der Sprache als »echt«, »aufrichtig«, »hell, sauber« bezeichnet.

Meine Reaktion war vielleicht typisch, auf jeden Fall eindeutig: Ich verweigerte mich den literarischen Erziehungsversuchen und – in deren Folge – dem ganzen sogenannten »Literaturbetrieb«, der in den bundesdeutschen 70er Jahren auf Banketten, Galas, Preisverleihungen, Messen und Kundgebungen wimmelte. Mir tönt noch heute aus dem allzu deutschen Wort »Betrieb« allzu deutlich das Echo »Mahlzeit!« entgegen. Lieber las ich andere Sachen, deren Auflistung meinen Trotz wiederspiegelt: Jürgen Beckelmann, Hermann Kinder, Jörg Fauser, Achternbusch und Valentin, Hermann Harry Schmitz, Walter Richartz, Arno Schmidt, Nietzsche und Johannes Scherr, ausländische Autoren wie Nabokov, Saki, Bierce, Mark Twain, Sterne, Vian, Pitigrilli und John Fante oder gleich Science Fiction und Donald Duck. Eine leichte Irritation bei der Feststellung, daß Ror Wolf, Jakov Lind und Reinhard Lettau an Treffen der Gruppe 47 teilgenommen haben, rief mir deren Existenz jedoch kaum ins Gedächtnis zurück, ich vergaß sie gleich wieder.

Die Wiederbegegnung fand im Frühjahr 1998 statt; ein erstaunliches Erlebnis: Beim Blättern in Toni Richters Buch über die Gruppe 47 stellte ich fest, daß man die ganze Sache auch völlig anders sehen kann. Zwar stand ich im Nu erneut bis zu den Knöcheln im wäßrigen Pathos gut gemeinter Ansprüche, doch ließ mich das Lebensgefühl, das vor allem aus den Bildern spricht, einiges verstehen: Mit einem Dritten Reich im Keller, den Trümmern noch vor der Tür, Jahre der sprachlichen und literarischen Lähmung und Isolation so eben überstanden – wie sollte man da anders als eben so reagiert haben: euphorisch, kollektiv, überschäumend vor Sprach- und Tatendrang? Die Begeisterung des in der Wüste Verlaufenen, der im Gefühl sicheren Verdurstens von einem plötzlichen Regenschauer überrascht, gerettet und wiederbelebt wird, ist kaum nachzuvollziehen für den, der am Ufer des Flusses geboren und aufgewachsen ist. Auch nicht jene überschäumende Freude über die kleinen, zarten Pflänzchen, die nach dem ersten Regenguß dem Wüstensand entsprießen: Disteln, Gras, banales Unkraut? Nein, neues Leben in einer Welt, die bis dahin offenbar nur den tödlichen Wechsel gläserner Kälte und brennender Hitze kannte. Das Neue ist zu offensichtlich, zu schön, als daß sich ausgerechnet die Literatur dem mitreißenden Strom wiedererwachten Lebens entziehen könnte.

Ich will Empathie und Sympathie nicht zu weit treiben. Nach wie vor kann ich Heinrich Bölls banale Geschichte von den »schwarzen Schafen« nur seufzend mit bleiernen Lidern lesen. Nach wie vor finde ich in Ilse Aichingers »Spiegelgeschichte« das Mißverhältnis zwischen dem billigen erzählerischen Trick und dem schwülstig-witzlosen Pathos unerträglich. Nach wie vor wird mir bei Alfred Anderschs aufdringlichem Engagement ungemütlich. Nach wie vor läßt mich Martin Walsers konstruierte soziale Symbolik kalt, stößt mich Günter Grass‘ schmatzende Erzählflut ab. Selbst in Günter Eichs wunderbaren Gedichten finden sich Stellen wie diese: (Man sagt, die Mißgeburten nähmen seit Hiroshima zu.) Und der Gedanke, daß ich der Gruppe 47 wohl auch die andauernde Allgegenwart von Marcel Reich-Ranickis ebenso ahnungslosem wie narzißtischem Geschwätz verdanke, die, wie Wolf Wondratschek kürzlich (im Zeit-Magazin) meinte, »Krankschrumpfung« der Literatur in Deutschland auf »Das Literarische Quartett«, läßt meinen Trotz immer wieder aufflammen.

Die Frage lautete: Gibt es gute, große, bedeutende Literatur mit Moral? Ich meine: nein. Aber es gibt Situationen, die moralisches Engagement notwendig, wichtig, wenigstens unvermeidlich machen. Im besten Falle ist die Literatur, die ihm entspringt, gut gemeint, großartig und bedeutungsvoll. Und bald vergessen, sofern sie nicht irgendwann wiederentdeckt wird, was jedoch an ihrer inneren wie äußerlichen Verbundenheit mit zeitlichen und historischen Aktualitäten nichts ändern kann.

Damit man mich richtig versteht, will ich zum Schluß einen ganz unpassenden Vergleich bemühen: Zur Vorbereitung auf die momentan laufende Fußball-Weltmeisterschaft wiederholte die ARD kürzlich die wichtigsten Spiele früherer Turniere, unter anderem die Endspiele von 1954 und 1990 mit dem jeweiligen Originalkommentar. Bei ersterem konnte man einen dem Nervenzusammenbruch nahen Reporter erleben, dessen Stimme ihrer Sprache nicht mehr Herr wurde, weil sie gleichzeitig von Hysterie und Tränenseligkeit geschüttelt wurde. 1990 hingegen enttönte beim entscheidenden Strafstoß dem Fernsehgerät ein nüchtern gebrülltes »Jaaa!« von Karlheinz Rummenigge, der wenige Minuten zuvor seinen papierenen Emotionen mit der Bemerkung »Spielfluß momentan wahrlich gehemmt« Ausdruck verliehen hatte.

Die Welt ist kein Fußballspiel. Und die Literatur ist kein Spielkommentar. Das wollte ich sagen.

Geschrieben am 9. Juni 1998 als Referat für das eingangs erwähnte Seminar. Der Sitzung, in der es verlesen wurde, wohnte Heinz Friedrich bei, der bei dieser Gelegenheit sehr deutlich auf die maßlose Überschätzung der literarischen Bedeutung der Gruppe 47 hinwies, in Sachen Günter Grass jedoch (zumindest was die »Blechtrommel« angeht) eine andere Meinung vertrat als ich. Das Referat wurde auf Wunsch von Herbert Rosendorfer für den Abdruck in der Zeitschrift »Bayerische Literatur« leicht verändert und erweitert, dort aber meines Wissens nicht abgedruckt.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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