von oben: Marionetz backstage im Rigan-Club 1983; zwei Bilder von den Blam!-Castings; die ersten Blam!-Proben; Marionetz in der Alabamahalle im Februar 1984; backstage nach dem Konzert; das Abschlußfest der ersten Blam!-Drehstaffel; Marionetz-Pressephoto 1984; eine Drehpause während der zweiten Blam!-Staffel; "Felix" und "Panda" als lustige junge Männer; "Felix" und "Lilli"; das Verschlingen der "Blam!-Torte" beim Abschlußfest der zweiten Staffel; Urlaub in Monterosso al Mare 1985; im Biergarten (Spätsommer 1985, kurz vor dem Zivildienst)

 
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So viele Jahre ...
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1983 - 1985

Wenn man »zum Fernsehen kommt«, ist das eine gute Gelegenheit, mal ein ziemliches bißchen verrückt zu werden. Oder andersherum: Wenn man sowieso schon verrückt spielt, kann man auch gleich »zum Fernsehen gehen«. 1983 habe ich ein ziemliches bißchen verrückt gespielt; mein Hauptberuf war Bassist in einer Pop-Band, bei den Marionetz, die akribisch die bayerischen Dörfer, Provinzfestivals, Schul- und Stadtfeste abklapperten und darauf warteten, daß sich irgendwann doch einmal eine Plattenfirma finden würde, die ihr zweites Album veröffentlichen wollte. Rita und Dieter Erdmann, damals die motorische Seele von Münchner Freiheit (wo Dieter auch Baß spielte) bemühten sich als Manager unermüdlich, aber leider erfolglos: Die in Dieters Metro-Studio (in einem Hinterhof in der Maxvorstadt) mit Hilfe von Stefan Zauner und Toningenieur Kai entstandenen Demos wollte sich niemand so richtig anhören, schon gar nicht ein Herr Hoffmann vom Münchner-Freiheit-Label CBS, dessen Musikgeschmack und -verständnis arg restringiert war. Den störte es sogar, wenn im Text das Wort »schwarz« vorkam (nicht kommerziell genug). Daß die Band live vollkommen anders klang als auf den Aufnahmen, war freilich auch eine Schwierigkeit. Geduld, wie sie viele Jahre später die Sportfreunde Stiller und ihr Manager Marc Liebscher hatten, war für die Marionetz außerdem ein Fremdwort. Na gut, wir warteten ja auch schon über ein Jahr. Eine Firma fand sich dann aber tatsächlich: Franz Trojan von der Spider Murphy Gang vermittelte den Kontakt zu deren Produzent Harald Steinhauer, der auch Teilhaber an dem Label Mambo Musik war. Der sah sich die Marionetz ein paarmal an und beschloß, das mal probieren zu wollen.

Es war ein großes Glück und zugleich eine große Dummheit, daß Sigi, der Sänger und Songschreiber der Marionetz (der ein glühender Nena-Fan geworden war) beschlossen hatte, um einen Plattenvertrag zu ergattern, sei es unabdinglich, sich von einer wüsten Punkband (Motto: »die Ramones für Arme«) in eine NdW-Schlagerkapelle zu wandeln. Da Harald Steinhauer einerseits bekennender Ramones-Fan war, andererseits außer der Spider Murphy Gang auch eine Reihe von Schlagerleuten produzierte (Juliane Werding, Helmut Frey, später Nicki), schien die Kombination perfekt. Im Oberföhringer Weryton-Studio nahm Steinhauer das neue Programm der Marionetz als Demo auf und überzeugte seinen Partner Jürgen Thürnau; ein Vertrag mit Mambo und der Vertriebsfirma WEA wurde unterschrieben, es gab sogar einen Vorschuß (mit dem sich Gitarrist Günter Beyer die Zähne wenigstens provisorisch richten lassen konnte). Als das Album »Vierzehn« nach ein paar Wochen Arbeit im Harlachinger Rainbow-Studio fertig war, zeigten sich die Nachteile der Kombination: Den alten Fans der Marionetz standen die Haare zu Berge. Der gelackte Schlagerpop war beamtenmäßig gespielt, modern und ziemlich perfekt produziert, aber im Grunde ein peinliches Nichts; Songs und Texte hatten weder eine musikalische noch sonst eine Seele, und wer sich so etwas freiwillig anhören sollte, wußte niemand so recht.

