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So viele Jahre ...
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1973 - 1975

Der erste Satz am ersten Schultag in der neuen Schule stammt aus dem Mund eines älteren Schülers, der die doppelte Glastür zum Gang vor unserem Klassenzimmer kurz öffnet, den Kopf reinstreckt und zu seinem Freund sagt: "Lauter so Kurze!" Da weiß man, daß das jetzt alles wieder von vorne losgeht und wir nach vier langen Jahren wieder die Kleinsten sind. Es gibt jetzt auch viel mehr Lehrer, für jedes Fach einen, von denen wir am ersten Tag nur den wichtigsten kennenlernen: den Klaßleiter, den wir auch in Rechnen (das jetzt Mathematik heißt und größtenteils aus Mengenlehre besteht) haben. Er heißt Herr Ostler und erklärt uns am ersten Tag erst mal ausgiebig die Schulstrafen, die es bisher auch nicht gab: Verweis, Arrest, Direktoratsverweis, Direktoratsarrest, Androhung der Entlassung, Entlassung, Ausschluß von allen Schulen in Bayern.

Die anderen in der Klasse kommen von allen möglichen Schulen und nicht mal alle aus Giesing, ein paar müssen mit der S-Bahn herfahren oder von den Eltern hergefahren werden. Und die Schule fängt auch nicht mehr um acht Uhr an, sondern um zehn nach acht. In der ersten Englischstunde bei Fräulein Eichinger muß ich feststellen, daß die Sätze, die mir die rothaarige Helga in den Ferien beigebracht hat, noch bei weitem nicht das ganze Englisch sind und meine Meldung auf die Frage, wer schon mal Englisch gehabt hat, ziemlich voreilig war. Es gibt noch mehr neue Fächer: Biologie bei Frau Arnold, Erdkunde bei Herrn Horn (der jedesmal eine meterlange Landkarte auf der Schulter ins Zimmer trägt und aufhängt, die er dann aber nie braucht), und eigentlich sind alle Fächer neu, auch Turnen bei Herrn Eckstein (von dem man schon einen Verweis kriegt, wenn man einen Klassenkameraden in die Sandgrube schubst), Zeichnen bei Herrn Michel (bei dem man sich fünf Minuten lang hinstellen muß, wenn man Blödsinn macht, und einen Verweis kriegt, wenn man fünfmal sein Handwerkszeug vergessen hat) und Musik bei Herrn Klinger, wo man jetzt nicht mehr selber singen muß, sondern zuhören darf, wenn er Klavier spielt.

Es gibt noch viele neue Sachen: einen Wandertag, an dem man von Großhesselohe zur Kugleralm marschiert und Kaulquappen fängt, eine Schülerzeitung und einen Chor, wo man dann doch wieder singen muß, unter Anleitung von Herrn Bartl, der laut Aufschrift auf der Wand im Musiksaal "einen Schlag hat", manchmal sehr komische Dinge macht (zum Beispiel auf den Flügel steigt, die Schuhe auszieht und sie in den Chor hineinwirft, der seiner Meinung nach vor allem aus "kaugummikauenden Hinterhoftypen" besteht) und zum Ende des ersten Jahres am Gymnasium sein Werk "Lux" aufführen läßt.

Weil die meisten Klassenkameraden weit weg wohnen, bleibt nach der Schule erst mal alles so, wie es ist: Im Hof wird Fußball gespielt, in der alten Ziegelei werden Häuser gebaut, die die Buben aus dem Schlierseeblock leider immer mal wieder abreißen, Matchbox-Autos sind ebenso interessant wie Donald-Duck-Hefte, und manchmal kommen Freunde vorbei, die jetzt auf andere Schulen gehen. Mit der Zeit kommen sie dann seltener und irgendwann nicht mehr.

Im Sommer 1974 habe ich das erste Mal eine Fußballweltmeisterschaft erlebt, bei der es dann aber die meiste Zeit regnete. Mit einem Ohrhörer im Ohr hörte ich nachts im Bett, wie Jugoslawien gegen Zaire 9:0 gewann, und dann kam das Endspiel, an meinem elften Geburtstag; da versammelte sich die ganze Familie und noch einige Leute mehr im Wohnzimmer und hoffte auf ein spannendes Spiel. Nachdem Gerd Müller vor der Pause das 2:1 geschossen hatte, wurde die Sache jedoch dermaßen langweilig, daß wir Kinder lieber in den Hof gingen und selber Fußball spielten. Dabei kamen wir auf die Idee, daß man auch selber Weltmeisterschaften veranstalten konnte, sogar mit drei Leuten: jeder gegen jeden, die besten zwei bestritten dann das Endspiel; die Medaillen wurden aus Plastikgranulat im Ofenrohr gegossen. Wenn der Ball über den Zaun flog, mußte einer drübersteigen, weil der Hausmeister das Hochziehen des Zaunes zum Drunterdurchklettern streng verboten hatte. Und manchmal konnte man sich über ein Foul nicht einig werden, dann war die Weltmeisterschaft sehr schnell zu Ende.

