Geschrieben im Dezember 1996, gedruckt im Januar 1997. Außerdem steht der Text mit notwendigen Fußnoten in diesem Buch:

 
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in Band 1:

Einige grundsätzliche Bemerkungen

Think-Tanks auf Hebebühnenabsätzen, Schwellkörper mit Kontonummern, nebst anderen Dummheiten

Wiedergänger und Deutschländer Würstchen

Wenn hier einer lacht, sind wir das (incl. Horror-Remix und hidden track)

Scheintote und fruchtbare Schöße

Der lange Marsch der Hirnlosen

Kommunikation! Zukunft! Aargh!

Ich möchte in Ruhe gelassen werden (und was ist mit Sex?)

Scheiße im Keller? Aufwärmen!

Erdbeeren, Wolken, Raver, Polizisten und mehrerlei Zwänge und Verschwörungen

Viel rum, nichts drin (eine Marginalie)

Werbung und Gewalt

Politikverdrossen? Selbstverständlich!

Welche Realität, Charles?

Das Zittern der Zensoren

Die kolumnistische Weltverschwörung

Es hat geklingelt, Harry!

Wir wollen alles hören!

Endlich alt genug zum Verblöden (aber nicht reich genug!)

Alles jetzt ganz total anders neu viel besser!

Eine kurze Geschichte der Verwahrlosung

Vom Orden zum Morden - alle selber schuld!

Die Dummheit ist irgendwo da draußen

Glücksberater

Revolution mit dem Preßlufthammer

Wir bauen uns eine Nation

Kot für die Zukunft

Wer, was, wo und warum ein Faschist ist

Die Jugend ist an die Jugend bloß verschwendet

Vom Rind zum Kind: der Wahnsinn

Belästigungen 2

Belästigungen 3

Belästigungen 4

Think-Tanks auf Hebebühnenabsätzen, Schwellkörper mit Kontonummern, nebst anderen Dummheiten

Zu den wichtigsten Aufgaben des Kolumnisten gehört die Beleidigung. Na klar, rufen jetzt die Dummen, das ist ja auch alles, was der Kerl kann. Etwas nicht mögen und es dann lauthals beleidigen. Der macht es sich vielleicht einfach!

Irrtum, Freunde, einfach macht es ihr euch. Nichtmögen ist etwas, was jeder kann: Es entspringt einem Naturtalent, mit dem der größte Teil des Menschengeschlechts gesegnet ist, es verbraucht keine Kalorien, die man sich erst anfressen müßte, und heutzutage gibt es so vieles, was man nichtmögen MUSS, daß keiner lange suchen braucht. Beleidigen - also dem, was einem auf die Nerven geht, LEID zufügen, um ihm so die Lust an weiterer Unerträglichkeit zu vergällen, das ist was ganz anderes.

Wie gerne beispielsweise Helmut Markwort, der Focus-Mann mit dem herrlich aussagekräftigen Nachnamen (als würde Ronald McDonald mit Nachnamen Reichschling heißen) beleidigt ist und damit Geld »verdient« , steht in keinem Verhältnis zu der Schwierigkeit, die schwafelnde Nudel tatsächlich zu beleidigen. Oder fällt einem von euch - ihr mögt ihn doch hoffentlich nicht? - was Gutes ein? Mir momentan nicht, ich könnte es mir auch gar nicht leisten.

Was ich aber zum Beispiel gar nicht mag, sind »Trends«, weil sie mit Dummheit und sonst eigentlich mit gar nichts zu tun haben. Der Trend geht zum Fastfood - das heißt nicht, daß wir da auch hingehen müssen. Wir tun es aber, weil wir von den »Trend«-Marktschreiern darauf hingewiesen werden, daß wir das tun. Wenn es dann wirklich alle tun, ist es kein »Trend« mehr, sondern ganz normal, Zeit für einen neuen »Trend«. Vielleicht findet man wieder was Altes, was von dem letzten »Trend« weggeputzt worden ist, das gräbt man dann aus und macht einen neuen »Trend« daraus.

Zum Beispiel haben wir vor etwas über zwanzig Jahren alle ganz fürchterlich scheußliche Schuhe getragen, die wir erst ganz toll fanden (weil sie im »Trend« lagen) und dann auf einmal nicht mehr. Da standen sie dann auf ihren Hebebühnenabsätzen ein paar Jahre beim Verstauben im Keller (man konnte sie ja nicht zur Altkleidersammlung geben - stellt euch vor, sämtliche Bettler und Sozialverlierer in der Münchner Alt- und Neustadt staksen auf Plateuschuhen daher!), bis schließlich eine nachsichtige Mülltonne ihren Mund öffnete und sie aus unserem Leben und Gedächtnis wieder entfernte.

Und kaum lagen sie in der Tonne, lagen sie auch schon wieder im »Trend«. Das ist gemein, weil wir so für den selben Mist zweimal zahlen müssen, aber das ist auch der Trick an solchen »Trends«.

