über Literatur:
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
über Bücher:

Christian Anders:
Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

Herman Bang: Sommerfreuden

Ralf Bönt:
Berliner Stille

Jürgen Dahl: Der Tag des Astronomen ist die Nacht

Franz Dobler:
Johnny Cash

Milan Füst:
Die Geschichte meiner Frau

Adrian Geiges: Wie die Weltrevolution ...

Gunter Hansen & Steffen Haas:
Das Küken, die Maus und das Bier

Franz Hillebrand: Der sich selbst erfüllende Prophezeihund

Wladimir Kaminer:
Mein Leben im Schrebergarten

Hermann Kinder:
Mein Melaten

Christian Kracht:
New Wave

Rainer Langhans:
Ich bin's / K1

Benjamin Lebert: Der Vogel ist ein Rabe

Joachim Lottmann:
Zombie Nation

Paul Murray: An Evening of Long Goodbyes

Ulrich Peltzer: Alle oder keiner

Jens Petersen:
Die Haushälterin

Der Punk- und Bärte-Rabe

Tim Renner:
Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm

Richard Rigan: Rock'n'Roll, Sex und keine Lügen

Das neue "Rocklexikon"

Ingo Schulze: Simple Stories

Walter Serner:
Letzte Lockerung

Logan Pearsall Smith: Trivia

Thomas Steinfeld: Riff - Tonspuren des Lebens

Everett True: Hey Ho Let's Go! The Story of the Ramones

Tine Wittler: Parallelwelt

Paul Murray: An Evening of Long Goodbyes

Den "Lebensstil des Landedelmanns" möchte Charles Hythloday wiederbeleben; die Voraussetzungen sind günstig: Das idyllisch-herrschaftlich auf einer Landzunge gelegene Anwesen würde für jeden ZDF-Pilcher-Schmonz taugen, die Eltern sind fern (Papa tot, Mama im Krankenhaus), der Mehrwert scheinbar selbstreproduktiv gebunkert, die weitläufig exjugoslawische Haushälterin Mrs. P. sorgt für sorglosen Lebensstandard. Wie sich der 24jährige ein rechtes Landedelleben vorstellt, ist auch schnell klar: herumhängen, saufen, Videos glotzen und dabei eine emotionslose Fachidiotie für die Schauspielerin Gene Tierney pflegen, die sich auf Photographien im Schuljahrbuch von Schwester Bel projizieren läßt. Doch schwindet das vermutete Familienvermögen bei näherer Betrachtung wie eine Luftspiegelung, und hochgradig paradox beschließt Hythloday, Haus und gewohntes Leben zu retten, indem er zwecks Lebensversicherungsauszahlung den eigenen Tod vortäuscht und sich in Chile versteckt. Auch der paradoxe Plan haut nicht hin; der Möchtegern-Flanierer landet im Armenviertel von Dublin, ausgerechnet in der Bude von Frank, dem verblödeten, jederzeit gewaltbereiten Anhängsel der Schwester.

Der Roman des 30jährigen Iren Paul Murray böte eine schöne Grundlage für eine witzige Posse und eine Versuchsanordnung zur Durchleuchtung sozialer Konstruktionen. Leider scheitert das Buch an seinen Möglichkeiten. Der Witz erschöpft sich in einem hingedengelten "Plot" und hölzernen Dialogen; die angedeuteten Gedankengänge bleiben ungegangen, weil keiner da ist, der denken kann. Das ist vielleicht das Grundproblem: Murray läßt Hythloday selbst erzählen, und der ist nicht nur - was interessant sein könnte - komplett unsympathisch (wie folgerichtig alle anderen Personen auch), sondern dazu noch selbstverliebt, hochnäsig, desinteressiert, unfähig zu Beobachtung und Reflexion und vor allem so dumm, daß das Wort "Depp" (ohne humorvollen Anklang) am ehesten trifft. So wird er also von den Situationen herumgeschmissen, ohne sie zu begreifen, und faselt vor sich hin - in einer strohdürren Sprache, die die blecherne Übersetzung sozusagen kongenial mit einem Hagel haarsträubender grammatischer Fehler und Stilblüten aus dem Nebelfeld zwischen der dritten und siebten oder achten Stufe der "Rechtschreibreform" ergänzt.

Britische Kritiker haben den Roman gelobt und den Namen P. G. Wodehouse als Referenz ins Spiel gebracht. In seinen besseren Passagen merkt man ihm die entsprechende Absicht durchaus an. Leider aber ist das Beste, was man dazu sagen kann, daß er sich - wenn man die sprachliche Empfindlichkeit auf Stufe eins zurückdreht - schnell wegliest.

geschrieben im Juli 2005 für Konkret, dort gedruckt


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

you didn't mean anything to me