Für Popmusik interessierte sich auch in der neuen Klasse noch kaum jemand. Zum Glück hatte ich immer noch die Zeitschrift POP und einen Cousin, der sich viele Platten kaufen oder wenigstens zum Überspielen ausleihen konnte. Der durfte sogar mal auf ein Slade-Konzert gehen und wollte danach plötzlich lieber ganz andere Musik hören, während ich zwar T.Rex nicht mehr ganz so aufregend fand (weil von denen nicht viel Aufregendes zu erfahren war), Slade, Sweet und Alice Cooper dafür um so mehr, und später auch Deep Purple und am Ende sogar Yes. Aber Musik war noch nicht so wichtig, daß andere Sachen nicht auch wichtig gewesen wären. Zum Beispiel Fischertechnik und überhaupt Technik, mit der man zum Beispiel vom vierten Stock in den ersten Stock eine Telephonverbindung legen konnte. Und alle möglichen Sprengstoffe herstellen.

Weil die Stadtranderholung immer nur tagsüber war und Erwachsene aber auch mal in Urlaub fahren mußten, gab es im Sommer 1974 ein Zeltlager bei Sonthofen. Da mußte man mich erst mal ziemlich lange suchen, weil ich gleich nach dem Aussteigen aus dem Bus, während der Einteilung in Gruppen, ein paar Buben kennengelernt hatte, die Fußball spielen wollten und aber gar nicht zum Zeltlager der Falkenjugend gehörten, was sie mir erst sagten, als die Sonne schon am Untergehen war. Ich kam dann (mit Mischa, Gerhard und Jörn Pfannkuch) in das Zelt "Adlerhorst", bei der jüngsten von allen Betreuerinnen, die Helga hieß, gerne schlecht gelaunt war und sich vergeblich weigerte, aus meinem Edgar-Allan-Poe-Buch vorzulesen. Wie bei der Stadtranderholung wurde auch hier der "Lagerboogie" gesungen, diesmal aber an einem großen Lagerfeuer; an einem Kiosk gab es Kaugummikugeln mit Brause in der Mitte, die Betreuer wurden eines Nachts (angeblich) beim Nacktbaden erwischt, und nach ein paar Tagen brach eine Magen-Darm-Epidemie aus, die sich von Zelt zu Zelt fortsetzte und endlich mich auch erwischte, so daß ich von dem Film "Die Ferien des Monsieur Hulot" nicht viel und von der Party gar nichts mitbekam. Das war doppelt blöd, weil ich zufällig und ganz plötzlich bemerkte, daß ich zum ersten Mal verliebt war, aber abgesehen davon, daß ich vor Schüchternheit auch dann im Boden versunken wäre, wenn der nicht vor lauter Dauerregen ein einziges Schlammloch gewesen wäre, hatte mich der Sohn des Lagerleiters Waldemar öffentlich als "Spaghettibeiner" bezeichnet und damit für großes Gelächter ausgerechnet bei Susi und ihren Freundinnen gesorgt, und außerdem nahm die natürlich lieber an der Neigungsgruppe Malen teil als an der Neigungsgruppe Fußball, was ich mir ja auch denken hätte können. Beim Ausflug nach Gunzenhausen fiel einer in ein Wespennest und mußte ins Krankenhaus, wovon danach die auf Matrizen kopierte Lagerzeitung exclusiv berichtete, und am Ende, beim Heimfahren mit den zwei großen Reisebussen, verlieh ich noch schnell mein Robin-Hood-Buch an den Mischa und sah es nie wieder.

Von der Außenwelt kann ich mich sonst nicht an viel erinnern. 1975, das erfuhr ich an Silvester bei meiner Oma aus dem Fernsehen, sollte das "Jahr der Frau" werden, wozu der Münchner Lach- und Schießgesellschaft eine Menge einfiel. Dann war der Vietnamkrieg zu Ende, der Bundeskanzler hieß seit einiger Zeit Schmidt, woran man sich aber nicht recht gewöhnen konnte. Und als nach den Sommerferien 1975 die siebte Klasse begann, hatten wir uns schon ziemlich gut an der schon lange nicht mehr neuen Schule eingewöhnt. Nun war plötzlich ein ganzer Haufen Sitzenbleiber neu in der Klasse, die alle im Schuljahr zuvor Herrn Eckstein in Latein gehabt hatten, und da wurde die Sache nun langsam ziemlich lustig, auch wenn diese seltsame Geschichte mit den Mädchen irgendwie gar nicht richtig vorankommen wollte. Aber da war ja noch viel Zeit, auch wenn man das in dem Alter selber selbstverständlich nicht glaubt.


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