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Joachim Lottmann: Zombie Nation

Man ahnt gar nicht, was einem alles erspart bleibt.

Zum Beispiel berichtet der Klappentext dieses Buches von einer "aktuellen deutschen Buddenbrooks-Manie", von der ich Gott sei Dank noch nichts bemerkt habe. "Zombie Nation" sei, erfahren wir weiter, "der erste Familienroman der Popliteratur" - und das ist er selbstverständlich ebensowenig wie die Analyse einer wandelnden Leiche namens Nation oder überhaupt ein Roman.

Joachim Lottmann: notorischer "Pop"-Vielschreiber mit wesentlich mehr unveröffentlichten als gedruckten "Werken", von dem man sich seit Jahren fragt, wieso um sein Geschreibsel - etwa das steinlangweilige Tagebuchgetippse "Mai, Juni, Juli" von 1987, angeblich jahrelang vergriffen und verschollen, obwohl die Taschenbuchausgabe in der Moewig-Reihe "LiterArt" (doch, die gab es!) in den Ramschkisten vergammelte - soviel Aufhebens gemacht wird. Der hat neuerdings entdeckt, was ihm fehlt: eine Geschichte - keine zum Erzählen, sondern eine persönliche, familiäre, richtig historische; und so macht er sich unter dem Pseudonym Johannes Lohmer auf die Suche nach seinem Stammbaum, zählt Namen auf, reißt ein paar Lebensverläufe an und scheint selbst zu ahnen, daß man, um sich für den Krimskrams zu interessieren, Lottmann heißen müßte.

Freilich ist das Wühlen nach der Vergangenheit nur Vorwand, um das zu tun, was er immer tut: drauflosplaudern, in die Tastatur hacken, was ihm so durch den Kopf und durchs Leben geht, von Weihnachten 2004 bis zu den Neuwahlen, garniert mit bereits veröffentlichten Zeitungsartikeln, gesprenkelt mit typischen Dauerschwafler-Sprachfehlern. Das ist stellenweise fast (!) geistreich, manchmal (unfreiwillig?) komisch, meist ungeheuer unerheblich und öde - Lottmanns Beobachtungen und Einschätzungen zum politischen Tagesgeschehen sind höchstens stammtischmedioker, der Hang zum schlüpfrigen Schenkelklopfer in Sachen Deutschland und Frauen immer peinlich, vor allem merkt man dem Buch an, daß es ein Konvolut von Gelegenheitsnotizen ist.

Das macht den geringen, aber erwähnenswerten Reiz aus: Man kann es an einer beliebigen Stelle aufschlagen, und wenn man großes Glück hat, erwischt man eine einigermaßen nette Beziehungsanekdote (etwa Seite 237-246). Hat man Pech, schlägt man es halt wieder zu und ahnt kaum, was einem alles erspart bleibt.

geschrieben im Juli 2006 für Konkret


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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