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Tim Renner:
Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm

Es gibt eine (etwas willkürliche, aber meist treffende) Faustregel, die sagt: Wer “Procul” statt Procol Harum schreibt, hat von der Popmusik vor 1980 keine Ahnung. Aber so streng wollen wir nicht sein mit einem, dem so etwas wenn schon nicht beruflich, dann doch spätgeburtsgnädig schnurz sein kann und der, glaubt man der blätterwaldweiten Hofberichterstattung und seinem eigenen Buch, jede Menge andere Qualitäten aufzuweisen hat: Tim Renner hält sich und wird gehalten nicht nur für den neuen Diederichsen (weil er einst den verletzten Stolz, eine Frau, die er einem Freund verkauft hat, nicht selbst erobert zu haben, in einem Jugendmagazinartikel über Tears For Fears “verarbeitete”), den neuen Ahmet Ertegun usw. – er war, oder glaubte werden zu können, auch ein neuer Wallraff.

Eigentlich eine pfiffige Idee: Ein junger Mann schleust sich ins Popmusikgeschäft ein, um dort investigativ tätig zu werden und sein heimlich angeeignetes Insiderwissen danach der Öffentlichkeit vorzulegen – so geht es wirklich zu in und zwischen den Chefetagen und Knochenmühlen der geheimnisvollen Bewußtseinsindustrie! Leider ist der Plan von Tim Renner gründlich “schiefgegangen”, denn als er 1986 erst mal drin war im Zyklon des Wirtschaftsfaschismus, konnte er sich dem wirbelnden Wehen selber nicht entziehen; er schenkte der Welt unverzichtbare Kostbarkeiten wie Phillip Boa, einen Mann namens “Westbam” (zwecks emotionaler Einschätzung der Bedeutung gegenwärtigen “Popschaffens” empfiehlt es sich, dieses Wort zweimal täglich laut auszusprechen) sowie die Werkertruppe Rammstein (die, das verbindet sie vielleicht mit Renner, glaubt, Widerlichkeit rechtfertige Aufdringlichkeit) und fand sich innerhalb (wirtschaftshistorisch betrachtet) kürzester Zeit auf dem Chefsessel eines Musikkonzerns wieder. Dann geriet er mit noch höheren Führern aneinander (wegen der vielbemühten “Inhalte”), stieg aus und hat nun doch noch sein Buch geschrieben – das jedoch investigativ nicht mehr sein kann, weil Renner die Ideologie des Systems, das er beschreibt, so sehr verinnerlicht hat, daß er (man kennt diesen Mechanismus mittlerweile zur Genüge) darin keine Ideologie mehr sehen will und selbstverständlich auch die Sprache dieser Ideologie nicht beherrscht, sondern sie ihn.

Das bedeutet, daß, wer etwas erfahren will aus Tim Renners Buch, zunächst viel zu tun hat: Er muß sich hindurchkämpfen durch unübersehbare Halden von Phrasen, Gemeinplätzen, Wortmüll, falscher Grammatik und Waschzettel-Promo-Sprech (etwa der berühmte “Quantensprung”, zu dem bei Renner die Schallplatte “ansetzt”), durch ein Buch, in dem bis Seite 42 kein und auch danach kaum ein Mensch vorkommt (der erste ist Alfred Hilsberg), sondern nur Funktionseinheiten und abstrakte bzw. sehr konkrete Flüsse von Tauschmitteln, Produkten und “Marken”. Man muß Übersetzungsarbeit leisten, sich bis zu einem gewissen Maß hineinfühlen in diese merkwürdige, widerliche und aufdringliche Ersatzsprache, um annähernd verstehen zu können, wovon wirklich die Rede ist, wenn innerhalb einer Buchseite aus “vertikalem Denken” eine “vertikale Integration” und – ruckzuck – “integriertes Denken” entsteht (nämlich von gar nichts als blanker Geldvermehrung); muß auch die Augen zudrücken können, wenn der Mann, der als chronisch kranker Vorschüler mit seinen Teddybären im Kinderzimmer Bundestagswahl spielte (freilich, der neue oder bessere Horst Köhler wäre er mithin auch) aus Bob Marley einen kleinen Hitler macht (“erst Jamaika, dann die ganze Welt”), es eine “radikale Politik” nennt, Preise zu senken, um den Warenabsatz zu erhöhen, ein zusammengekauftes Firmenkonglomerat als “Bouquet” bezeichnet, das Wort “Player” erst auf eine Firma, ein paar Zeilen weiter auf ein Abspielgerät und kurz darauf auf eine ganze Branche anwendet; und wenn man auf Seite 21 von einem “harten Sanierungsprogramm” erfährt, “dem mehr als 50.000 Kollegen zum Opfer fielen”, wundert man sich sekundenlang, von einem solchen Massenmord gar nichts mitbekommen zu haben, bis klar ist: Es geht auch hier nicht um Menschen, sondern um Funktionseinheiten der großen Maschine, die Renner nicht beschreibt, sondern schreiben läßt.

Klar: Das Buch ist nicht umsonst bei einem Wirtschaftsverlag erschienen, einem jener Verlage, die sich hauptberuflich der Verbreitung und Verfestigung ebendieser Ideologie widmen. Wenn man jedoch so weit ist, den einleitenden (und in historischer wie analytischer Hinsicht indiskutablen) Abriß der Branchengeschichte hinter sich hat und Renners kreuzbanale “Visionen” hinpackt, wo sie hingehören (in den geistigen Papierkorb), läßt sich dem Buch (das leider auch belegt, daß der Autor seinen ursprünglich gewählten Beruf verfehlt hatte, weil ihm zum erzählenden, analytischen, kritischen und überhaupt zum Schreiben Talent und Fähigkeit vollständig fehlen) manch erhellende Einsicht abgewinnen. Es werden größtenteils gänzlich andere Einsichten und Erkenntnisse sein als die, die Renner vermitteln will, aber das ist in einem solchen Fall nicht zu vermeiden.

geschrieben Anfang November 2004 für Konkret


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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