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Tine Wittler: Parallelwelt

Tine Wittler: Parallelwelt

Ein großer Teil des grassierenden Zukunftswahns läßt sich vielleicht damit erklären, daß von denen, die er befällt, in der Gegenwart niemand lebt man arbeitet, sonst nichts, nicht einmal zum Wohnen kommt man ("Was soll ich denn noch alles tun?"). Dann fällt dem Aufsichtsrat ein, daß eine Firma ohne Angestellte billiger ist, und plötzlich, rumms, landet man doch im geheimen Sperrgebiet der modernen Weltwirtschaftswelt: Gegenwart, Leben zumindest möglicherweise. Und nun?

Eine interessante Idee: sich sozusagen mimetisch hineinzubegeben in die geistige, emotionale und lebensweltliche Leere und Armut des rasenden Humankapitals, sein verkümmertes Denken mitzudenken, seine restringierte Sprache zu sprechen und mit diesen Mitteln darzustellen, was passiert, wenn man sich unvermittelt (!) auf der Müllhalde wiederfindet, auf die der kapitalistische Prozeß das Menschenmaterial spuckt, das er nicht verwerten kann. Im Gegensatz etwa zu Susanne Röckels grandios deprimierendem Roman "Aus dem Spiel" und Ernst Wilhelm Händlers monströsen Geschichten entwirft Tine Wittler kein System, keine Symbolik; sie erklärt den Verbrennungsvorgang der modernen Wirtschaft nicht als alles durchdringende Mechanik der Deformation, sondern sie richtet den Blick auf das einzelne Opfer, das gerade noch Teil des Prozesses war und nun nicht mehr sein darf, aber anderes natur- und erziehungsgemäß weder kann noch will. Es ist, einerseits, ein Blick nach innen, der kein Inneres findet, nur hohle Witzelei, die das Nichts umflattert, andererseits der Blick heraus aus der Leere, der auch kein Außerhalb erkennt, weil er dank intensiver Dressur nicht weiß, wonach er suchen soll. Dazu paßt die Sprache, deren Simplizität, Oberflächlichkeit, billige Ironie, Eindimensionalität der knappen Sätze und Standardfloskeln nicht poppig-tralala wirkt, sondern die Verzweiflung spürbar macht, die hinter der Fassade der Produktivität lauert, und zeigt, was in denen vorgeht, die darauf gedrillt sind, ihre gesamte Zeit mit Gelderzeugung zu verbringen, und mit dem, was sie für die Welt halten, nur über Medien in einseitigem Kontakt stehen.

Aber während man sich hindurchkämpft durch das Gestrüpp von hohlem Geplapper und Neusprech-Schrott (in dem zu allem Überfluß die Autorin auf halbem Weg das Interesse an ihrer sowieso rudimentären Geschichte gänzlich verliert), beschleicht einen der aufdringliche Verdacht, daß das alles gar nicht so gemeint ist. Und wenn man dann ans Ende gelangt und sich überhaupt nichts getan, verändert oder gar entwickelt hat außer der, Verzeihung, saudummen Botschaft, es werde mit ein bißchen "Kreativität" und "Eigeninitiative" alles irgendwie wieder und ein neuer Job gefunden werden, ist der Verdacht zur Gewißheit geronnen: Tine Wittler ist nicht mehr als das, was sie darstellt, und ihr Buch entweder ein perfides Motivations-Machwerk aus irgendeinem Hartz- oder Horx-Seminar oder ein zwangsläufig gescheiterter Versuch zum Thema "Die New Economy erzählt sich selbst", will sagen: in jedem Fall ein Haufen dummes Zeug, den man wütend hinter den Ofen pfeffert und höchstens wieder hervorzieht, um selbigen anzuheizen.

geschrieben Anfang November 2003 für Konkret


e-mail:michael sailer | impressum | Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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