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So viele Jahre ...
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1976 - 1978

1976 begann damit, daß ich auf sozusagen halbbewußte Weise ein soziales Wesen wurde: Eines Tages fragte mich ein Klassenkamerad, der zufällig auch bei mir im Haus wohnte, ob ich nicht Mitglied einer Jugendgruppe werden wolle, die ein anderer Klassenkamerad gerade "aufmache". Der Plan war, so erfuhr ich, Filme anzuschauen, über alles mögliche zu diskutieren, unter anderem auch über die Science-Fiction-Romane, die ich stapelweise für je 75 Pfennige im Kaufhaus Kepa kaufte, aber nur sporadisch wirklich las, weil viele davon beim Versuch, sie zu lesen, eher öde wirkten oder vielleicht auch waren (was mich ziemlich demoralisierte, was das Lesen anging: Karl May hatte ich aufgegeben, weil er so öde war; die "gute" Literatur war mindestens genauso öde ... und jetzt waren die Terra-Romane "aus der Perry-Rhodan-Redaktion" mit den tollen Titelbildern auch öde?). Ein paar las ich doch, die waren nicht öde, und obwohl Science Fiction (und ganz besonders alles, was mit Perry Rhodan und Raumschiff Enterprise zu tun hatte) bei Eltern generell als fürchterlicher Schund galt, hatte ich den ersten davon im Bücherregal meiner Mutter gefunden: "Der Sprung ins Jenseits" von Clark Darlton war super, und er war deswegen geduldet, weil er eben aus diesem Bücherregal kam, was die Sache recht ironisch machte (Clark Darlton war nicht nur Perry-Rhodan-Autor, sondern hatte Perry Rhodan sogar erfunden). Immerhin: Science Fiction war immer noch besser als MAD, hieß es. Und zumindest sehr lustig waren die Geschichten von Dalaimoc Rorvic und Tatcher a Hainu.

Jetzt war ich also Mitglied einer Jugendgruppe, die sich ein- oder zweimal in der Woche im Jugendheim im Keller unter der Bücherei der Giesinger Pfarrei Königin des Friedens traf, entweder im "Bubenzimmer" (wo ein gewisser "Fuzzi" sämtliche Wände mit seinem Namen beschriftet hatte) oder im "Clubraum" (wo es eine Couch gab und die Wände bunt waren) oder im Tischtennisraum oder im "Mädchenzimmer" (da war alles voll mit Bay-City-Rollers-Postern). Wie das beim Alter der Beteiligten (Jürgen war Gruppenleiter, außerdem kann ich mich erinnern, daß am Anfang Stefan, Bernd und Markus dabeiwaren) zu erwarten war, verliefen die Treffen aber ganz anders als geplant: Hauptsächlich machten wir Blödsinn, kicherten, erzählten Witze und stritten uns über Kleinigkeiten. Jürgen wollte, daß wir an einem Wettbewerb namens "Gustav-Heinemann-Preis" teilnehmen, in dem es um Geschichte und den Krieg ging, aber es wurde uns bald zu blöd, wissenschaftliche Bücher zu lesen, zumal keiner wußte, was man zum Gewinnen dann eigentlich machen mußte. Nur beim ersten Treffen, das im Pfarrheim beim Pastoralassistenten Hofinger stattfand, gab es einen Film; der hieß "Am Fuße des Chimborazo". Ziemlich bald war die Gruppe (die inzwischen den Namen "Peanuts" trug, warum auch immer, wahrscheinlich war das sogar meine Idee) dann eine eher chaotische Veranstaltung, aus der ich ebenso bald wegen aufrührerischem Betragen hinausgeworfen wurde.

Es war aber nicht die einzige Gruppe, der ich angehörte: Gleichzeitig hatte die Pfarrei uns zum "Firmunterricht" eingeladen, der im Keller neben dem Jugendheim (und manchmal auch woanders) stattfand und um einiges ruhiger und ernsthafter ablief, weshalb ich wahrscheinlich auch nicht mehr weiß, um was es ging; nur an den Film "Das Kreuz und die Messerhelden" kann ich mich erinnern, der wurde außerplanmäßig im Pfarrsaal gezeigt, wo wir früher schon am Mittwochnachmittag für 50 Pfennige Filme wie "Die Ferien des Monsieur Hulot" usw. gesehen hatten. Aber es waren Mädchen dabei in der Firmgruppe, unter anderem die Petra aus meiner alten Klasse, in die ich, wie das in dem Alter üblich ist, sofort verknallt war, ohne zu wissen, was ich jetzt tun sollte außer stammeln, schwitzen und am besten Abstand halten, um Blamagen zu vermeiden (wobei die Blamagen damit begannen, überhaupt anwesend zu sein).

