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"Rainer, dieser Flash!"

Rainer Langhans:
Ich bin's - die ersten 68 Jahre

Rainer Langhans & Christa Ritter:
K1 - das Bilderbuch der Kommune

Die beliebte These, "die 68er" seien "gescheitert", könnte man daran festmachen, daß im Jahre 40 danach neben dem unverrottbaren Urschleim der "Nationalzeitung" sowie der "Jungen Freiheit" auch noch ein Heft namens "Cicero" erscheint und Beachtung findet und daß sich angebliche "Ex-68er" wie Götz Aly dazu hinprostituieren, in dieses Hirnsimulationsblatt für den Schnöselnazi hineinzuposaunen, Dutschke sei im Grunde genau dasselbe wie Goebbels gewesen, so wie Raider und Twix, bloß ohne "Machtergreifung". Daß dortige Redaktionspraktikanten solchen Seim dann mit zwei Bildern nackter Menschen illustrierten, von denen das eine (eine Filmszene von 1924) angeblich "1938", das andere (ein bekanntes Bild der Kommune-1-Besatzung von 1967) "1968" versinnlichen soll, ist schon fast wieder so lustig wie der italofaschistische Kriegsminister Italo Baldo, der einst in meterhohen Stiefelschäften seinen tapferen Bombenwerfern voran nach Abessinien flog und von der eigenen Luftabwehr abgeschossen wurde, weil er versäumt hatte, seinen Flug vorher anzumelden.

Aber niemand braucht noch Eulen in Athen, deshalb eine etwas persönlichere Assoziation: Auf dem Kommunenbild, das inzwischen etwa so oft gedruckt worden sein dürfte wie Goebbels im Sportpalast (Da haben wir's ja schon wieder!), ist meine Taufpatin zu sehen, von der ich ansonsten noch weiß, daß sie, kurz nach dem Schahbesuch und der Ermordung Benno Ohnesorgs aus der Kommune und Berlin geflüchtet, in unserem Giesinger Wohnzimmer saß und Schreckliches berichtete, was ich als Vorschulbub nicht verstand. Wer da noch bei ihr war und auch erzählte, ist aus dem Erinnerungsnebel nicht herauszumeißeln - Fritz Teufel? Kunzelmann? War's gar der Baader und sie eine völlig andere und das Ganze viel später oder früher oder irgendwann?

Es gab dann nach dem Ende der einen und anderen Berliner Kommune, auch das weiß ich von Besuchen (diesmal andersherum), eine oder mehrere Münchner Nachfolgekommunen, in denen die meiste Zeit ein Fernseher (!) lief, Kleinkinder gewickelt wurden, man an großen Tischen saß und den ganzen Tag irgendwie frühstückte und unter den Dauerfrühstückern jemand war, der Geschmack an der Haut auf dem Kakao fand. Oftmals, meine ich, fanden Abgesandte erneut den Weg in unser Wohnzimmer, wo dann nächtelang über Psychoanalyse und dies und das "Polütische" debattiert und ungeheure Mengen Tabak verbrannt wurden. Gelacht wurde ebenfalls viel, über was auch immer - so ist sie, die kindliche Erinnerung: Sie merkt sich, was wichtig ist. Rainer Langhans war das offenbar nicht, wenn er überhaupt da, dort oder irgendwo war. Meine Mutter meint, mit ihm eventuell in einer Schwabinger Beize am Stammtisch einen Satz gewechselt und ihn hier und da gesehen zu haben; er sei nicht sehr gesprächig gewesen, mehr an sich selbst interessiert als an sonst was (Welt und Krieg und so). Heute lebt er ein paar Häuser weiter, angeblich (Fernsehen!) in einem "Harem", was aber wohl auch blanker Blödsinn ist. Sein Ziehsohn nämlich berichtete unlängst einer Zeitung, was an seiner Jugend "anders" gewesen sei: "Anders war vielleicht, daß man sich bei uns viel mit sich selbst und der Gesellschaft auseinandergesetzt hat." Die Gesellschaft, aha. Den Rest wissen wir bereits.

