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Thomas Steinfeld: Riff - Tonspuren des Lebens

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Thomas Steinfeld:
Riff - Tonspuren des Lebens

Kein Zweifel: Popmusik ist nicht nur die entscheidende Kunstform des 20. Jahrhunderts, sie ist in den letzten Jahr(zehnt)en auch zu einem Soundtrack geworden, der das ganze Leben strukturiert und begleitet, umfließt und prägt und in die Nischen anderer Künste wie auch der persönlichen Erinnerung eindringt. FAZ-Redakteur Thomas Steinfeld spürt – literarisch und assoziativ, aber sehr genau – den Eindrücken nach, die sie dort hinterlassen hat.

Ein seltsames Buch: unwissenschaftlich und doch wissenschaftlich präzise; Literatur und doch irgendwie keine – zu Widerspruch anregend und doch fesselnd, plausibel, manchmal überzeugend. In 24 thematischen Stücken geht der 46jährige Thomas Steinfeld einigen Spuren nach, die populäre Musik in anderen Bereichen hinterlassen hat, sucht erzählerisch ihre Wirkung und Wirkungsgeschichte zu ergründen: wie Elemente der Musik, Figuren der Literatur (Urheber wie Gestalten), Motive des Films sich verbinden. Es ist die Suche nach einem Lebensgefühl, das sich nicht an Tatsachen und Statistiken festmachen läßt, das notwendigerweise immer das Lebensgefühl eines einzelnen und Angehörigen einer Generation bleibt. Welche heimlichen Prägungen hat der amerikanische Schlager in Nabokovs Jahrhundertroman »Lolita« hinterlassen, was wollte Peter Handke auf seiner detektivischen Suche nach der Jukebox finden, warum zwingt Rainald Goetz noch den kleinsten Moment seines Lebens in den unbarmherzigen Rhythmus des Techno, warum bezeichnet Michelangelo Antonionis »Zabriskie Point« mit der Musik von Pink Floyd den Moment der Verzweiflung über ein totales Scheitern, das erst später spürbar wurde?

Steinfeld macht ein Doppelleben sichtbar, nachvollziehbar, deutlich, das wir alle leben: Neben den nichtigen, gegenwartslosen Verrichtungen eines berechenbaren Alltags läuft die Tonspur, die die Erinnerung konstituiert, die unsere Gefühle in Bernstein faßt und sie wie durch ein Wunder plötzlich wieder zum Leben erweckt, wenn jene Melodie an unser Ohr dringt. Daß Musik gerade durch ihre Bekanntheit ein Kontinuum der Gegenwart schafft, in dem der Augenblick aufgehoben wird, in dem Zukunft Vergangenheit und Vergangenheit Zukunft werden kann, macht ihre einzigartige Magie aus. Wie wirksam dieser Zauber ist, weiß jeder von uns. Aber ich weiß kaum jemanden, der – bei allem Widerspruch – ihn und die Suche nach ihm je so gut, mit soviel Liebe zum überraschenden Detail beschrieben hat wie dieses Buch.

(Empfohlene Begleitlektüre: Hans Sedlmayr, Die wahre und die falsche Gegenwart; in: Merkur Heft 87, Mai 1955)

geschrieben am 30. Oktober 2000 für die Internet-Seite popXL


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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