Der Text entstand im November 1996 und erschien im Dezember 1996 als allererste Folge der "Belästigungen". Außerdem steht er in diesem Buch:

 
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in Band 1:

Einige grundsätzliche Bemerkungen

Think-Tanks auf Hebebühnenabsätzen, Schwellkörper mit Kontonummern, nebst anderen Dummheiten

Wiedergänger und Deutschländer Würstchen

Wenn hier einer lacht, sind wir das (incl. Horror-Remix und hidden track)

Scheintote und fruchtbare Schöße

Der lange Marsch der Hirnlosen

Kommunikation! Zukunft! Aargh!

Ich möchte in Ruhe gelassen werden (und was ist mit Sex?)

Scheiße im Keller? Aufwärmen!

Erdbeeren, Wolken, Raver, Polizisten und mehrerlei Zwänge und Verschwörungen

Viel rum, nichts drin (eine Marginalie)

Werbung und Gewalt

Politikverdrossen? Selbstverständlich!

Welche Realität, Charles?

Das Zittern der Zensoren

Die kolumnistische Weltverschwörung

Es hat geklingelt, Harry!

Wir wollen alles hören!

Endlich alt genug zum Verblöden (aber nicht reich genug!)

Alles jetzt ganz total anders neu viel besser!

Eine kurze Geschichte der Verwahrlosung

Vom Orden zum Morden - alle selber schuld!

Die Dummheit ist irgendwo da draußen

Glücksberater

Revolution mit dem Preßlufthammer

Wir bauen uns eine Nation

Kot für die Zukunft

Wer, was, wo und warum ein Faschist ist

Die Jugend ist an die Jugend bloß verschwendet

Vom Rind zum Kind: der Wahnsinn

Belästigungen 2

Belästigungen 3

Belästigungen 4

Einige grundsätzliche Bemerkungen

Für auftretende Belästigungen bittet die Stadt München im Rahmen ihrer Straßenbauarbeiten um Verständnis. Oder Entschuldigung. Oder Nachsicht. Ich weiß es nicht, und anstatt mich zu fragen, ob nichtauftretende Belästigungen wirklich Belästigungen sind (so wie man sich Gedanken machen könnte, ob es Gedanken gibt, die sich niemand je gemacht hat), will ich lieber feststellen, daß es für Belästigungen, gleich welcher Art, weder Entschuldigung noch Nachsicht geben kann. Und Verständnis schon gar nicht. Noch lieber sollte man Nachforschungen anstellen: Warum belästigt man uns eigentlich andauernd?

Warum zum Beispiel sucht sich jeder, der am Sonntagmorgen um sieben Uhr seinen Schlüssel nicht dabei hat, immer unseren Klingelknopf aus, um ins Haus zu kommen? Warum muß er unseren schlaftauben Ohren dann auch noch eine steindumme Geschichte erfinden, weshalb er seinen Schlüssel vergessen hat MÜSSEN? Warum erscheint jedes Jahr rechtzeitig vor Weihnachten ein »neues Album« von wahlweise Tina Turner, Phil Collins, Prince oder Joe Cocker? Und warum kommen gerade dann, wenn man feststellt, wie sehr einen das blöde Verdummungsgerocke der vier belästigt, alle vier gleichzeitig »auf Tour«?

Was uns von Maschinen unterscheidet, sagt Che Guevaras einstiger tapferer Kampfgefährte Regis Debray, ist die Tatsache, daß wir sterben. Das mag sein. Aber warum haben dann gewisse Maschinen, etwa Aufzüge, Computer, Autos oder Zigarettenautomaten, immer dann, wenn man sie wirklich mal braucht, nichts besseres zu tun als zu sterben? Im übrigen haben amerikanische Wissenschaftler (welche sonst) schon vor Jahren festgestellt, daß das menschliche Gehirn im Prinzip durchaus unsterblich sein oder zumindest ein paar tausend Jahre leben könnte, wenn der Körper nicht vorher schon unter der Last dauernder Belästigungen zusammenbrechen würde.

Warum also schaffen wir uns Fernseher an, die uns dann mit einer wahren Flut von Belästigungen (allen voran »TV-Filme« über »Serienmörder« und »Kinderschänder«, ZDF-Krimis, Talkshows mit Campino, Nachrichten über Dinge, die uns gar nichts angehen, blöd grinsende »Lottofeen«, impertinent dreist verlogene Politikerfressen, nicht zu einem einzigen annehmbaren Satz fähige Fußballreporter und dauernde Kauf- und Verhaltensbefehle) dem Grab täglich ein paar Dutzend Jahre näherbringen? Weil wir es lieben, zu leiden? Irrtum, diese fromme Beschäftigung sollte eigentlich den Christen vorbehalten sein, die sich aber damit auch nicht begnügen und uns ständig mit dümmlichem Frohgrinsen und hinterhältigen Fragen belästigen.

