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Logan Pearsall Smith: Trivia

Kein gängiges Lexikon kennt seinen Namen, doch irgendeines seiner Worte hat fast jeder schon mal im Mund gehabt, und sei es nur die Feststellung, »Knechtschaft und Schande« seien »die verdienten Strafen des Erfolgs« und ein Bestseller das vergoldete Grab eines mediokren Talents. Logan Pearsall Smith, 1865 geboren und schon als Kind ein Liebhaber der diamantscharf geschliffenen Kurzweisheit, entstammte einer religiösen Familie: Vater und Mutter waren Quäker gewesen, dann zu den Methodisten übergetreten und als Prediger und »Erweckungsschriftsteller« höchst erfolgreich. Den Sohn hingegen überfiel als Elfjährigen ein sozusagen gegenläufiger Chesterton: Im Baum sitzend und Kirschen mampfend, mußte er erleben, wie »das ganze übernatürliche System der Dinge auf Nimmerwiederkehr in den blauen Himmel zu entschwinden schien.«

Vor die Wahl gestellt zwischen einer ansehnlichen jährlichen Zuwendung und einer einmaligen Abfindung von 25.000 Dollar, entschied er sich für letztere und lebte bis zu seinem Tod 1946, wie ein anständiger Mensch lebt: ohne Hang zur Produktivität, bisweilen sehr nahe an bitterer Armut, doch zufrieden in seinem Privatreich der Sprache, der Kontemplativität und des Gedankens. »People say that life is the thing, but I prefer reading« – Smith war kein Einzelgänger, doch das Gewirre und Gewese der Zeiten hat ihn kaum je berührt; mehr als zwei oder drei gelegentliche Zeilen waren sie ihm nicht wert, und die fielen aus großer Höhe herab, wie Schneeflocken, so eisig, daß die Jahrzehnte sie nicht schmelzen konnten. Neben dem Leben, der menschlichen Natur, Alter und Tod, Kunst und Literatur widmen Smiths Aphorismen sich immer wieder sozialen und wirtschaftlichen Unterschieden: Einerseits davon überzeugt, es gebe kaum eine Sorge, die ein gutes Einkommen nicht lindern würde, befand er andererseits, Reichtum sei »eine Art Aussatz, und man sollte die Reichen wie Aussätzige absondern, damit sie die andern nicht anstecken«.

Abseits der Spruchkunst zeigt sich in den kurzen Prosastücken, die zwei Drittel des 1933 im englischen Original erschienenen Buches ausmachen, ein anderer Smith. Zwischen Witz, moralischer Schärfe und tiefer Melancholie schweift ein traurig liebendes Auge für das kleinste Detail; es sind diese scheinbar zufälligen, elegischen und tiefen Beobachtungen des einsamen Flaneurs in einer mißratenen Welt, die dem Leser Gänsehäute und flüchtige Tränen schenken. Es gibt kaum ein Buch, dessen Abwesenheit in deutscher Sprache (von ein paar Auszügen abgesehen) mir seit vielen Jahren solche Phantomschmerzen verursacht. Das bekannt antimoderne Manesse-Brevierformat ist hier so ideal, daß man die Anschaffung der Lederausgabe erwägen sollte: Notfalls passen die »Trivia« in jede Jacken- und manche Hosentasche, und da gehören sie auch hin, Ziel oder Ort egal.

geschrieben im April 2003 für KONKRET


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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