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Ingo Schulze: Simple Stories

Der deutschen Literatur geht es schlecht, und das liegt an der Geschwindigkeit, mit der der »Literaturbetrieb« seine Erzeugnisse auf den Markt brettert und von geifernden Medienhuren in rosarote Wolken loben läßt. Zum Beispiel dieses Buch: Das sei der langersehnte Roman des vereinigten Deutschland, läßt sich Wolfgang Höbel (Spiegel) auf der Rückseite zitieren. Dabei ist es gar kein Roman, schon gar nicht des vereinigten Deutschland: Ein paar Leute tun in diesem Buch nichts so sehr wie reden, reden, reden (Dialog, der nicht stil- und strukturbildend wirkt, ist Nabokov zufolge »nichts als automatisches Maschineschreiben, amorphes Gebrabbel, das Seite um Seite füllt, über die der Blick des Lesers hinweggleitet wie eine Fliegende Untertasse über die Staubwüste«; man kann das anders sehen; ich sehe es so), dazwischen passiert dies und das, worüber meist nur geredet wird. Was tun die Personen sonst? Sie ziehen um, führen ein marodes Taxiunternehmen, lagern grüne Bananen auf dem Balkon. Nichts Wesentliches. Ab und zu wird ein bißchen gestorben, an Herzinfarkt beim Angeln oder durch einen Radunfall. Das war’s im wesentlichen, aufhören tun die fast dreißig kurzen Storys oft mit den pseudo-melancholischen offenen Enden, die wir aus der schlechten US-Literatur kennen.

Überhaupt: kennen. Gerne läßt sich Herr Schulze mit Hemingway, Faulkner, Sherwood Anderson vergleichen, und das tun die Rezensenten so ausdauernd, als handelte es sich um einen Wettbewerb. Und warum? weil es wie bei Anderson angeblich um eine kleine Stadt geht, in der viele der Personen wohnen? weil der Titel »Die Killer« von Hemigways bekanntester short story übernommen ist, die die entsprechende Story vielleicht ironisch zitiert (nur: warum)? Ich weiß es auch nicht. Denn andere Vergleiche liegen viel näher, doch sind die entsprechenden Bücher, obwohl nicht alt und überall erhältlich, leider fast oder ganz vergessen: Zum einen kopiert Schulze ziemlich schamlos und leider auch unbeholfen die Methode von Frederick Barthelme, in dessen Romanen auch Leute irgendwo sind, sich treffen, etwas tun und sich wieder trennen. Bei Barthelme entsteht aus der Sinnlosigkeit des Ganzen eine alles erfüllende Melancholie, bei Schulze nur Gleichgültigkeit: Wozu soll ich das lesen, fragt man sich sehr bald, und am Schluß: Wozu habe ich das gelesen?

Ein zweiter naheliegender Vergleich, bei dem Schulze noch viel schlechter abschneidet, wäre Walter E. Richartz‘ »Büroroman«. Hier wie dort wird Alltag beschrieben, deutscher Alltag (vereinigt hin oder her, das spielt keine Rolle). Hier wie dort wird gezeigt (oder soll gezeigt werden), wie traurig, elend, ausweglos, blödsinnig und schrecklich das alles ist, was sich da in unbewohnbaren Bürostädten täglich abspielt. Der Unterschied ist fundamental: bei Richartz funktioniert es, bei Schulze nicht. Vielleicht liegt der Fehler in der offensichtlichen Eile, in der Schulze sein Buch heruntergeschrieben hat und die sich zum Beispiel auch darin äußert, daß in einer Geschichte, die ansonsten im Präsens erzählt wird, ein Satz im Präteritum steht, oder daß eine Frau namens Billi einmal plötzlich Billy und ein paar Zeilen weiter wieder Billi heißt. Diese Eile hat dazu geführt, daß aus all den vielen Dialogen nur eine Stimme spricht, die man sich unwillkürlich als die des Erzählers/Autors, eben Schulzes selbst, vorstellt. Dialog, Nuancen, persönliche Sprechweise, typische Wendungen: Fehlanzeige. All diese Personen denken und reden absolut gleich, und zwar so, wie man das aus schlecht übersetzter schlechter US-Literatur kennt. Und eigentlich tun sie auch alle das Gleiche. Ein armseliges Buch.

geschrieben im Juli 1998 in Italien während und nach der Lektüre (und dem Wiederlesen des erwähnten Buches von Walter Richartz), ohne Auftrag, nicht gedruckt


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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