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So viele Jahre ...
1969 - 1973
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1969 - 1973

Wenn das mit der Schule plötzlich anfängt, kriegt man viel zu spät mit, daß es so schnell nicht wieder aufhören wird. Da hilft es auch nichts, sich einen Freund, der wegen "mangelnder Lernleistung" in den Kindergarten zurückgestuft wird, zum Vorbild zu nehmen und zu verkünden, man trete demnächst ebenfalls wieder aus. Nein, man muß da schon hin. Am ersten Tag geht man mit den Eltern in die Turnhalle, mit einer Riesenspitztüte voller Süßigkeiten in der Hand; wo die Süßigkeiten hingekommen sind, weiß man später nicht mehr.

Dann sind die Eltern auf einmal weg, und man muß in ein anderes Zimmer und sich an eine Holzbank rechts vorne setzen, wo links von einem ein Junge sitzt und sagt: "Guten Tag, mein Name ist Oliver, wollen wir Freunde sein?" So etwas hat man noch nie gehört, stammelt ein bißchen rum, und schon ist man zum ersten Mal blamiert. Dann kommt Frau Engelbrecht, die Religionslehrerin, und fragt, ob jetzt die Beatles schon in der ersten Klasse sind. Da ist man zum zweiten Mal blamiert. Dabei reichen die Haare, die man sich nach einem schockierenden Erlebnis mit einem Friseur und einem neumodischen Rasierapparat nie mehr schneiden zu lassen geschworen hat, kaum über die Ohren (bis jetzt).

In der Schule stellt man sich jeden Morgen beim Bubeneingang in Zweierreihen auf und wartet auf den Gong. Dann schreibt man Elemelemule, weil sich das reimt, liest "Fibelkinder", und nach einem halben Jahr heißt die Lehrerin nicht mehr Müller, sondern Leiffer und ist am Ende des Schuljahres, das aus unerfindlichen Gründen in der Mitte des Jahres liegt, auf einmal ganz weg, nach einer schönen Abschiedsfeier, bei der der Streber Armin soviel Limo trinkt, daß er in den Gang kotzen muß, weil er es nicht mehr bis zum Klo schafft.

Aufs Klo geht man in der Schule sowieso nicht so gerne, denn da trifft man die Berufsschüler, die dort rauchen und seltsame Sachen sagen, die manchmal recht bedrohlich wirken. Außerdem könnte man nur während der Schulstunden aufs Klo gehen, denn in den Pausen muß man auf den Pausenhof und darf nicht ins Haus. Da rennt man dann gruppenweise oder einzeln oder in Horden herum, streckt den Kindergartenbamslern die Zunge raus und versucht, auf die Wiese zu kommen, was meistens nicht geht, weil es die zum Wachdienst eingeteilten Streber verhindern. Manchmal geht es doch, dann rennt man im weiten Bogen vor den Wachstrebern davon und lacht sich kaputt. Wenn man zuviel lacht, besonders im Unterricht, muß man in den Strafkreis neben der Eingangstür zum Schulhaus. Dann lachen die anderen.

Im Klassenzimmer stehen die Bänke ziemlich durcheinander, weil das lustiger ist als in den anderen Klassen, wo alles ordentlich ist. Außerdem kann man sich besser unterhalten und die anderen kennenlernen. Peter und Klaus sind zurückgeblieben, denen muß man beim Werken helfen; Werner und Dieter sind dick und dünn und immer zusammen; Daniela ist zart und zittrig, Oliver lässig und sportlich, Klaus frech, Renate auch, Stefan und Arno erst recht, Ludwig spielt Fußball, Evi und Sabine sind groß, Eva und Günther klein, Joachim kann gut zeichnen und hat Asterixhefte, Desphina hat Hefte mit Berichten über Slade und T.Rex, Sylvia und Marion sind schön, Gudrun nicht, Marina bleibt sitzen, Petra ist schüchtern, die andere Sabine zieht an den Haaren und steckt für ein Zehnerl den Kopf hinter die Sprossenwand, Thomas ist brav, Christian komisch, über Thilo kann man lachen, Suna ist klug, Nadja stark, Sevlina versteht nichts, und Manfred kapiert meistens nicht viel. Und solche Sachen. Und ich? Das fragt man sich noch nicht oft.

Nach der Schule geht man in den Hort, wo am ersten Tag der coole Achmed vorführt, daß er sich den Daumen auskugeln kann, und den "Sicher zur Schule, sicher nach Hause"-Aufkleber auf dem Ranzen ziemlich lächerlich findet. Im Hort darf man, wenn nach dem Essen die Hausaufgaben gemacht sind, auf die Wiese. Das ist schön, und deswegen beeilt man sich mit beidem. Beim Essen ist man Kaiser, König oder Edelmann und nicht so gerne Bürger, Bauer oder Bettelmann und steckt ein Messer ein, damit man nachher im Gebüsch am Holzzaun sägen und die Flucht zum Mississippi vorbereiten kann. Beim Hausaufgabenmachen sind sowieso andere Sachen wichtiger, zum Beispiel wenn man erklärt bekommt, daß Geha-Füller toll und Pelikan "altmodern" sind und wie man in der zweiten Klasse die Zahl 4 schreibt: in einem Schwung. Später, in der zweiten Klasse, erfährt man von der Lehrerin, die jetzt Frau Schütz heißt, daß das gar nicht stimmt, aber da hat man es sich schon angewöhnt.

