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Zum "Relevanten Realismus"

Unwesentliche Bemerkungen zu dem "Gemeinschaftlichen Positionspapier" "Die zeitgemäße Form des Romans" von Martin R. Dean, Thomas Hettche, Matthias Politycki und Michael Schindhelm (vorgetragen am 30.5.2005 anläßlich einer Tagung auf Schloß Elmau; später in der "Zeit" erschienen)

Relevant ist: was einige tun, manche kaufen und viele beplappern. Die Erwartung einer medialen Relevanz ist Teil von Produktstrategien. Zu fordern, es müßten gesellschaftliche Veränderungen (etwa ein "Fortschritt" oder ein "Bewußtsein") aus der medialen Relevanz schriftstellerischer Werke entspringen, ist: Hybris. Oder Teil einer Produktstrategie.

Die Abbildung gesellschaftlicher Phänomene, etwa der Deformationen, die im Großen (der "Welt") wie im Detail (dem Menschen) durch Kapitalismus, Wettbewerbsreligion, Profitfaschismus sowie Kollateralphänomene wie das uneigentliche Sprechen der Medienplappermaschine etc. entstehen, mag Thema von Literatur sein und ist dies schon immer und immer wieder. Die Texte und Bücher, die die "Relevanten Realisten" fordern, liegen vor, können gelesen werden und werden weiterhin geschrieben. Auch entsprechende Analysen und Theorien gibt es in großer Zahl (wenngleich unterschiedlicher Klarheit, Wahrheit und Anwendbarkeit). Was also wird hier gefordert?

Im Grunde dies: Man möge mehr Bücher von Dean, Hettche, Politycki und Schindhelm kaufen.

Die Welt, das Leben zu (be)schreiben, ist kein Vorgang, keine Kunst, für den/die es Regeln gibt oder geben sollte. Regeln macht, so beklagenswert und traurig das ist, der "Markt": Wird ein Buch, das in einem bestimmten Stil oder Ton und/oder zu einem bestimmten Thema geschrieben ist, in großen Mengen verkauft, so werden viele Leute ähnliche Bücher schreiben, und die Verlage werden nicht nur aus der Masse des Geschriebenen das zur Veröffentlichung herauspicken, was dem vermeintlich verkäuflichen Muster entspricht, sondern sie werden auch Autoren heranzüchten und schulen, die diesem Muster folgen, um vermeintlich verkäufliche Produkte zu erstellen. Sie müssen das tun, um auf dem "Markt" zu bleiben. Die (wie auch immer bewertete) "Qualität" der Produkte spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Dies ist nicht nur auf dem "Markt" für Literatur so, sondern auf jedem existierenden und denkbaren: Musik, Theater, Kino, Autos, Getränke, Spielzeug und Lebensmittel. Wer an den aufwallenden und infolge von Übersättigung, Überdruß und Übelkeit wieder abklingenden Wellen von Mode, Reklame, "Betrieb" und Marketing kein Interesse hat, tut gut daran, sie einfach zu ignorieren. Es kommen regelmäßig neue, und es gibt dazwischen genug Nischen, um ein Leben lang zu lesen (wenn auch nicht schriftstellernd seine Existenz zu sichern, aber davon sollte nicht die Rede sein, oder?).

Ich hatte noch nie Lust, Moden und "Bewegungen" zu folgen oder mich für ihre Resultate zu interessieren. Ich hatte auch noch nie Lust, erzählerische Texte zu verfassen, die ein "Ziel" oder eine "Haltung" haben/verfolgen/ausdrücken. Dies ist (und auch das nur manchmal) die Aufgabe von Kolumnen und Rezensionen. "Thesenromane" und plakativ "politische" Literatur gehören zu den langweiligsten Irrtümern, die ich kenne. Ihre gehäufte Abfassung, gar Veröffentlichung endet in derselben Sackgasse wie die "Carverei" der blassen Mädchen, das Liedermachergetrottel der Biermänner, die Sprachgeröllawinen der aufgeblasenen Schnöselkasper und das ebenso atem- wie sprachlose Gebrabbel der Slam-Rapper. Noch einmal: Ich möchte damit nichts zu tun haben.

Soll jeder schreiben, was er für schreibenswert erachtet; Bücher sind, wie wir von Oscar Wilde wissen, gut oder schlecht geschrieben, sonst nichts. Wer indes ein übermäßiges Interesse zeigt, mehr als ein paar Leser zu erreichen, Teil einer "Bewegung" zu sein, sich im "Betrieb" zu tummeln, öffentlich zu Fragen befragt zu werden, die in seinen Texten nicht beantwortet sind, der ist mir verdächtig. Und selbstverständlich weiß ich, daß meine Meinung hierzu weder relevant noch "realistisch" ist, und selbstverständlich ist mir auch das egal.

geschrieben am 14. Juli 2005


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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