Warum wählen wir Politiker, die einige der wenigen erträglichen Menschen aus unserem Land deportieren lassen, damit den Zinsgewinnern mehr Geld bleibt, um darin zu ersticken? Warum kaufen wir uns moderne Lebensmittel, die schmecken wie entaromatisierte Katzenscheiße mit aufgeweichten Tempotaschentüchern? Warum trinken, rauchen, schnupfen und injizieren wir jeden Abend alles mögliche Zeug in unseren Körper, wo wir doch wissen, wie grausam, verhustet, erbärmlich und zittrig das todsehrähnliche Erwachen am nächsten Mittag sein wird? Oder warum zum Teufel kaufen wir Phil-Collins-Platten?

Man hat uns früher in der Schule erzählt, daß sich irgendwo im Norden Europas jedes Jahr große Herden einer besonders dummen Nagetierart versammeln, um dann den sonnigen Nachmittag damit zu verbringen, sich von Klippen ins Meer zu stürzen und darin zu ersaufen, und daß sie deshalb Lemminge heißen. Das war immer ein einleuchtendes Beispiel, sowohl für die unerträglichen Atomkriegsverhinderer, die damit das Verhalten des ungebremsten Massenmenschen vornehmlich nordamerikanischer und westeuropäischer Herkunft mahnend erklären konnten, als auch für unsereinen, der immerhin feststellen konnte, daß es dem Menschen scheinbar genetisch veranlagt ist, sich durch ständige Belästigung erst um Verstand und Würde und dann ums Leben zu bringen.

Jetzt weiß ich, daß die Geschichte gar nicht stimmt. Die Nagetiere gibt es, und sie werden auch manchmal plötzlich weniger, aber kein Mensch hat je auch nur eines davon ins Meer springen gesehen.

Dafür habe ich neulich im Fernsehen einen Pornodarsteller gesehen, der gerade einen seiner gymnastischen Arbeitstage absolvierte: rein, raus, rein, raus, Szenenumbau, rein, raus, rein, raus. Nur schade, daß ihm sein Arbeitsgerät alle fünfzehn Minuten zusammenschmolz und so aussah wie ein Oktoberfest-Luftballon kurz nach Ostern. Überarbeitung, entschuldigte er sich. Jeder Stoß verursache ihm Schmerzen. Pech.

Ich meine, der Mann hat einen Beruf, von dem 200 Trillionen deutsche Ehemänner Tag und Nacht träumen, aber ausüben kann er ihn nur unter quälenden Schmerzen. Ähnlich muß es Phil Collins, Tina Turner, Prince und (ganz offensichtlich) Joe Cocker gehen. Schrecklich. Man möchte sich entschuldigen, in die nächste dieser CD-Bestseller-Stapelhallen gehen, die sich heute Plattenläden schimpfen, und ihre Platten erwerben, um die Ärmsten mit noch mehr Geld zu trösten.

Aber wir tun das nicht wirklich, weil uns zehn Meter davor zum Glück doch noch einfällt, daß es uns und allen anderen ja genauso geht: Wir quälen, prostituieren und richten uns zugrunde mit Sachen, die keiner braucht und die die meisten nur belästigen. Wer wäre nicht schon mal auf einer dieser unsäglichen »Partys« einem Millionär begegnet, der einem nach dem dritten Glas »Sekt« gesteht, daß er sein ganzes Geld damit verdient, Dreck herstellen zu lassen, den die anderen dann mit viel Steuergeld wieder von den Straßen fegen lassen müssen. Kaugummispielzeug zum Beispiel. Oder Getränkedosen. Autos. Phil-Collins-CDs. Sollen wir »Mitleid« mit dem Kerl haben oder ihm den Besen selber in die Hand drücken?

Irgendwelche Esoteriker glaubten einst, es sei die Suche nach kollektiver Harmonie, die Menschen dazu treibt, zusammenzuleben (und dafür stinkende Großstädte zu bauen). Wolfgang Sofsky hat vor kurzem erklärt, daß es Gewalt und die Angst davor seien, die uns das tun lassen. Ich stelle fest: Wir wollen und müssen uns gegenseitig belästigen, und deshalb suchen wir uns andere Menschen, mit denen wir das tun können. Das ist so.

Weil wir Menschen sind, übrigens. Bäume belästigen sich nicht.


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