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Everett True: Hey Ho Let's Go!
The Story of the Ramones

Karrieren gibt es viele am Rhein und auch am Nile, aber die der Ramones kein zweites Mal, denn hier war alles absurd: Die vier gegensätzlichsten Typen der Welt - empfindsamer, politisch bewußter Sohn einer jüdischen Künstlerin (Joey), in Deutschland bei der US-Army aufgewachsener, straßenstaubgeschliffener Junkie und Bay-City-Rollers-Fan mit Faible für Horror-Comics (Dee Dee), geiziger, schweigsamer US-republikanischer Spießer mit Mitgliedskarte der National Rifle Association (Johnny) und braver, intellektueller ungarischer Studio-Fuchs (Tommy) treffen sich in Queens und wollen Rockstars werden, obwohl sie nicht spielen können. 1974 öffnen sie die Büchse der Pop-Pandora, finden darin zwei Akkorde, einen 1-2-3-4-Takt, zerrissene Jeans, Turnschuhe und Lederjacken, verändern mit ihrem "Sound von 10.000 gleichzeitig gespülten Klos" (wie ein kalifornischer Kritiker 1976 das grandiose Debütalbum erlebte) das Gesicht der Rockmusik für alle Zeiten und wurden zur einflußreichsten Musikgruppe der Welt. Rein zahlenmäßig, denn bis heute ist keine der Fantastilliarden von Bands, die sich vom primitiven Genie der Ramones anstecken ließen, diesem Genie auch nur nahegekommen. Rein kommerziell, denn natürlich haben Burschen wie Green Day Fantastilliarden Platten verkauft, während sich die Ramones vom Erlös ihrer (entscheidenden und einzig wichtigen) ersten sieben Alben kaum ein paar Hamburger leisten konnten.

Inzwischen sind Joey und Dee Dee tot, und ihre Geschichte ist oft erzählt worden - am frappierendsten von Dee Dee selbst. Everett True, seit 1979 Fan und Wegbegleiter der Band, hat dessen Sex-Haß-und-Mord-Kolportagen mit einem Pfund Salz gewürzt, unzählige Interviews mit Beteiligten, Beeinflußten und anderen geführt und breitet die unglaubliche Geschichte der "US-Beatles" derart detailliert vor dem Leser aus, daß man kaum glauben möchte, wie spannend sich das trotzdem liest. Mit einer Einschränkung, um die klassische Ramones-Songtitel-Formel zu zitieren: I don't wanna read so many boring gleichlautende Jubelarien und Bestätigungen, wie short und to the point und great und perfect die Songs sind; da hätte True sich lieber ein paar mehr differenzierte Urteile abgerungen (so ist etwa "Too Tough Too Die" von 1984 keineswegs "fine", sondern ziemlicher Mist) und ansonsten das Rezept seiner Idole beherzigt: no fills, no solos, only the pure stuff.

geschrieben im November 2002 für den Musikexpress, dort auch gedruckt


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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