Rainer Langhans hat mal versucht, sich in einem Buch mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das hieß "Die Mitte der Dunkelheit", ist 1982 erschienen und enthält viele wunderliche, manchmal süße, naive, possierliche, manchmal auch gruselig peinliche und steindumme Sentenzen und kleine Geschichtchen, wie man sie damals für weitläufig "indisch" wähnte. Da steht unter Nr. 765 drin: "Wir wollen keine Verantwortung übernehmen für uns selbst. Wir wollen nicht erwachsen werden …" sowie zwei Nummern weiter: "Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten! Da fehlt's am meisten. Und nur das lohnt sich. Niemand tut's sonst …" Beides ist auf den ersten Blick sowohl typisch als auch ein Schmarrn, wird aber mit etwas Vor-, Zurück- und Seitwärtsdenken vielleicht gar nicht so dumm. Es wird - jedenfalls - nicht recht viel mehr als typisch, und verwunderlich ist's bei so viel (wie auch immer zu wertender) Selbstbezogenheit, daß die erzählende Mitteilung der eigenen Biographie in Buchform für den (auf ebenfalls mindestens verwunderliche Weise) wahrscheinlich bekanntesten, mindestens meistgezeigten lebenden 68er so wenig Reiz zu haben schien und scheint. In "Die Mitte der Dunkelheit" ging es zwar um eine Art der damals populären Selbstfindung, die sich indes höchst dialektisch als "Ein Nichts findet ein Nichts" zusammenfassen ließe.

Nun erzählt Langhans "erstmals seine Lebensgeschichte" doch in einem Buch, das sein Verleger Wolfgang Farkas aus Gesprächen kompiliert hat und in dem aber leider wenig drinsteht - zumindest was alles andere als die innere Unruhe und/oder Ruhe von Rainer Langhans zwischen Bundeswehr und Samenverminderung betrifft, bis hin zu Tagebucheinträgen des Spätjugendlichen ("Heute schreibe ich einmal wieder."), bei deren Lektüre man spontan die eigenen Kinderkladden ins Feuer werfen möchte, damit niemand je auf die Idee kommt, so etwas in ein Buch hineinzudrucken. Sowie ein paar Briefen aus dem Knast an Uschi Obermaier ("Ich freue mich auf deinen Brief. Und mein Rücken tut jetzt schon vom Schreiben weh."). Man möchte bei der Lektüre dieser Erinnerungen meinen, Langhans sei damals und überhaupt bis heute nicht recht viel älter gewesen als der kleine Bub, der sich an ihn nicht erinnert - grob geschätzt jeder dritte Satz in dem schmalen Band mit dem mehr als deutlichen Titel beginnt mit "Ich", in fünfzig Prozent der übrigen Sätze kommt "ich" mindestens einmal vor. Für eine Autobiographie muß das kein Makel sein, aber wenn das "Ich" gleich im allerersten Satz (und in vielen weiteren) freimütig eingesteht, sich im Grunde kaum je für etwas interessiert zu haben als sich selbst - wer möchte das dann wissen?

Zumal es doch hier um die 68er geht, jenes bunte Volk, das angeblich an allem schuld ist und für nichts was kann und alles verändert und nichts bewirkt hat und von denen wir doch gerne mal aus vermeintlich allererster Hand erführen, was sie dazumal getan, gedacht, gewollt haben zwischen Hitler und Joschka Fischer. "Wir hatten sehr viel getan", lautet ein Resümee von Rainer Langhans, "ständig war was los, und ständig waren wir unterwegs und haben was gemacht" ein anderes. "Es ging einfach nicht mehr weiter", heißt es auch mal, und: "Trotzdem waren wir Stars, weil wir für die anderen das Leben lebten." Daß es dabei mal um Politik und die Gesellschaft und solche Kleinigkeiten wie eventuell sogar eine Revolution gegangen sein soll, das hat wohl der "Stern" erfunden. Nach dem sattsam bekannten Spektakel kamen - "Am Anfang habe ich rein gar nichts gemerkt" - die Drogen, das ist auch nicht neu; als trotzige Spätabrechnung werten wir die Mitteilung, Dieter Kunzelmann (dessen meinetwegen eitle, aber immerhin detaillierte und intelligente Selbstbiographie "Leisten Sie keinen Widerstand!" schleunigst wieder aufgelegt werden sollte) sei aus der Kommune "förmlich rausgetragen" worden, weil er "sich wieder Heroin geschossen und vor sich hingebrabbelt" habe: "Rainer, dieser Flash! Das ist das Größte! Hannibal, bind mir mal den Arm ab und hilf mir, eine Vene zu finden."

