Der Text entstand im März 1997 und erschien im April 1997 als Folge der "Belästigungen". Außerdem steht er (mit nötigen Fußnoten) in diesem Buch:

 
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in Band 1:

Einige grundsätzliche Bemerkungen

Think-Tanks auf Hebebühnenabsätzen, Schwellkörper mit Kontonummern, nebst anderen Dummheiten

Wiedergänger und Deutschländer Würstchen

Wenn hier einer lacht, sind wir das (incl. Horror-Remix und hidden track)

Scheintote und fruchtbare Schöße

Der lange Marsch der Hirnlosen

Kommunikation! Zukunft! Aargh!

Ich möchte in Ruhe gelassen werden (und was ist mit Sex?)

Scheiße im Keller? Aufwärmen!

Erdbeeren, Wolken, Raver, Polizisten und mehrerlei Zwänge und Verschwörungen

Viel rum, nichts drin (eine Marginalie)

Werbung und Gewalt

Politikverdrossen? Selbstverständlich!

Welche Realität, Charles?

Das Zittern der Zensoren

Die kolumnistische Weltverschwörung

Es hat geklingelt, Harry!

Wir wollen alles hören!

Endlich alt genug zum Verblöden (aber nicht reich genug!)

Alles jetzt ganz total anders neu viel besser!

Eine kurze Geschichte der Verwahrlosung

Vom Orden zum Morden - alle selber schuld!

Die Dummheit ist irgendwo da draußen

Glücksberater

Revolution mit dem Preßlufthammer

Wir bauen uns eine Nation

Kot für die Zukunft

Wer, was, wo und warum ein Faschist ist

Die Jugend ist an die Jugend bloß verschwendet

Vom Rind zum Kind: der Wahnsinn

Belästigungen 2

Belästigungen 3

Belästigungen 4

Scheintote und fruchtbare Schöße

»Comebacks« sind was Fürchterliches. Nicht nur, daß neunzig Prozent von dem Gekreuch und Gefleuch, das da ständig back comt, bei seinem ersten Durchlauf schon eine Dreingabe war. Das Wenige, was damals erträglich war, hat sich, so müssen wir leider immer wieder feststellen, nicht besonders gut gehalten. Oder wenn doch, dann ist genau das der Grund für seine Ekligkeit.

Die penetrane Pseudo-Jugendlichkeit, mit der zum Beispiel Tina Turner oder die Rolling Stones alle paar Jahre über die »Mega«-Bühnen rollen und turnen, um uns zu beweisen, daß sie noch nicht zum »alten Eisen« gehören, ist beschämend: Wer zwingt die Leute dazu? Was ist so toll daran, wenn alte Menschen die Würde ihres Alters vernichten, indem sie Kasperlklamotten anziehen, sich mit gewalttätigen Diäten ausmergeln und durch die Gegend schreien, sie würden uns schon beweisen, wie »jung« sie geblieben sind? Blöd geblieben, muß das heißen. Jeder Mensch muß sterben (von Ernst Jünger mal abgesehen) , und jeder hat nur einmal die Chance, alt zu sein.

Noch lästiger als diese »Comebacks« ist es jedoch, wenn etwas, was vielleicht einmal eine ganz nette Idee war, über Jahre und Jahre mit Sauerstoff vollgepumpt wird, obwohl der Idee längst die Lungen geplatzt sind und sie sich nur noch bewegt, weil der Vorgang der Verwesung so was manchmal mit sich bringt. Ein Beispiel wäre die Comic-Serie »Asterix«, die ganz früher mal so lustig war, daß man sie sogar dann noch mit Genuß lesen konnte, wenn sie einem nacheinander vom Geschichtslehrer und von der Lateinlehrerin ans Herz gelegt worden war. Was normalerweise ein Unding ist: Wer liest schon den Schund, den Lehrer empfehlen!

Irgendwann erschien dann die Folge »Der große Graben«, bei deren Lektüre man entsetzt feststellte, daß es möglich war, ein ganzes Heft mit den vertrauten Figuren vollzuzeichnen, ohne einen einzigen guten Witz parat zu haben. Da war, so stellte sich heraus, der Texter und mithin Autor der alten Geschichten, dahingeschieden, ohne einen anständigen Nachlaß an brauchbaren »Stories« und Sprechblasenfüllseln hierzulassen.

Die Möglichkeit, auch in Zukunft einen gewaltigen Reibach abzusahnen, verleitete den Zeichner dazu, weiterhin im Abstand von jeweils ein paar Jahren (die langen Pausen ließen schon die vergebliche Mühe ahnen, seinem offenbar auch vom Alterswirrsinn erweichten Hirn eine einigermaßen brauchbare Story abzuwringen) »Asterix«-Hefte zu veröffentlichen, deren steindumme Witzlosigkeit nur von der des Zeichners und Neuautoren selbst übertroffen wurde, der sich nämlich ebenfalls seit vielen Jahren damit diskreditiert, daß er »Plagiateure« vor Gericht zerrt, um auch ihnen noch ein paar Pfennige abzupressen für ihre Versuche, seinen dahingeschiedenen Gestalten ein bißchen Humor einzuhauchen. Wenn der Mann wider alle Anzeichen noch einen Funken Vernunft zwischen großer Zehe und Tonsur hat, mag man sich die Foltern gar nicht ausmalen, mit deren Androhung ihn sein Verlag zu solch Gebaren zwingt.