Dann wurde die Gruppe aber geteilt, und zum Wochenendausflug nach Oberau in Tirol durften die Mädchen nicht mitfahren (die fuhren wahrscheinlich woanders hin). Weil es dort (abgesehen davon, daß der Thomas dem Oli eine blutige Nase schlug, oder umgekehrt, daß selbiger Thomas beim Zurückfahren den VW-Bus unseres Betreuers Gunnar vollkotzte und daß gleich danach mit einer Riesenerkältung der Stimmbruch anfing, der aber in ein paar Tagen erledigt war) sehr lustig war und wir das Länderspiel gegen die Oberauer Auswahl haushoch gewannen, gründeten wir danach gleich noch eine Gruppe (was sich auch deswegen gut traf, weil ich aus der anderen eben gerade hinausflog), die sich diesmal hauptsächlich und von vorneherein mit Blödsinn und Fußballspielen beschäftigen sollte. Wie das in diesem Alter ebenfalls üblich ist, gab es freilich sofort einen Riesenstreit mit der anderen Gruppe, aber das ist alles furchtbar kompliziert und egal. Jedenfalls war diese Gruppe nun eine sehr lustige Veranstaltung, die nach einiger Zeit sogar eine eigene Zeitung (in einem Exemplar, das jeder einen Tag lang behalten durfte) herausgab, womit ich quasi schon mal Redakteur war, ohne zu ahnen, daß ich das später noch mal "richtig" werden würde.

Weil unsere Gruppe und die andere Gruppe sich größtenteils aus Mitgliedern unserer Klasse (7a) zusammensetzten, schwappte der Streit selbstverständlich auch in die Schule hinein, wo es damals, im Frühling und Sommer 1976, sowieso jede Menge Wirbel gab, weil die Klasse 7a ein Gesamtverhalten an den Tag legte, mit dem unsere Lehrer und unsere Klaßleiterin (Frau Brenner) und das Direktorat (besonders Herr Emmer, der für die Ordnung am Asam-Gymnasium zuständig war) ganz und gar nicht einverstanden sein konnten. Eine Art Höhepunkt war der Tag Ende Januar, als der Wolfgang eine Flasche Whisky mitbrachte und stolz herumzeigte und fast ganz allein austrank und hernach erst beim Sitzfußball in der Freistunde ziemlich komisch war, dann unsere Klasse nicht mehr fand, schließlich von uns gefunden wurde (beim Händewaschen vor einem tobenden Lehrer in einem fremden Klassenzimmer), Frau Brenner mit "Heil Hitler" begrüßte, den Papierkorb vollkotzte (oder vollgekotzt hätte, wenn das Ding zur Aufnahme von Flüssigkeiten geeignet gewesen wäre), endlich einschlief und auch beim Eintreffen der Sanitäter nicht mehr aufwachte. Und der Schulausflug ins Isartal bei Schäftlarn, bei dem eine besonders renitente Bande einen Verweis wegen "rücksichtslosem Verhalten" bekam; ich auch.

Aber im allgemeinen waren wir nett, lustig und aufgeschlossen, und auch unserem armen Religionslehrer Bauernschmidt trugen wir nicht nach, daß er dem Ralf seine Bank draufwarf und den Oli vom Stuhl boxte; jeder hat mal einen Wutanfall, und Herr Bauernschmidt war ein sehr netter Mensch. Das war eigentlich auch Fräulein Tischler, mit der wir aber wesentlich weniger rücksichtsvoll umsprangen und die einmal sogar der gesamten Klasse einen Arrest erteilte, der allerdings nach wenigen Minuten abgebrochen wurde, woraufhin sie wegen einer Niespulverüberdosis krankgeschrieben wurde. Zur Versöhnung bestellten wir beim Studentenservice einen Nikolaus in den Samstagsunterricht, der dann allerdings eine Stunde zu spät kam und es mit unserem Mathematiklehrer, Herrn Studiendirektor Knauth, und dessen Referendar Ihler zu tun hatte (die beide überraschend viel Humor zeigten; aber genau betrachtet war die ganze Geschichte schon im Dezember 1975, oder?).

In der achten Klasse wurde alles ein gutes Stück ernster. Unser neues Klassenzimmer lag im Keller, wo es immer düster war, und weil sich die Schüler (oder ihre Eltern) idiotischerweise entscheiden mußten, ob sie lieber Kunsterziehung oder "Wirtschaftslehre" haben wollten, waren die Klassen neu eingeteilt worden. Für einige endete der Spaß, zum Beispiel für den Bernd, der trotz unseren gemeinsamen Lernbemühungen in den Ferien (na gut, meistens spielten wir Fußball oder redeten über Mädchen) die Nachprüfung nicht bestand, und für den Wolfgang, der vor den Osterferien mit Freunden ein Auto klaute, was ziemlich schiefging.

