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So viele Jahre ...
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1963 - 1965

Alles fängt einmal an, auch das Leben. Genaugenommen fängt das Leben als allererstes an, und lustigerweise erfährt man aber von allen Sachen, die man wissen möchte oder auch nicht, das als allerletztes: was das Leben eigentlich ist. Erst mal hat man es bloß.

Viel ist da nicht zu wollen am Anfang: Man kommt hinein in die Welt und sieht sie sich an und kann sich nicht fragen, was das alles soll, weil einem die Worte fehlen (und die Wörter, zum Beispiel »sollen«, »Welt« und »was«). Um einen herum sind (wie man später erfährt) »Menschen«, die sich um einen kümmern und alle möglichen anderen Sachen machen, von denen man überhaupt nichts versteht.

Dann gibt es was zu essen. Dann ist es still. Oder laut. Dann ist es warm. Oder kalt. Naß. Weich. Und die anderen Gesichter (daß man selber auch eines hat, weiß man noch nicht) strahlen immer, wenn man sie sieht. Oder wenn sie einen sehen. Wenn sie einen nicht sehen und man sie trotzdem sieht, strahlen sie nicht immer. Manchmal verunsichert einen das vielleicht, aber das merkt man nicht.

Im Hausgang ist es dunkel, in der Wohnung heller. Die liegt in Moosach, (wie man später erfährt), da gibt es auch ein Gleis, das im Kreis geht, und in der Mitte ist Gras; da fährt die Trambahn (Linie 1). Andere Menschen wohnen woanders, tun aber im wesentlichen das gleiche wie die eigenen Menschen.

Die nächste Wohnung liegt in Giesing; da gibt es einen Balkon und einen Hof, der zuerst groß ist und auf zwei Seiten von langen Hügeln begrenzt. Später wird er kleiner und es gibt nur noch einen Hügel, dafür kommt ein Haus dazu, das gar nicht aussieht wie ein Haus. Die anderen Dinge bleiben fast alle so, wie sie sind. Sie kommen einem nur näher, kriegen Konturen, nehmen Form an; wenn sie sich bewegen, verschwimmen sie nicht mehr, sondern haben ein Ziel und eine Richtung. Dann bekommen sie auch Namen, und schließlich gibt es sogar Wörter für die Bewegungen.

Unter den ersten Wörtern sind ein paar, die außer einem selber keiner versteht. »Gampen« zum Beispiel, womit alle Grünpflanzen gemeint sind, die größer als ein Grashalm sind. Etymologisch ist das damit zu erklären, daß man erfahren hat, was ein Gummibaum ist, das Wort aber ein bißchen bequemer gemacht hat, um es einfacher aussprechen zu können. Andere Wörter sind schwerer zu erläutern, auch der Name der Schwester, die ein Jahr nach dem eigenen Hineintritt in die Welt folgt und eigentlich ganz anders heißt, der der seltsame Name aber noch viele Jahre anhängen wird.

Recht viel mehr ist noch nicht zu erfahren. Ein Laufstall im Wohnzimmer, ein runder Sessel aus Drahtgitter mit einem Polster obendrauf, ein paar Verwandte, von denen man noch nicht weiß, daß sie verwandt sind, frische Frühlingsluft, die nach vertrauter Ferne riecht; die erste Eistüte, die der Vater zum Probieren in den Kinderwagen hält, woraufhin man die ganze Kugel schlucken muß oder darf, weil die Eistüte so herum nichts festhalten kann; die Trambahn, aus der man immer schnell und gemeinsam herausmuß, weil die Mutter sonst hinterherlaufen muß, wenn die Schwester dringeblieben ist und die Trambahn weiterfährt; Mickymausautos, die es vielleicht auch erst später gibt, - der Rest sind verschwommene Bilder, die viel später, wenn die Erinnerung den Schlüssel zur damaligen Erinnerung verloren hat, völlig anders aussehen als die Bilder, die eine andere, mechanische Erinnerung behalten hat. Viele gehen auch ganz verloren.

Aber schön ist die Welt, irgendwie. Komisch und schön.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer