über Literatur:
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
über Bücher:

Christian Anders:
Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

Herman Bang: Sommerfreuden

Ralf Bönt:
Berliner Stille

Jürgen Dahl: Der Tag des Astronomen ist die Nacht

Franz Dobler:
Johnny Cash

Milan Füst:
Die Geschichte meiner Frau

Adrian Geiges: Wie die Weltrevolution ...

Gunter Hansen & Steffen Haas:
Das Küken, die Maus und das Bier

Franz Hillebrand: Der sich selbst erfüllende Prophezeihund

Wladimir Kaminer:
Mein Leben im Schrebergarten

Hermann Kinder:
Mein Melaten

Christian Kracht:
New Wave

Rainer Langhans:
Ich bin's / K1

Benjamin Lebert: Der Vogel ist ein Rabe

Joachim Lottmann:
Zombie Nation

Paul Murray: An Evening of Long Goodbyes

Ulrich Peltzer: Alle oder keiner

Jens Petersen:
Die Haushälterin

Der Punk- und Bärte-Rabe

Tim Renner:
Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm

Richard Rigan: Rock'n'Roll, Sex und keine Lügen

Das neue "Rocklexikon"

Ingo Schulze: Simple Stories

Walter Serner:
Letzte Lockerung

Logan Pearsall Smith: Trivia

Thomas Steinfeld: Riff - Tonspuren des Lebens

Everett True: Hey Ho Let's Go! The Story of the Ramones

Tine Wittler: Parallelwelt

Jens Petersen:
Die Haushälterin

Man soll so was nicht machen, aber man kommt ja auch nicht drum herum: einem Autor ins Gesicht und in die privaten Verhältnisse zu sehen. Jens Petersen wirkt auf den ersten Blick popkompatibel, auch wenn er gerne lächelt; Weltläufigkeit (Studium in München, Lima, New York, Florenz, Buenos Aires), Alter (29) und ein gewisser Verdacht bürgerlicher Saturiertheit (er ist Arzt) lassen nicht erwarten, daß sich so einer ins dornige Unterholzgestrüpp diverser Realitäten hineinwühlt. Aber Petersen feuert weder Kanonaden von Markennamen und Paraphernalien oberflächlicher Konsumexistiererei ab, noch wurstelt er pseudoverstiegen herum; er verzichtet auf nationales Pompgetöse und Ennui-Fadheiten, läßt keine Planeten, Städte, noch nicht einmal Gebäude explodieren und kann dazu auch noch bemerkenswert gut mit der deutschen Sprache umgehen, was so selbstverständlich ja nicht (mehr) ist. Seine Geschichte ist, ebenfalls auf den ersten Blick, vollkommen unspektakulär; sie scheint noch nicht einmal dem Thesenlabor bundesrepublikanischer Sozialhistorie zu entstammen, und doch fesselt sie, sanft, aber unnachgiebig.

Philipp ist sechzehn und noch dabei, den Tod seiner Mutter zu verdauen, als sein Vater sehr rapide aus dem gewohnten Leben fällt: Er verliert seinen Job, fängt an zu trinken, holt Frauen aus seiner Vergangenheit ins Haus, die dem Sohn unwürdig erscheinen (die Nachbarn sind: "ein junges Ärztepaar, ein Steuerberater, ein Pastor und der Kassenwart der SPD"), stürzt schließlich die Kellertreppe hinunter. Während er im Krankenhaus liegt, beschließt der Sohn, es sei nötig, eine Haushälterin anzustellen, und beschwört damit eine Reihe von Konflikten herauf. Ada ist Polin, nicht soviel älter als Philipp, daß er sich nicht ausweglos in sie verlieben könnte, und soviel jünger als der Vater, daß dieser höchstens väterliche Zuneigung empfinden wird, wie er meint. Aber das Leben ist nicht so einfach, wie der Sohn meint, es läßt sich auch nicht mit Trotz zwingen, einfach zu werden, und es wird immer komplizierter und bleibt dabei doch, für den Leser, so leicht, als schwebte alles außerhalb der Zeit.

Nein, ein Mitglied der selbsternannten Wichtigkeitstruppe "Relevante Realisten" ist Petersen nicht, ebensowenig wie einer der vielen modisch-flüchtigen Carverianer; seine Geschichte schert sich vordergründig nicht oder kaum um soziale Kontexte. Sie läßt die Fäden, an die sie da anknüpfen könnte, in der Gegend herumbaumeln, enthält sich aber andererseits auch der Vortäuschung diffuser Schicksalsschwere, konzentriert sich ganz auf das, was Philipp passiert, was er tut und was mit ihm geschieht, und wirkt so, allen "historischen" Hinweisen zum Trotz, fast zeitlos. Das gilt auch für Petersens Sprache, die man durchaus "lakonisch" nennen könnte, die jedoch bei aller Sparsamkeit hochmusikalisch und streckenweise so poetisch ist, daß man Sätze unwillkürlich halblaut liest, weil sie so schön klingen. Er erzählt in knappen Dialogen, hingetupften Bildern, die durch wenige Details lebendig werden, und erst im letzten Drittel des Buchs (wo ihm dann auch der eine oder andere falsche Konjunktiv hineinrutscht) könnte einen der Verdacht beschleichen, da habe einer sein Handwerk so gut gelernt, daß die Geschichte selbst vielleicht nur eine erzähltechnische Etüde sei, die der Autor mit leichter Hand und innerlich ungerührt absolviert. Was den Roman als solchen jedoch nicht schlechter macht.

geschrieben im Juli 2005 für Konkret, dort (leicht gekürzt) gedruckt


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

The guarantee to break the promises you made etc. etc. - what did Kevin say and why did he get erased?