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Hermann Kinder hat einige der sonderlichsten, schönsten und erbarmungslosesten Bücher der letzten dreißig Jahre in die deutsche Literatur hineingeschrieben, die sie verschluckt und unverdaut wieder ausgeramscht hat, während die diversen Großsprecher, die sich an seinen Themen (Melancholie, Vergeblichkeit, Absurdität, das Leben, die Liebe, der Tod) abfaselten, kaum je an seine Klarheit und Wirrnis, Milde und Bosheit, Verzweiflung, Wut und sprachliche Tiefe heranreichten. Man hat ihm, immerhin, den "Hungertuch-Preis" verliehen; aber sich abgefunden hat er nie, auch wenn es darum im neuen Roman geht, der auch so heißen könnte wie sein kleines Meisterwerk von 1983: "Liebe und Tod" - was bleibt vom Leben, wenn man wg. natürlicher Alterung langsam, dann immer schneller hin- oder herausrutscht aus der Welt der Intensiven, Schnellen, Fitten, die vom Verfall nichts wissen möchten, sondern immer weiterwachsen und sich selbst erfahren, und neuerdings immer lauter blöken, ihr Planet und ihre Zukunft würden ihnen kaputtgefurzt vom Rentengekropp, das ständig älter und unfinanzierbarer werde?

Kinders Erzähler wird alt: Die Kinder hauen ab, die Frühpensionierung naht und geht vorbei, seltsame Krankheiten holen sich ihren Teil vom Glück, die Frau (weil noch tätig) ist fern, die Weggefährten ein verschrulltes, verschrobenes Häuflein, das nur eines verbindet: Sie sind absolut nicht mehr "fit für die Zukunft", nur noch für "des Menschen einziges Problem": seinen Tod, den jeder weiß und keiner kennt, der am Ende all des Hetzens, Zielens, Ankommens steht.

So lebt der Mann dahin, schaut auf die Welt und erzählt vom Fließen der Zeit, von Zumutungen, Demütigungen, winzigen Freuden, von Dummheit und Widersinn, Einsamkeit und Leere, Trost und Nähe und wie alles mißrät und doch gelingt. Das Ende kommt schlimm und leicht und so plötzlich wie gewohnt. Und erzählt ist das mit soviel klugem Feinsinn, Witz, Zorn, Zynismus und (ja, trotzdem) Liebe, daß es eine richtige Freude ist, ein wohliges Bad im süßen Pfuhl der Depression und Misanthropie, des komischen Entsetzens.

Als einzige Eintrübung der Begeisterung sei vermerkt, daß es eine Unverschämtheit ist, einem derartigen Wortschöpfer und -setzer wie Kinder eine absurde Bastardform von "Reformdeutsch" aufzuzwingen, wo dann Flugzeuge "zusammen stoßen" und Menschen "zusammen brechen"; aber vielleicht habe ich da ein Stilmittel nicht verstanden.

geschrieben Ende August/Anfang September 2006 für Konkret


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

well his coat is torn and frayed / cause he's seen much better days