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So viele Jahre ...
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1966 - 1968

Jetzt passiert viel auf einmal: Daheim gehen Menschen, andere kommen, und selber kommt man in den Kindergarten. Da gibt es neue Erwachsene mit sehr bestimmten Eigenschaften: Fräulein Deckenbach ist dunkel und eckig, Fräulein Schreiber heller und wuschelig, Frau Brennlein ist nicht mehr da, aber man erfährt, daß sie ungezogenen Kindern gerne mal den Hintern versohlt hat und daß sie trotzdem alle mögen, die sie kennen. Und vor allem gibt es jede Menge neue Kinder, und innerhalb kürzester Zeit gibt es dazu auch ein soziales Gefüge: Stefan Libon und Solkan sind am stärksten und dürfen sich beim Verteilen der Matchboxautos immer zuerst ein Auto aussuchen; wenn man Solkan blöd kommt, kriegt man eine eiserne Schaufel auf den Kopf. Brigitte ist die älteste, Bernd ist lustig, Stefan auch.

Rechts ist der Schlafsaal mit den kleinen Klappbetten aus Holz, wo man morgens, wenn man ankommt, noch weiterschlafen soll, aber meistens nicht kann und sich lieber unter der Bettdecke Geschichten ausdenkt. Da steht auch ein Schrank mit Unterwäsche zum Wechseln, was ab und zu nötig ist. Links ist der normale Saal, da gibt es auch Essen, das einige Kinder nicht mögen, aber trotzdem essen müssen. Dahinter ist das Klo, wo man auch Wasser trinken kann; davon kriegt man Flöhe im Bauch, was man so lange glaubt, bis eines Tages ein Ersatzfräulein kommt und behauptet, man kriege nicht Flöhe, sondern Frösche. Und dahinter geht es in den Hof, eine Steintreppe runter, wo man sich an der Hand halten muß. Eines Tages legt einem jemand ein Bein, und weil der ganze Mund blutet, hat man Angst, daß man nie wieder etwas essen kann.

Man kann aber dann doch wieder was essen, andere Kinder dagegen können das, was es im Kindergarten gibt, nicht essen, müssen aber doch, weil nichts im Teller bleiben darf.

Als der Winter kommt, erfährt man, daß nun auch bald der Nikolaus kommt, der den Krampus dabeihat. Der schlägt die bösen Kinder mit der Kette und steckt sie in den Sack, und weil man weiß, daß man selber zumindest ein bißchen böse ist, will man nicht mehr in den Kindergarten gehen, zumindest an diesem einen Tag. Dann geht doch alles gut, aber beim nächsten Fasching geht man lieber nicht mehr als Indianer (der man in Wirklichkeit ist, was aber die Eltern nicht wissen dürfen), sondern als Cowboy, da kann man sich notfalls wehren.

Der Kindergarten ist in der Schule, aber was die Schule ist, interessiert einen noch nicht.

Zu Hause ändert sich jetzt auch vieles; neue Menschen kommen hinzu, zum Beispiel Heidi (deren Bauch vom Hungern verkrumpelt ist), Monika (die später für ein Rolling-Stones-Poster 50 Päckchen Auto-Parade-Sammelbilder zahlt, die aber alle doppelt sind), eine andere Monika (von der man Vitamintabletten geschenkt bekommt, die man alle auf einmal ißt, weil sie so toll schmecken), Martin (der eine Caravelle fährt und in der Pupplinger Au erklärt, was eine Kloake ist), Walter (der außer Lachen und Kochen auch Klavierspielen kann, es aber nie tut) und eine Menge andere Leute. Eines Tages kommen sogar welche aus Berlin, die geflohen sind und aussehen, als hätte sie der Krampus erwischt.

Das sind alles Freunde der Eltern, aber selbst hat man inzwischen auch Freunde, die im selben Haus wohnen und mit denen man im Sandkasten spielen und in der Wiese herumrennen kann. Die größeren Kinder sind nicht immer freundlich, sondern schmeißen auch mal aus Spaß ein Dreirad in die Garageneinfahrt. Wenn man von Balkon zu Balkon Musik hört, werden die größeren Kinder auch leicht sauer, weil man die besseren Platten hat. Die meisten davon sind allerdings ausgeliehen (Beatles, Doors und Monkees zum Beispiel), aber eines Tages darf man sich in der Stadt aussuchen, ob man lieber ein Matchboxauto oder eine Platte haben will, und weil man sich richtig entscheidet, gehört einem die Rolling-Stones-Platte selbst. Die heißt "Beggars Banquet", aber lesen kann man das noch nicht, und später fällt ein Bücherregal drauf und macht die Platte und den Plattenspieler kaputt, so daß an der weißen Braun-Anlage nur noch der Radio geht.

Schreiben kann man schon ein bißchen und tut es gern, vor allem in Bücher, die den Eltern gehören und viel kosten. Am meisten kostet eine Kassette mit Kunstdruckbildern, in die man deshalb lieber nichts reinschreibt. Auf die Bilder paßt sowieso nichts mehr drauf, dafür sehen sie beeindruckend grausig aus, besonders "Der Krieg" von Otto Dix.

Am meisten reinschreiben kann man in die Beatles-Platte, weil sie ganz weiß und zum Aufklappen ist. Als der ältere Bub von nebenan seinen Katalog mit Monstermasken nicht mehr braucht, darf man sich die schönsten Bilder aussuchen, ausschneiden und ebenfalls in die Beatles-Platte einkleben.

Das Leben ist lustig, wichtig, aufregend und schön. Im Sommer geht man zum Flaucherspielplatz, fährt auf dem Karussell und steigt aufs Stangenflugzeug, im Winter fährt man Schlitten, und dazwischen tut man alles mögliche andere. Und eines Tages, als es im Kindergarten zu Weihnachten neue Bücher gibt und das Fräulein verkündet, daß es für einige Kinder die letzten neuen Bücher im Kindergarten sein werden, interessiert es einen langsam doch, was die Schule ist. Das dauert aber noch ein bißchen.


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