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Es ist ein komisches Gefühl, wenn man Kugeln an den Füßen hat. Die fühlen sich weich an, was man irgendwie lustig und schön findet, aber trotzdem fragt man sich manchmal: Ja wie? Seit vier Jahren erscheint alle vierzehn Tage meine Kolumne "Belästigungen" in dem schönen Stadtmagazin "In München", und kaum war sie da dreimal erschienen, hatte sie Kugeln an den Füßen. Ich wollte damals erklären, warum man sich manchmal wünscht, Klaus Kinski zu sein, und diese Erklärung ist mir aber so wortreich und zusammengeschwurbelt geraten, daß ich mir am Ende gewünscht habe, ich wäre nicht Klaus Kinski, sondern eine von diesen zwei Kugeln (von denen die eine übrigens gar keine richtige Kugel war, sondern eher ein Tropfen, aber das lassen wir jetzt lieber, weil es sonst zu kompliziert wird und man sich am Ende wünscht, man wäre doch Klaus Kinski), die da in das Fernsehen hineinschauten und aber nicht Klaus Kinski, sondern sich selber betrachteten und etwas in der Hand hielten, was man sich in solchen Augenblicken selber in die Hand und dann in die Gurgel hineinwünscht.

Es ist übrigens nicht ganz ungefährlich, wenn etwas auf elektronischem Weg, zum Beispiel über das Fernsehen, mit sich selber in Kontakt tritt, weil es dabei zu einer "Rückkoppelung" kommen kann, wie sie wahrscheinlich jeder schon mal auf einer Rockmusikveranstaltung erlebt hat: Das röhrt und heult ganz ordentlich, und weil es eben "rückkoppelt" (oder "rückgekoppelt" ist; ich weiß das auch nicht so genau), hört es nicht mehr auf, bis einer den Stecker rauszieht. So ähnlich war das mit den Kugeln, die meiner Kolumne an den Füßen hingen: Die haben nicht mehr aufgehört, sondern sind, wie man hier sagt, immer weitergegangen; aber geheult und geröhrt haben sie nicht, sondern unscheinbare Sachen gemacht, die jeder irgendwann mal macht - zum Beispiel sind sie auf einer Eisscholle herumgetrieben, durch die Wüste marschiert, haben über Popcorn und Sternschnuppen gelästert, sich verkleidet, die Natur beobachtet, den eigenen Körper erkundet, Proust und "Casablanca" zitiert, die Welt als Labyrinth erlebt, lustige Lieder gesungen, philosophiert, geträumt, gereimt, Chancen verpaßt und Lösungen gefunden, sich je nachdem eingemischt oder rausgehalten, sind unter Bäumen und in Kellern gesessen, haben auch mal ein Theater gemacht, Sachen gesehen, die es angeblich gar nicht gibt, manches kapiert und manches überhaupt nicht verstanden und trotzdem kapiert … und wenn man genauer darüber nachdenkt, sind das alles genau die Tätigkeiten, die man ausführt, wenn man das oben Erwähnte in der Hand und/oder auf dem Tisch und in der Gurgel und infolgedessen dann auch im Kopf hat. Das ist ein Bier, wie man hier sagt (was, dies nur am Rande, keine Mengenangabe ist, weil es nicht EIN Bier heißt, sondern ein BIER). Das muß man trinken, weil man sonst die Welt nicht versteht. Wenn man dann genau hinschaut, sehen die Kugeln aus wie ein Huhn und eine Maus. Nein, wie ein Küken und ein Mäuschen. Und wenn man noch genauer hinschaut, hat man manchmal das Gefühl, daß man selber ein Küken oder ein Mäuschen ist, oder beides auf einmal.

Jedesmal, wenn ich festgestellt habe, daß meine Kolumne kükenmäusige Kugeln an den Füßen hat, habe ich mir ein Bier eingeschenkt und gedacht: Ja freilich! So kurz und wortarm möchte ich das auch mal sagen können! Dann habe ich bemerkt, daß ich gar nicht gewußt habe, was das Küken und das Mäuschen und ihre jeweilige Beiderleisamkeit eigentlich genau sagen - das war dieses lustige, weiche Gefühl; und das hat mir noch mehr gefallen, weil ich selber manchmal auch nicht genau weiß, was ich sage (oder sagen will). Die anderen Leute sagen dann entweder "So so!" oder "Was ist daran eigentlich lustig!" - und lachen tun beide, oder nicht lachen, sondern lächeln bis höchstens grinsen, weil das weicher ist und besser zu den Kükenmäuschenkugeln paßt. Ungerecht ist, daß es von meiner Kolumne schon vier Bücher gibt und von dem Küken und dem Mäuschen bis vor ein paar Minuten noch gar keins; aber das kommt davon, wenn man alles oder irgendwas immer so kurz und unverschwurbelt und ohne tausend Metaphern, Allegorien, polemische Nebenkanäle, Faktenlisten, Zahlenreihen, Klauskinskiwerdungswünsche usw. usf. sagen kann. Seien wir froh, daß Steffen Haas und Gunter Hansen nicht so klug sind wie dieser eine Philosoph, der erkannt hat, daß die höchste Form eines weisen Weltkommentars das Schweigen ist. Dessen Werke bleiben, wie man heute sagt, "gänzlich" ungedruckt. Soll ich noch was sagen? Ich habe mal mit Steffen Haas ein lustiges Lied gesungen, vor wahnsinnig vielen Jahren. Das Lied hat keiner verstanden (aber alle haben gelacht); es hatte sieben oder acht Strophen, von denen ich eine und er gleichzeitig sechs oder sieben gesungen hat. Das versteht aber jetzt auch wieder keiner, fürchte ich. Und das mit den Pflastersteinen, das führt sowieso zu weit.

geschrieben im Junl 2005 für die Buchausgabe der Comicserie von Küken und Maus im Strapazin-Verlag; dort in einer leicht veränderten, gekürzten Version erschienen


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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