In solchen Momenten haben Langhans' Erinnerungen satirische Qualitäten, da geraten sie weit hinein in das Genre der Selbstparodien, bei denen es keine Rolle spielt, ob sie ernstgemeint sind oder nicht. Aussagen wie die, daß Langhans die Kommune "zu einer Video- oder Medienkommune machen wollte", "mit medialen elektronischen Techniken", entstammen demselben Viertelbewußtsein, aus dem heutige Kabarettisten schöpfen, wenn sie Zeitgenossen mimen, die "was mit Medien machen" möchten.

Dennoch wäre es freilich ungerecht, dem Erzähler daraus einen Vorwurf zu machen. Er erzählt halt und hat halt nichts zu erzählen; wenn andere das aufschreiben wollen, bitte. Daß er bei der Buchpräsentation unlängst in München vor vollem Haus und vielen Kameras den Anfang des eigenen Buchs nicht vorlesen wollte, weil er darüber "entsetzt" gewesen sei, sich schäme über die "Weichspülung" und "Verharmlosung", könnte neben einer gewissen Verwirrung auch dafür sprechen. Dem Aufschreiber und Kompilator wiederum ist auch nichts vorzuwerfen, schließlich ist der Langhans eine interessante Person, heißt es immer, und ein Verlag ein Wirtschaftsunternehmen, das mit leeren Büchern von schillernden Vögeln erfahrungsgemäß besser prosperiert als mit interessanten Büchern von blassen Gestalten. Was kann man schließlich dafür, wenn so einer nichts zu erzählen hat? Man kann ja versuchen, das, was er nicht erzählen kann, wenigstens zu zeigen, mit einem gleichzeitig erscheinenden "Bilderbuch der Kommune", in dem allerdings auch wenig zu sehen ist, was man nicht anderswo schon gesehen hat, was wiederum daran liegt, daß kaum jemand Photos hergeben wollte. Sind halt alle zerstritten, die Leute, und die Bilder privat.

Ist also keiner schuld daran, daß "68" solcherart noch weiter zusammenschrumpft zu einem peinlichen, nichtigen Spektakel, zu einem Tohuwabohu der Hohlheit und Wurstigkeit und Ich!-Ich!-Ich!-Wichtigtuerei, zum Urknall von Bohlen, "Big Brother" und Westerwellescher Politiksimulation? Oder sind sie's alle ein bißchen, und besonders die, die nicht daran denken, vielleicht mal andere zu fragen als die, von denen dutzendfach erwiesen ist, daß sie nichts mehr wissen und vielleicht nie was wußten und wissen wollten? Oder die anderen, die partout keine Lust (mehr) haben, sich für wichtig zu halten und selber loszusalbadern, wie toll und supi und weltbewegend irgendwas früher mal gewesen sei, wovon sie höchstens noch wissen, daß sie nichts gegen Haut auf dem Kakao hatten? Wer weiß.

Vielleicht reden wir zur Abwechslung mal über 1958 oder 1979 oder 1983. Oder über 2008.

geschrieben im März 2008 für Konkret; der Artikel war einer der Anlässe für ein sehr aufschlußreiches, anregendes und interessantes, nur in Einzelpunkten kontroverses öffentliches Gespräch mit Rainer Langhans am 16. Mai 2008 im "Vereinsheim", bei dem Langhans die ebenso nette wie typische Idee hatte, statt Passagen aus seinem Buch lieber meine Kritik vorzulesen


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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