Oder dieses hybride Würstchen aus Minneapolis, das vor einiger Zeit festgestellt hat, daß es sich aus der »Abhängigkeit« von diversen Plattenfirmen (die ihm vorher die Millionen nur so in den Arsch geblasen haben) befreien muß, und zu diesem Zweck seither im monatlichen Turnus Tripel- und Quadrupel-Alben veröffentlicht, die alle denselben Mist enthalten und vor allem klarmachen, daß sein aufgeblasenes Las-Vegas-Funk-Brimborium in Wirklichkeit schon damals nicht viel getaugt hat. »Purple Rain«? Die Art Ballade, für die sich selbst Guns N' Roses zu schade waren. »Kiss«? Schmatziges Schlabbertheater mit dem grauenvollsten Elektro-Schlagzeug seit den späten Ultravox bzw. Franz Lambert, was auf dasselbe hinausläuft. »Sign O' The Times«? Bigottes Yuppie-Appeal-Gejammer über die Behauptung, daß Sex ebenso zwangsläufig zu AIDS führt wie Haschisch zum Herointod. Und dieses ganze Theater mit seinen wöchentlich wechselnden Straps-Miezen ... man kann gar nicht soviel fressen, wie man kotzen möchte.

Aber wir hatten ja ein etwas anderes Thema. Am Leben erhalten wird die »Comeback«-Maschine von unerträglich lästigen Radiosendern, die uns in ihren stündlich ausgestrahlten Selbst-Reklame-»Jingles« (wörtlich: Gebimmel) anposaunen, sie nudelten »die größten Hits« durch die Glasfaser in die Häuser. Diese »Hits« sind natürlich genau das Kabinett von Scheußlichkeiten, die man eigentlich per Gesetz verbieten sollte, inklusive sofortiger Inhaftierung von »Interpreten« und den schuldigen Radio-Bellern im schalltoten Trakt. »Girls Just Wanna Have Fun«, »Walking On Sunshine«, »I Would Do Anything For Love But I Won't Do That« (hätte er nur nicht!), von Phil Collins ganz zu schweigen - wer mag da noch an den Mythos glauben, Folter gebe es nur in südamerikanischen Militärregimes und Israel?

Natürlich, es gibt noch abstoßendere »Comebacks«. Etwa das des Faschismus in seinen verschiedenen Varianten, von der kahlköpfigen Prügelform (zu der natürlich auch ihr volkstümlicher Anhang von Hetzschwätzern gehört, die mit pseudoandächtig verzerrter Fresse irgendwelchen unbekannten Soldaten Kränze hinterherwerfen, weil deren meist sehr wohl bekannte Opfer mal wieder so etwas Unverschämtes wie Erinnerung fordern) bis zum bleichen Totenschädelgrinsen diverser Industrie-Funktionäre, die ständig fordern, daß sich »etwas bewegt«, und zwar in Richtung Frühkapitalismus, Sklaverei und Zwangsarbeit. Aber die geben sich wenigstens alle Mühe, von vornherein so abstoßend aufzutreten, daß eigentlich nur noch das Schild um ihren Hals fehlt, mit der Aufschrift: »Bitte genau zielen!«

In denselben Topf gehört natürlich auch der von den Kerlen bezahlte sogenannte Fraktionschef , der vor einiger Zeit forderte, das »Sozialsystem« abzuschaffen und die Leute lieber ihrer sogenannten Eigenverantwortung zu überlassen. Dabei ist die Idee grundsätzlich zeitgemäß: Der eine gründet eine Bank, der andere raubt sie aus, der dritte geht auf Comeback-Tournee. Soll sich doch jeder selber darum kümmern, wie er es dereinst finanzieren will, arbeitsunfähig noch ein paar Jahre dahinzusabbern und -dämmern.

Nur ist die Geschichte natürlich nicht zu Ende gedacht: Wenn das alles so schön eigenverantwortlich geregelt ist, wozu sollen wir dann an einen sogenannten Staat noch einen einzigen Pfennig sogenannte Steuern und sonstiges Sozialzeug zahlen, wenn wir nichts dafür kriegen? Schulen? Universitäten? Krankenhäuser? Alles in privater Hand, alles bar zu bezahlen. Bleibt noch die Armee, aber das selbst zu übernehmen sind wir gerne bereit. Opas altes Luftgewehr wird schon noch irgendwo im Keller liegen.

Wie man außerdem hört, klappt das ganze Bomben-und-Granaten-Zeug beim Russen auch nicht mehr so besonders, und wozu soll der den langen Fußmarsch unternehmen, uns zu erobern, wo wir doch sowieso keine Steuern zahlen? Bleibt schließlich nur die Regierung und ihr Finanzamt, aber das Gelumpe wird eben genauso privatisiert. Das war es nämlich im Mittelalter auch, da zog der Kaiser mit seinen Demonstrationstouristen durchs Land und sah zu, daß er einen Blöden fand, aus dem sich ein paar Zehnte rausprügeln ließen. Kann ja jeder eigenverantwortlich entscheiden, ob er sich gerne regieren lassen und dafür einen Haufen Geld zahlen will. Nicht der billigste Spaß, aber manche brauchen so was wohl.

Und - zurück zum Thema - natürlich, es gibt noch schrecklichere Vorstellungen: Man male sich zum Beispiel aus, was passiert, wenn in zwanzig Jahren die ganze Hammelherde von sogenannten »Boygroups«, die derzeit durch die Schallplattenlädenkassen gewolft werden, auf die Idee kommt, ein »Comeback« zu starten. Ihr glaubt, das sei jenseits des Denkbaren? Hei, werdet ihr euch wundern: Geht mal in ein Schallplattengeschäft, das wirklich alles führt, und fragt nach dem neuen Album der Teens ! Nein, ganz ehrlich!


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