Aber Schuhe sind vergleichsweise billig, andere »Trends« kosten viel mehr. Seit Deutschlands Großfirmen soviel Geld gewinnen, daß sie überhaupt nicht mehr wissen, wohin damit (sie können es ja nicht ihren Angestellten geben, weil das die Tarifverträge verbieten), schicken sie ihre »Manager« auf »Trendseminare«. Die bestehen oft aus sogenannten »Think Tanks«. Wer ein Auto fährt oder eine Ölheizung hat, weiß, daß die wesentliche Eigenschaft von Tanks darin besteht, daß sie sich leeren. Wer hingegen militaristisch vorgebildet ist oder einen Krieg erleben mußte, erinnert sich, daß Tanks alles niederwalzen, Granaten durch die Gegend pfeffern und außer Verwüstung wenig zurücklassen. »Think Tanks« tun beides: Sie sorgen für zielstrebige Absenkung des kollektiven Intelligenzquotienten, und ihre Ergebnisse sind meist verheerend.

Ich war noch nie auf einem »Trendseminar«, aber ich habe mir von glaubwürdigen Zeugen und Quellen versichern lassen, daß sie einige sehr unerfreuliche Eigenschaften haben. Erstens wird dort nur geschwollener Müll gequasselt, zweitens bestehen die Referenten fast immer aus dem Wurstkopf Matthias Horx und der Froschgrinse Britta Steilmann , die beide nur wissen, daß sie gerne mehr Geld hätten, als sie ohnehin schon haben. Drittens ist manchmal auch noch die Schmalzglatze Gerd Gerken dabei, die in den letzten Jahren soviele neue »Trends« erfunden hat, daß man inzwischen schon das neuerdings universell einsetzbare Beiwort »Mega« davorgehängt hat.

Gerd Gerkens »Megatrends« lassen sich in Büchern nachlesen, von denen mindestens eines pro Halbjahr erscheint. Es besteht meist aus ein paar hundert Seiten heißer Luft und kostet um die hundert Mark, weil Manager so was schließlich aus der Firmenkasse bezahlen. Aber manchmal sind sie richtig zum Lachen, zum Beispiel hat Gerken mal den schicken Begriff Management by Love »geprägt«. Schon schön, sich vorzustellen, daß die oberen Etagen bei BMW, Siemens oder Daimler-Benz nach dem Prinzip der von Mojo Nixon schon so lange propagierten Sex-camps funktionieren. Andererseits: Wer glaubt schon, daß diese Typen, deren Schwellkörper Kontonummern oder Mercedessterne tragen, vögeln?

Und wer möchte dabei zusehen? Ein weitaus weniger schädlicher, trotzdem ärgerlicher »Trend« ist die sogenannte »Popkultur«, deren Wiederaufleben immer in etwa mit der Wiedereinführung der Plateusohle zusammenfällt. Dahinter steckt nämlich praktisch gar nichts. Im ZEIT-Magazin, das seine Seiten 6 und 7 bzw. 8 und 9 seit einiger Zeit zaghaft »popkulturig« gestaltet, hat sich dieser »Trend« kürzlich selbst entlarvt: Da konnte man in der Rubrik »Helden der Popkultur« ein Kurzinterview mit Harald Schmidt lesen und hat sofort begriffen: »Popkultur« ist nur ein neuer Dreh, wie man uns den selben alten Mist, der früher »Fernsehunterhaltung«, »Humor«, »Trash« oder sonstwie hieß, noch einmal andrehen kann.

Ein kurzer Blick auf die vorangegangenen und folgenden »Helden der Popkultur« belegt diese Beobachtung: Das waren die Sexpuppe Dolly Buster, die »Lottofee« Karin Tietze-Ludwig (55) und der TV-Buchbrüller Marcel Reich-Ranitzki (76), gefolgt von Gregor Gysi (48) und der deutschen Antwort auf Ozzy Osborne, Campino (34), der allerdings für sich in Anspruch nehmen kann, daß noch kaum eine deutsche Zeitung gewagt hat, seine dumpfen Belanglosigkeiten nicht saisonal mit seitenweise Fließtext zu be-»denken«. Wer bislang bei dem Wort »Pop« an Warhol, Rauschenberg, Roxy Music, Blur oder Pulp dachte, muß umdenken. »Popkultur« ist längst kein neuer Trend mehr, sondern ganz normal. »Pop« ist alles, was zwischen zehn und tausend oder mehr oder weniger Jahre alt, bunt, schwarzweiß, trocken, fettig, groß, klein, langweilig, dumm, kahl oder sonstwas ist. Gitarren, Krawatten, Knarren oder Zigarren - »Helmut Kohl« ist ebenso »Pop« wie ein alter Kleiderbügel, man muß beides nur richtig photographieren und ein paar schnelle Wörter dafür finden.

Selbst Phil Collins könnte fast schon wieder als »Held der Popkultur« durchgehen, weil ein Held nämlich jeder ist, der es schafft, mehr als zweimal in einem Zeitraum von fünf Jahren im Fernsehen aufzutauchen. Oder irgendwas zu »überleben« - Extremfall: Bob Dylan, der seit Jahrzehnten sogar sich selbst überlebt. Das ist widerlich, natürlich. Zeit für einen neuen »Trend«. Am besten fragen wir Matthias Horx und Britta Steilmann. Oder - noch besser - wir lassen es bleiben.


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