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Richard Rigan:
Rock'n'Roll und Sex und keine Lügen

Früher, da war Schwabing das Land der Rock-'n'-Roll-Rebellen. Da weste der Geist von King Elvis in den Kellergewölben, stieg auf die Kleinbühnen, verbreitete sich, um schließlich wie ein Orkan hineinzufahren in die, ähem, Stehausschänke, und löste mit seiner unwiderstehlichen Botschaft (»Rock around the clock!«) einen juvenilen Aufstand aus, der sich im zerschlagenen Mobiliar des UFA-Kinos manifestierte. Da wurde mancher Held der Großstadt geboren, und der größte davon war zweifellos der »Elvis von Schwabing« - Richard Rigan.

Weil sich kaum mehr einer daran erinnert, was da in den späten 50er Jahren losbrach, um 30 Jahre später zwischen BRAVO-Disco und den biergetränkten Sitzbänken des seligen »Rigan Club« zu versickern, hat unser Richie sich auf seine schwingenden Hüften gesetzt (»mein Schenkelzittern macht mir noch heute kaum einer nach«) und eine Lebensgeschichte der Episoden und Eskapaden verfaßt, die sich im wesentlichen um das dreht, was im Titel steht: »Rock'n'Roll und Sex und keine Lügen«. Von der Schulzeit in der Türkenstraße an wollte der wilde Richie nämlich vor allem zwei Dinge: rocken wie der King und flachlegen, was zwei Beine und keinen Bart hat. So folgt ihm der Leser staunend, belustigt, manchmal auch nach-, äh, -sichtig von Bett zu Bühne, Stadt zu Stadt und Katastrophe zu Katastrophe. Die schier unerschöpfliche Serie von Triumphen und Reinfällen, garniert mit brustgeschwelltem Namedropping im Trommelwirbel-Stakkato, läßt eigentlich nur eine Frage offen: Wieso ist Richard, ist der »Rigan Clan« nie ganz groß geworden? Spätestens nach der Lektüre von Richies Ansichten über, sagen wir mal, »Pop-Theorie« könnte man ihm das durchaus beantworten. Aber das wollen wir mal lassen, Besserwisserei verbietet sich bei Legenden.

Was dem Buch seinen eigenartigen Reiz verleiht, ist die Kontrast-Mischung aus schier unglaublichen Ausschweifungs-Anekdoten, spießiger Herzogstraßen-Biedermeierei und Anflügen einer seltsam verstockten Renitenz (beim Bund lerne man »Rauchen, Saufen, Töten, Wichsen«, »ungesund ist der Medienrummel, der uns abhängig und zu Konsumidioten machen will«, und »der Papst ist nach meiner Meinung der Chef einer kriminellen Vereinigung«) - einer Renitenz, die uns intellektuellen Weltdenkern immer fremd bleiben wird und die schon die Leute von 68 zur Verzweiflung trieb. Zum Glück für den Leser überwiegen die Anekdoten von »Bahnhof-Helli, Ami-Joe, Tornado-Willi« und unzähligen Frauen, von denen Richie, »als unterläge ich einem Zwang, immer die größte Sau oder übelste Schlampe« abkriegte, - das alles in liebenswert unbedarftem, an der Grenze der Aufschneiderei noch pokerfacigem Schwabingerdeutsch: »Beim Würfeln hatte ich siebzig Cognac mit Fanta getrunken, ob ihr's glaubt oder nicht. Aber ich war nicht prall. (...) Das Zimmer drehte sich um mich, wirbelte wie ein Hurricane. Gerade als sich ihre köstlichen Schamlippen öffneten und ich in sie eindringen wollte, kam es über mich. Aus allen Körperöffnungen gleichzeitig ergossen sich Ströme von Blut, Kotze und Scheiße. Das ganze Zimmer war ruiniert. Diese Nacht ist die einzige, für die ich mich noch heute schäme.« Da wird selbst der Buk-Kenner blaß. Und weil Richie das alles so entwaffnend schön erzählen kann, wollen wir auch auf kleinen Fehlerchen nicht lange rumreiten. Zum Beispiel: »Jede Band, die mir die Garderobe mit Marihuana verpestete, flog raus.« Das weiß ich nämlich besser.

geschrieben irgendwann Ende der Neunziger für die Münchner Ausgabe der Zeitschrift PRINZ, dort auch gedruckt


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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