Frau Schütz hat sowieso ihre Eigenheiten. Sie mag es nicht, wenn man Erlebnisaufsätze frei erfindet, wenn man beim Völkerball nicht mitmachen will und so weiter, und am allerwenigsten mag sie es, wenn man keine Hausaufgaben macht, weil man keine Zeit für so was hat. Dann schreibt sie mit roter Tinte "Hausaufgabe fehlt! U:_____" ins Heft. Wenn man die Unterschrift selber hinzufügt (mit zittrigen Fingern abkopiert), ist sie noch böser und schickt das Heft mit der Post oder einem Mitschüler nach Hause. Dann muß man es entweder aus dem Briefkasten wursteln und in die Mülltonne werfen oder dem Mitschüler irgendwie abschwatzen.

"Schwatzen" tut man am liebsten im Unterricht, und auch das mag Frau Schütz ganz und gar nicht. Aber irgendwann sind zwei Jahre vorbei, und dann heißt die Lehrerin Frau Gebert und ist viel netter. Allerdings mag auch sie es lieber, wenn man Hausaufgaben macht. Dafür hat man aber immer noch nicht viel Zeit, weil man auch spazierengehen und mit Freunden radlfahren muß; das kann man notfalls dann, wenn die anderen Hortkinder mit dem Fräulein zum Spielplatz marschieren, allerdings gibt es dann nachher ein Donnerwetter. Man kann sich auch mit dem Antonius durch das Gebüsch in Frau Burgharts Schulgarten schleichen und dort Sachen anstellen, die Frau Burghart völlig aus dem Häuschen bringen. Zum Beispiel die Goldfische aus dem Aquarium rausholen und nach Größe geordnet danebenlegen. Dann gibt es einen Riesenärger. Einen Ärger gibt es auch, wenn Antonius dem neuen Matthias einen Eiszapfen in die Nase steckt, weil er frech geworden ist, und wenn man zwei andere Kinder in die Brennesseln wirft, woraufhin sie aussehen wie Himbeeren.

In der Pause gibt es eine Tüte Kakao und eine Semmel. Auf beides kann man verzichten, dann hat man zu den fünfzig Pfennig Taschengeld noch ein zweites Fuchzigerl pro Woche, für das man sich Sachen kaufen kann: entweder Sammelbilder von Autos, Flugzeugen und Motorrädern im Kiosk auf der anderen Straßenseite oder Brausestäbchen, Muscheln und Gummiteufel bei Frau Zittner gegenüber oder ein Mickymausheft bei Frau Grünberg in der Untersbergstraße. Die Muscheln sind an der Schule allerdings verboten, weil man daran "ersticken" kann. Verboten ist auch der Tintentod, der aussieht wie ein weißer Lippenstift ohne Innenhülle und an dem man ebenfalls "ersticken" kann.

Wenn Ferien sind, muß man nicht in die Schule. Und wenn man von einem Lastwagen überfahren wird, muß man auch nicht in die Schule. Viele Kinder werden überfahren und müssen nicht in die Schule, aber als man selber überfahren wird, wäre man im Nachhinein lieber in die Schule gegangen, zumindest die ersten zwei Wochen.

Wenn man in die vierte Klasse kommt, gibt es keine größeren Kinder mehr an der Schule, und das ist toll, weil man jetzt den anderen zeigen kann, wo der Bartl den Most holt, ohne daß man eventuell doch mal an einen Größeren gerät. Im Hort ist das genauso. Da mußte man bis dahin vor jemandem wie Herbert Käfer, der für zehn Pfennig vier Reißnägel verschlucken kann, schon Respekt haben. Jetzt kann man sogar Drohbriefe an das neue Fräulein schreiben, das selber an der Idee schuld ist, weil es zuvor "Das rote U" vorgelesen hat.

In der vierten Klasse werden aus den Horden auf dem Pausenhof langsam zwei Horden: Mädchen und Jungen. Das versteht man noch nicht richtig, auch wenn der dicke Bernd neuerdings statt "Depp" immer "Schwuler" zu einem sagt.

In der Schule passiert noch viel mehr. So viel, daß man im nachhinein gar nicht mehr richtig weiß, ob daheim auch was passiert ist. Außer daß man Meerschweinchen kriegt, wegen Ohrenweh ins Krankenhaus muß, Hörspiele hört und im Hof Fußball spielt und daß gegenüber einer wohnt, der Lukas heißt und einen Fiat-Sportwagen hat, und daß man mit dem Kettcar auch zu zweit fahren kann und daß man das Kettcar aber lieber nicht auf einen Autoparkplatz stellt und daß man in den Schlierseeblock besser gar nicht rein geht, weil man sonst mit Harry und Berti das Ohnmachtsspiel spielen muß. Und solche Sachen.

Und wenn die Hausaufgaben nicht wären, wegen denen man manchmal ein schlechtes Gewissen haben muß, dann wäre das Leben wunderbar. Obwohl, irgendwie ist es das auch so.

Aber dann schreibt man einen "Schulleistungstest" und versteht plötzlich erst richtig, warum die Kinder in der vierten Klasse die Größten sind: Weil man danach auf eine andere Schule geht. Das ist schade, weil die meisten Kinder auf verschiedene Schulen gehen müssen. Aber spannend ist es auch.


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