Die Marionetz tourten also fröhlich weiter durch die Landschaft, als eines Tages Sigi erzählte, er habe jetzt eine Filmrolle. Die Regisseurin Gloria Behrens, zuvor durch den Kinderfilm »Rosi und die große Stadt« bekanntgeworden, plante eine Fernsehserie zum Thema Ausländer in Deutschland (Arbeitstitel »Die zweite Generation«), und weil Sigi so hübsch blondierte Haare hatte, durfte er mitspielen. Ich weiß nicht mehr, wie er in der Serie hieß; die Serie selbst hieß dann schließlich »Unsere Nachbarn, die Baltas«. Damals (oder überhaupt) war (ist) es so, daß junge Leute Anfang zwanzig gerne »zum Film« wollten. Ich war damals zwanzig und wollte also zum Film. Zweimal durfte ich als Statist bei »Unsere Nachbarn, die Baltas« mitspielen. Das erste Mal mußte ich an einer Bar sitzen und ein Bier und eine Zigarette verzehren, während im Vordergrund Sigi seinen Text vergaß, – es wurde ein langer Abend (und eine lose daran angelehnte Geschichte). Das zweite Mal stand ich mit meiner damaligen Freundin nur so da.

Die Regisseurin erwies sich als recht nett und war ein großer Fan der Marionetz, also redeten wir so lange auf sie ein, bis sie endlich als nächstes Projekt eine Serie über eine Band machen wollte. Die sollte diesmal »Blam!« heißen. Sigi und ich waren als Mitglieder der Band »Blam!« fest gebucht; die restlichen Musiker-Darsteller wurden im Herbst 1983 bei einer Reihe von »Castings« gesucht. Einer der Kandidaten für den Schlagzeugerstuhl war pikanterweise Trini Trimpop von den Toten Hosen, die damals gerade mit einer Imitation der vor-kommerziellen Marionetz ihre Karriere starteten. Es wurde dann aber Jürgen Tonkel; das Gitarrespielen sollte Sebastian Deutschmann übernehmen, und als Saxophonistin und weibliches Element kam (ohne »Casting«) Sissy Kelling dazu. Prominente und halbprominente Nebendarsteller waren auch dabei: Jockel Tschiersch und Ottfried Fischer, Dolly Dollar, FJ Krüger (der Gitarrist von Ideal), der Bodybuilder Ralf Möller, Veronika von Quast u.a.

Gedreht wurden 1984 und 1985 in zwei Staffeln dreizehn Folgen; die ersten erwiesen sich als etwas arg wirr und witzlos, weshalb für die zweite Staffel auf Anraten der Darsteller eine ganze Menge Gags eingebaut wurden, die wir größtenteils von den Monkees abgeschaut hatten. Die Geschichten selbst blieben aber weiterhin wirr; vielleicht deshalb lasen sich die Ankündigungen in den Fernsehzeitungen so hilflos und lustig.

Da »Blam!« eine Band war, mußte es auch Musik geben. Die Songs durften zum Teil tatsächlich die Darsteller selbst schreiben, die ja im wirklichen Leben fast alle in Bands spielten (Jürgen bei IDB, Sebastian bei Sella Vee, Sigi und ich bei den Marionetz und ich außerdem noch bei den Comics). Aufgenommen wurden die Sachen dann aber von Studiomusikern unter der Regie des Produzenten Lothar Meid; singen durften wir wieder selbst – die Ergebnisse waren, da in Windeseile in einem seltsamen Studio (bei der Bavaria in Geiselgasteig) aufgenommen, ziemlich, ähem, kraß. Die Songs der ersten Staffel, noch mit »echten« Instrumenten eingespielt, klangen recht gut, aber leider auch sehr brav und nach NdW. Die zweite Ladung war dann voll computerisiert, was schon damals nicht mehr besonders modern war. Und die Gesänge litten, wie gesagt, unter Zeitdruck. Nicht nur darunter, aber darunter am meisten. Vielleicht wollte deshalb keine Plattenfirma ein »Blam!«-Album machen. So weit wie die Monkees, die ihr drittes Album selber einspielen durften, sind wir leider nicht gekommen; das Ergebnis hätte toll werden können.