Eine echte Sensation, die sozusagen genau zur richtigen Zeit kam, war die Einführung der "Koedukation" an der Schule, dank der wir nun täglich von Mädchen umgeben waren, allerdings erst mal nur in der fünften und elften Klasse, die einen also zu klein, die anderen zu groß. Aber immerhin, es gab was zu sehen und jede Menge Anlaß für flaue Bauchflattergefühle und merkwürdiges Verhalten; und im Laufe der nächsten zwei Jahre nivellierte sich das mit dem Alter, und Conny, Doris, Renate wurden Tagebuchthemen. Und Moni und Susi und Gisela. Und die Tina aus dem Schwimmunterricht. Und so weiter.

Das (Zweit-)Wichtigste war - neben Fußball und Science Fiction - die Musik. Weniger die, die ich im Cellounterricht kennenlernte, als die auf Platten und - weil die Platten taschengeldbedingt immer nur einer hatte - auf Kassetten. Nach Deep Purple und Emerson, Lake & Palmer waren das nun zunächst vor allem Yes. Dann kamen jede Menge andere Sachen dazu (von Jefferson Airplane über Queen, die Beatles, Kraan und Pink Floyd bis Tangerine Dream), auch ein paar Verirrungen (zum Beispiel ein Scorpions-Album, das mir ein Schüler aus der Parallelklasse mit einer heißen Empfehlung lieh, das aber irgendwie ziemlich komisch war). Und dann, ab Sommer 1976, die Bands, die jeden Sonntag im Theatron im Olympiapark auftraten: Rembremerdeng, Fargo, Franz K., Ramses, Breakfast, Harlis, Anduin, Saffran, Hades, Paladin, Horizont, Aera, Cry Freedom, Missus Beastly, Embryo, Guru Guru usw. Und alles, was in Club 16 lief und mitgeschnitten wurde, wo dann ab Anfang 1977 plötzlich ganz neue Klänge ertönten, die sich "Punkrock" und "New Wave" nannten und mich trafen wie ein Pfeil ins Schwarze. Schade, daß im Februar 1978 mit der Auflösung der Sex Pistols alles schon wieder vorbei war. Scheinbar, wie sich zeigen sollte. Im Herbst 1978 wurde mir das Hippiegedudel in "Club 16" zuviel, und weil ich deswegen einen Brief an den Sender schrieb, durfte ich bei einer Radiosendung über Punk ("Klickfunk") ein bißchen mitreden und mir "See No Evil" von Television wünschen. Und weil das alles gar so aufregend war, wurde aus unserer "Hörspielgruppe", die wir Ende 1977 gegründet hatten, nun eine "echte" Band. Oder zumindest so etwas ähnliches.

Es passiert noch mehr: eine ausgefallene Impfung wegen Mofaunfall, viele Ausflüge und Radtouren, Wochenenden in der Vorstadt, Basteleien mit Plastikgranulat und Streichhölzern, vergebliche Versuche mit dem Gesellschaftsspiel "Flaschendrehen", Nachmittage im Schyren- und Michaelibad und an der Isar, Donald Duck und Horrorstories, eine Fußball-EM mit einem dramatischen 4:2 gegen Jugoslawien, ein Bundesligaaufstieg des TSV 1860, im Frühsommer 1976 eine Hitzewelle, die ersten Zigaretten in einem geschenkten Schrottauto (Ford Taunus 18M), die Firmung, viele familiäre Diskussionen über einen Vorgang namens "Pubertät", Chemieexperimente, Selbstversuche mit hochhackigen Schuhen und Hufeisen, zeitlose Sommerferien in Niederbayern und Aubing, erste Versuche mit eigenen "Songs", Kriminalhörspiele und Spaziergänge, Fischertechnik, Rollschuhe und Rollbretter (die damals noch selbstgebaut waren und nicht "Skateboards" hießen), Klassenparties (oder wenigstens eine), erste Begegnungen mit alkoholischen Getränken, ein "deutscher Herbst" mit folgenschweren Diskussionen im Religionsunterricht, die meine Schulkarriere fast beendet hätten ... und dann wird die Zeit plötzlich knapp, wenn man 15 wird und der Sommer zu Ende geht und nichts von dem passiert ist, was man sich erträumt hat. Oder nicht erträumt, sondern zusammengeträumt; aber so oder so ist die Wirklichkeit eine völlig andere.


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