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Wladimir Kaminer:
Mein Leben im Schrebergarten

Kaum irgendwo kulminiert das, was man ein deutsches Gemüt nennen könnte, so dicht und in einer so eigentümlichen Gemengelage aus Zwang und Freiheit, Gewalt und Stille, Disziplin und Vollanarchie wie an jenem Ort, den man nicht ganz unzweideutig "Parzelle" heißt und wo Betrieb und Treiben nicht nur von Satzungen, Vorschriften, Ordnungen, Maßregeln, sondern gleich von einem ganzen Bundeskleingartengesetz geregelt, geordnet, vorgeschrieben und gesatzt sind. Seit ziemlich genau 200 Jahren west das Tum der Gfd (Gartenfreunde, offizielle Anrede!), fälschlich benannt nach Doktor Daniel Gottlob Moritz Schreber, der nicht die individuelle Bohnenzucht im Sinn geführt hatte, sondern pädagogisch betreutes Kinderspielen - andererseits jedoch ist das, was sich abspielt innerhalb und zwischen den Drahtmaschen und Latten der Grüngevierte, durchaus geprägt von einer Infantilität, die man den stadträndigen Konglomeraten schon beim (zu den Öffnungszeiten gesetzlich gestatteten) Hindurchspazieren ansieht und -spürt.

Es ist der Kleingarten, wie gesagt, ein Ort der Widersprüche: Da genießt man die Ruhe und terrorisiert sich mit kollektivem Häcksel-, Mäh- und Sägmaschineneinsatz, da läßt man der Natur freien Lauf, aber um Himmels Willen keinen faulen Apfel herumliegen und die Grasnarbe nicht über Vorschriftsmaß wuchern. Da ist man offen und frei und schützt sich mit Schloß und Stacheldraht; da mag man sich und hilft man sich und zerrt einander wegen Geringstfügigem vor alle denkbaren Ausschüsse und Gerichte.

Kann man das, was da geschieht, ergründen und erklären? Man kann es wenigstens beschreiben, dazu jedoch bedarf es eines Blicks, der sozusagen zwischen den Zäunen sitzt: von draußen nach drinnen, von drinnen nach draußen, engagiert, aber uninfiziert und am besten ohne den Anspruch, verstehen zu wollen. Wladimir Kaminer ist für den Posten eines Deskribenten deutscher Kleingarten(sub)kultur bestens geeignet, schon rein biographisch (als Deutscher, der seine ersten 23 Jahre in der Sowjetunion verbrachte, als Berliner Großstädter und Neu-Schrebergärtner), aber auch literarisch, weil er sich jeder Gründelei und Metaphorik enthält und einfach aufschreibt, was ihm zustößt bei seinen Versuchen, sich einzuordnen in "das letzte Bollwerk des deutschen Spießers" und dort, in der Kolonie "Glückliche Hütten", den Traum von Naturnähe und agrarischer Selbstverwirklichung, wahr zu machen. Er erzählt von Nachbarn, Biotoiletten, Katastrophen und schönen Momenten, und er tut es (scheinbar) ungerührt und gerade deshalb höchst charmant. Kein "großes" Buch, sondern ein angemessen kleines, das viel Anlaß zum (doch, auch dieses Wort gehört zum deutschen Garten) Schmunzeln gibt und nach dessen Lektüre man manches verstanden hat, was das multivalente Verhältnis des Deutschen zu seiner Natur anbelangt.

geschrieben im August 2007 für Konkret


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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