Als die Serie dann im Fernsehen lief, war sie, glaube ich, kein großer Erfolg. Während der zweiten Staffel wurde mir auch das zunehmend richtungslose Gebolze der Marionetz zuviel (da auch hier der Erfolg ausblieb, beschloß Sigi, es sei notwendig, acht Stunden am Tag zu proben, was mit meiner Natur nicht zu vereinbaren war und ist). Im Herbst 1985 fing ich meinen Zivildienst an, in einem Wohnheim des KMFV unterhalb des Sechzigerstadions. Beim Einkaufen im Lebensmittelgeschäft gegenüber wurde ich manchmal nach Autogrammkarten gefragt, aber es gab keine, und so verlief die Sache im Sand. Ebenso wie meine Karriere als Schauspieler: Noch während der Dreharbeiten hatte ich mich bei Klaus Lemke für die Hauptrolle in dem geplanten Film »Bibo und die Männer« beworben; Lemke fand aber, ich sei zu dick (geworden). Nach dem Zivildienst hatte ich dann selber keine Lust mehr auf das komische Filmgeschäft. Ein Herr bei der Vermittlungsagentur für arbeitslose Schauspieler fragte mich, ob ich eine Ausbildung habe; ich sagte nein, worauf er mir erklärte, ich sei dann wohl eine gescheiterte Existenz. Das war aber schon 1986. Irgendwann später hatte ich mit Sebastian mal die Idee zu einer allerallerletzten Blam!-Folge, die viele Jahre später spielen und ziemlich zynisch sein sollte. Vielleicht finde ich den Drehbuchentwurf mal wieder. (Hab ich inzwischen gefunden.)

Das einzige, was mir von »Blam!« blieb, sind Erinnerungen, die mindestens ebenso wirr waren wie die Drehbücher (zur Erinnerung: Ich sagte schon, daß ich damals ziemlich verrückt gespielt habe). Einen Teil davon habe ich ein paar Jahre später zu einem Roman verarbeitet. Wer ihn liest, glaube aber bitte nicht, irgendwas davon sei wirklich so passiert ...

Auch meine »Hauptband« gab es freilich noch: Die benannte sich Anfang 1983 von Tollwut zunächst in Jetboys um, eine Woche später in Teenage Idols, wieder ein paar Tage später in The Comics. Für die waren diese Jahre logischerweise ein ziemliches Durcheinander. Wenn schon die zwanghaft kommerziellen Marionetz keinen Plattenvertrag ergattern konnten, waren die Aussichten für die Comics logischerweise gleich Null. Also veröffentlichten wir im Frühjahr und Spätsommer 1983 unsere ersten beiden »Alben« nur auf Kassette: »Zurück nach Hawaii« und »Malibu«. Beide verkauften sich, obwohl nur im »Stachus-Musik« offiziell erhältlich (der neueröffnete WOM hatte an selbstproduzierten Kassetten ebensowenig Interesse wie die diversen kleinen Läden, die dann eh alle bald zumachten), recht ansehnlich. Ende 1983 gab es noch eine Live-Kassette (»Zehn Jahre Ferien«) von diversen Auftritten bei Festivals (und einem ziemlich chaotischen Spontan-Gig unter der Großhesseloher Brücke an der Isar - im Lärmschutzgebiet, wo als erstes die Gesangsanlage explodierte), die sich weniger gut verkaufte. Anfang 1984 wollten wir unseren zweiten Gitarristen Harry Vogel nicht mehr so gerne dabeihaben, wollten ihn aber auch nicht schnöde rauswerfen; also lösten wir uns auf und gründeten die Band Anfang Februar neu, um künftig nur noch Lärm und Zerstörung zu verbreiten. Die »EP« »Ready, Steady, Comics!« erschien schon im Frühjahr (wieder nur auf Kassette), aber das geplante Album »Sensationen für Millionen« blieb danach dreivierteltfertig liegen - wegen Blam!, aber auch weil wir eigentlich schon wieder was Neues machen wollten. Ende '84 lud uns Marionetz-Produzent Harald Steinhauer drei Tage ins Basic-Studio ein, um ein paar Demos aufzunehmen. Fertig wurde leider nur die Keys-Coverversion »Raus aus meinem Leben«; »Countdown« und »Weiße Schatten im Licht der Nacht« blieben ohne Gesang, weil ich im Studio einen Kollaps erlitt.

Die Demos stießen bei allen Plattenfirmen auf einhellige Ablehnung und waren auch uns ein gutes Stück zu glatt. Wir wurstelten danach ein paar Wochen lang mit der »Rosa«-Darstellerin aus Blam!, Susanne Heller, als Sängerin rum, und im Sommer 1985 änderten wir unseren Stil mal wieder komplett in Richtung Roxy Music und The Clash. Aber auch das Album »A Taste Of Here And Now« blieb (obwohl eigentlich fertig) unveröffentlicht liegen. Es war halt alles sehr wirr und wüst damals, und eine stetig steigende Auswahl an verfügbaren Drogen trug auch nicht unbedingt dazu bei, die Dinge zu ordnen und zu konzentrieren.

Hab ich was vergessen? Ach, bestimmt. Das wird sich im Lauf der Zeit schon noch finden. Ebenso wie weitere Bilder.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer