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Jürgen Dahl:
Der Tag des Astronomen ist die Nacht

Jürgen Dahls Essay »Von der Vergeblichkeit der Himmels-Erforschung« ist nicht umsonst in keiner Buchhandlung vorrätig, sondern im Manufactum-eigenen Manuscriptum-Verlag erschienen: Eine so offensichtlich gegen den Zeitgeist gerichtete, dabei jedoch nicht von neuen sensationellen »Fakten«, sondern allein vom müßigen Spaziergang skeptischer Gedanken getragene Mischung aus amüsanten Gemeinplätzen und ebenso amüsanter Überheblichkeit und Katheter-Bosheit in manchen Formulierungen ist heute nur noch dort denkbar und vermarktungsfähig, wo man auch Messer aus rostendem Kohlenstoffstahl kauft, weil sie zwar das chemische Bad in der Spülmaschine nicht vertragen, dafür aber besser schneiden.

Lesenswert ist der Essay trotzdem (?), zudem schnell gelesen und eines gelegentlichen Wiederlesens schon deshalb wert. Vor allem Dahls Ausführungen über die verzweifelten und vollkommen aussichtslosen Versuche des Menschen, mit anderen »Lebewesen« in den Tiefen des Weltraums, dessen wissenschaftliche Darstellung sich von der Wirklichkeit so unterscheidet, »wie sich das Foto eines Feuerwerks von diesem selbst unterscheidet«, verdienten eine Aufmerksamkeit, die über die spätnächtliche Versunkenheit des einsamen Mit-Skeptikers hinausginge; und sei es nur aufgrund von Details, an die man sich kaum erinnert, an die sich jener Weltraum aber unfreiwillig noch in Jahrtausenden erinnern wird, wenn die Erde längst im Müllstaub versunken und Stimme und Ohr nach »draußen« mangels menschlicher Population taubstumm geworden sein werden. Zum Beispiel könnte es dann passieren, daß – sagen wir mal: im fiktiven Jahr 7.297.367 – jemandem zufällig jene kleine Kapsel auf sein planetarisches Hausdach fällt, die die »NASA« genannte Seitenorganisation der US-amerikanischen Militärindustrie 1977 ins All katapultiert hat. Besäße der extraterrestrische Lebenswurm zufällig nicht nur Ohren, sondern auch einen Plattenspieler, könnte er die Stimme von Kurt Waldheim vernehmen, dem österreichischen Bundespräsidenten und Herrenreiter aus dem Zweiten Weltkrieg, der, zu jenem Zeitpunkt als UNO-Generalsekretär eigentlich für irdischere Belange beruflich zuständig, verkündet, wie klein und von Demut und Hoffnung erfüllt nicht nur er, sondern die ganze längst verwehte Ansammlung von Fleischwesen sich fühle. Es ist natürlich nicht schade, daß nach dem Tod der Menschheit weder Gedichte noch Musik oder Bildkunstwerke in dem jedenfalls weithin, möglicherweise in seiner »endlichen, aber unbegrenzten« Weite und Tiefe leeren All zurückbleiben. Bizarr mutet die Vorstellung an, das einzige, was je als Spur einstigen, singulären Lebens zurückbleibe, könne die Stimme dieses Mannes sein, und noch nicht einmal die Stimme selbst, sondern die uneinlösbare Möglichkeit, die Stimme ertönen zu lassen.

Welch komischer Zufall, daß ich nach Beendigung dieser Lektüre ausgerechnet zu Lord Dunsanys Sammlung von Klub-Geschichten (Jorkens borgt sich einen Whisky; Zürich 1957) greife und sie dort aufschlage, wo ich vor Dahl unterbrochen hatte, um ausgerechnet die herrliche Kürzest-Geschichte »Die Antwort« zu finden: Da ist ebenfalls von außerirdischem Leben die Rede, und vom hoffnungsfroher anmutenden, aber nicht weniger verzweifelten Versuch, von diesem Rede und Antwort zu erhalten. Natürlich ist der Rahmen kleiner: Die anderen leben auf dem Mars, aber was sie der Botschaft (dem Lehrsatz des Pythagoras, als Graph dargestellt in Form von gewaltigen, in der nördlichen Sahara entzündeten Signalfeuern) zu entgegnen haben, ist Antwort genug für Äonen: das Bild eines etwas anderen Dreiecks nämlich, eines Galgens, dessen vom Signal in menschliche Sprache übersetzte Lautung eindeutig ist: »Hängt euch auf!«

geschrieben am 17. Juli 2001 ohne Auftrag, daher auch nicht und nirgends gedruckt


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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