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Ulrich Peltzer: Alle oder keiner

Bücher sind gut geschrieben oder schlecht geschrieben, das ist alles. Sagte einst Oscar Wilde, der ziemlich selten ein Buch schlecht geschrieben hat. Heute sieht man das etwas differenzierter: Verbohrt, selbstbezüglich und leserunfreundlich – »so muß Prosa sein«, schreibt Peter Michalzik in der Süddeutschen Zeitung, weil sie sonst »unterhaltsam, plotfreudig und flott« sind, wie das Doof-Getippse von Kracht, Barre & Co.

Selten war sich die deutsche Kritik so einig, einen literarischen Generationsmessias entdeckt zu haben wie im Falle Ulrich Peltzers, dessen Buch »Alle oder keiner« denn auch wie erwartet die Bestsellerlisten hinaufschoß. »Ulrich Peltzer kann diskret und so genau erzählen, daß man darüber vergißt, daß man liest«, meint Elke Schmitter, und Michalzik feiert mit: »Wie gut es doch tut, endlich mal wieder deutsche Prosa zu lesen, deren Sätze stimmen.« Damit meint er zum Beispiel einen Satz über einen »rührigen Mann, dem auf der Photokina auch schon ein Preis für seine Aufnahmen verliehen worden wäre, wie der Chefarzt erläuterte« – warum dem Mann der Preis dann doch nicht verliehen wurde, erfahren wir nicht. Ebensowenig wie den Unterschied zwischen der »Arbeit eines Schwachsinnigen, die praktisch in wesentlichen Zügen identisch wäre mit einem zentralamerikanischen Sonnengott« und diesem. Wir stellen fest: Hier »stimmt« gar nichts, und zwar das ganze Buch hindurch. Gänzlich kryptisch wird die Sache, wenn Peltzer nicht nur Konjunktiv, indirekte Rede und Zeiten durcheinanderwirft, sondern auch gleich noch die Bezüge: »(...) dem Abbruch der Befragung, deren Zweck ihm nicht einzuleuchten schien und in seiner Empfindungswelt bloß eine weitere Zumutung war« – wie kann ein Zweck eine Zumutung sein, fragt sich der ratlose Leser?

Ach was, winkt der Kritiker ab, Konjunktiv! Indirekte Rede! sind doch alles bloß eitel Wörter! – in der Tat: Wörter kennt auch Peltzer viele. Das Wort »Wörter« hingegen, das kennt er nicht, es kommt nicht einmal vor im ganzen Buch, sondern wird flächendeckend durch das falsche »Worte« ersetzt. Trauriges Fazit: Von drei Sätzen in Peltzers Buch haben zwei vier verschiedene Bedeutungen, die anderen sind falsch.

So kann man keine Geschichte erzählen, was Peltzer denn auch tunlichst unterläßt. Seine Personen bestehen bloß aus Namen, und wie die nun heißen, ist dem Leser spätestens auf Seite 20 wurst. »Streng genommen«, sagt das Buch, meint Michalzik, »gibt es keine Vergangenheit, aber alles Erzählen handelt ausschließlich von ihr.« Das ist natürlich Quatsch, denn es liefe auf die Feststellung hinaus: Dieses Buch gibt es gar nicht. Gibt es aber doch, nur ist es kein Roman, sondern ein Gesellschaftsspiel.

Und das geht so: An einem verschneiten, frühdunklen Winternachmittag versammelt sich die Hausgemeinschaft um den Tisch, in dessen Mitte das Peltzer-Buch liegt. Der Älteste beginnt, schlägt das Buch auf irgendeiner Seite auf und muß innerhalb von fünf Sekunden einen lustigen fehlerhaften Satz suchen (das ist nicht schwer) – zum Beispiel das als direkte Rede gemeinte, aber bestimmt noch von keinem Erdenbürger ausgesprochene Unikum »Sind Sie sich sicher?« (Seite 126). Diesen Satz liest er laut vor (alle lachen), dann muß der Nächste in der Reihe innerhalb von zehn Sekunden den Satz so variieren, daß er noch lustiger wird. Das ist meistens fast unmöglich, hier jedoch geht es: »Sie sind sich sichtlich sicher!« prustet der Nebenmann, »sicherlich!« brüllt ein anderer, und alle halten sich den Bauch. Variante zwei (für Fortgeschrittene): Es ist zu erraten, welche Bedeutung ein beliebig gewählter Peltzer-Satz haben könnte. Und zwar reihum: Wem keine Variante mehr einfällt, der kriegt einen Minuspunkt.

Und so sind wir letztlich doch ganz froh, daß wir fünf Bier weniger getrunken und uns dafür Ulrich Peltzers Buch angeschafft haben, weil wir spielend, schmunzelnd und grölend vor Lachen feststellen, was für ein trüber, langweiliger Winter das sonst doch gewesen worden sein hätte täten war.

geschrieben am 12. Januar 2000 für die taz, dort nicht erschienen, dann im dritten Band der Belästigungen abgedruckt


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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