Der Text entstand im Mai 1997 und erschien im Juni 1997 als Folge der "Belästigungen". Außerdem steht er in diesem Buch:

 
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in Band 1:

Einige grundsätzliche Bemerkungen

Think-Tanks auf Hebebühnenabsätzen, Schwellkörper mit Kontonummern, nebst anderen Dummheiten

Wiedergänger und Deutschländer Würstchen

Wenn hier einer lacht, sind wir das (incl. Horror-Remix und hidden track)

Scheintote und fruchtbare Schöße

Der lange Marsch der Hirnlosen

Kommunikation! Zukunft! Aargh!

Ich möchte in Ruhe gelassen werden (und was ist mit Sex?)

Scheiße im Keller? Aufwärmen!

Erdbeeren, Wolken, Raver, Polizisten und mehrerlei Zwänge und Verschwörungen

Viel rum, nichts drin (eine Marginalie)

Werbung und Gewalt

Politikverdrossen? Selbstverständlich!

Welche Realität, Charles?

Das Zittern der Zensoren

Die kolumnistische Weltverschwörung

Es hat geklingelt, Harry!

Wir wollen alles hören!

Endlich alt genug zum Verblöden (aber nicht reich genug!)

Alles jetzt ganz total anders neu viel besser!

Eine kurze Geschichte der Verwahrlosung

Vom Orden zum Morden - alle selber schuld!

Die Dummheit ist irgendwo da draußen

Glücksberater

Revolution mit dem Preßlufthammer

Wir bauen uns eine Nation

Kot für die Zukunft

Wer, was, wo und warum ein Faschist ist

Die Jugend ist an die Jugend bloß verschwendet

Vom Rind zum Kind: der Wahnsinn

Belästigungen 2

Belästigungen 3

Belästigungen 4

Kommunikation! Zukunft! Aargh!

Neulich wollte ich einen Zug erreichen.

Nein, so kann man das nicht anfangen, man hat schließlich seine Verpflichtungen. Selbst geschaffen, aber bindend:

Bislang dachte ich, die verachtungswürdigste aller vorstellbaren Belästigungen wäre die Beschallung öffentlicher Gebäude (und neuerdings: Plätze) mittels »Phil Collins« und ähnlichem ...

Unterbrechen wir den Satz hier kurz, um eine Frage zu diskutieren, die sich dem aufmerksamen Leser dieses Buchs bei Gelegenheit vielleicht schon mal gestellt hat: Was ist das eigentlich mit Phil Collins? Was hat der Mann eigentlich, was andere nicht haben? Und: Gibt es tatsächlich etwas »Ähnliches« wie Phil Collins? Oder vielleicht lassen wir das besser, es führte uns möglicherweise auf Abwege.

Es geht jedenfalls noch schlimmer. Das bemerkte ich recht ruckartig, als ich neulich durch den Münchner Hauptbahnhof eilte, um einen Zug zu erreichen (was ja eigentlich relativ leicht geworden ist, seit die Deutsche Bahn auf bedingungslosen Service setzt, Hunderte von Millionen dafür ausgibt, daß der glückliche Passagier demnächst zehn Sekunden schneller in Nürnberg oder sonstwo ist, und seit aus irgendwelchen damit zusammenhängenden Gründen alle Züge generell zu spät kommen) - um also einen Zug zu erreichen, eilte ich durch den Münchner Hauptbahnhof und prallte dabei in eine Menschengruppe, die mitten in der Halle ganz offensichtlich festzementiert war. Bei genauerer Betrachtung erkannte ich, daß die Verblödung des mitteleuropäischen Menschen mittlerweile ein nicht mehr vorstellbares Maß erreicht hat: Da standen Menschen (und nicht wenige) an einem der ungemütlichsten »Plätze« zwischen Grönland und Kap Hoorn, reckten ihre Köpfe und sahen sich auf einer zu unerfindlichen Zwecken eingerichteten Riesenleinwand Reklame für Joghurt und Weihnachtsmüll an. Ich möchte am liebsten den ganzen Satz noch einmal wiederholen, damit man ihn auch wirklich liest und begreift: Da standen ...

Nein, aber im Ernst: Wer kann sich Unangenehmeres vorstellen als Menschen, die ungefragt irgendwo auf der Straße auf einen zukommen und loslegen: »Nachdem meine Mutter mir dann die Pfannkuchen aufgewärmt hatte, legte ich mich aufs Sofa! Ich meine, ich legte mich wirklich aufs Sofa!«?

Ich: Menschen mögen lästig sein, aber wenn sie und ihr Gebrabbel und Gequassel über Beschallungs- UND Belichtungsgeräte UNVERLANGT in die Allgemeinheit gemüllt werden, ist der Punkt erreicht, an dem geschossen werden kann.

Zu den befriedigendsten Dingen im Leben - so wir uns denn darauf verständigen wollen, daß etwas »befriedigender« sein kann als etwas anderes - zu diesen Dingen gehört die Rache am Objekt. Wer hat nicht schon einmal folgende Situation erlebt: Der Briefkastenschlüssel paßt mal wieder nicht richtig, aber je fester man ihn in sein Loch hineinzustöpseln versucht, desto weiter beugt man sich vor - um Nuancen nur, aber das genügt, um das Fahrrad aus der Balance zu bringen. Das Rad vollführt einen halben Kreisschritt, die Einkaufstüte mit den gläsern verpackten Viktualien wird unruhig, die linke Hand will sie packen und stößt sie damit zu Boden, das Rad fällt drauf, durch die ruckartige Bewegung bricht der Briefkastenschlüssel ab, und drinnen in der Wohnung hört man sehr dringend das Telephon klingeln. Was kann in solchen Momenten schöner sein, als dem ganzen Haufen von Draht, Blech, Scherben und sonstiger Materie einen gezielten, völlig unkontrollierten Tritt zu verpassen? Wie ein Veitstänzer darauf herumzuspringen, bis auch das letzte kleine Rädchen und Döschen unbrauchbar geworden ist? Schreiend zur Hacke zu greifen und das ganze Haus abzureißen?

Natürlich, solche Anfälle sind ein typisches Charakteristikum von Überflußgesellschaften: Wer zuviel hat, trachtet unbewußt danach, redundante Produkte und Waren zu vernichten. Das macht aber gar nichts, denn tun läßt sich dagegen nichts (außer sich zu beherrschen, und wer das tut, kriegt Magenkrebs), also randalieren wir fröhlich weiter, wenn uns die Physik der Gegenstände mal wieder narrt. Wer hat noch nie einen Fernseher mit dem Schuh bearbeitet, nachdem sich zum dreizehnten Mal das Programm genau in dem Moment in rauschendes Schneegestöber verwandelt hat, wo man sich eben wieder aufs Sofa hat fallen lassen? Wer hat noch nie einen Kassettenrecorder an die Wand geworfen, der, nachdem man vierzehnmal das Gehäuse aufgeschraubt und alle Einzelteile mit dem Schraubenzieher zärtlich geklopft hat, immer noch eiert?

Kassettenrecorder und ihre nächsten Verwandten aus der Hifi-Familie sind überhaupt unheimliche Gegenstände: Man hat irgendwie immer das Gefühl, sie gar nicht richtig kennenzulernen. Sie nutzen sich nicht ab und verraten uns nichts über ihre Funktionsweise. Man stellt sie in die Wohnung, sie spielen ein paar Jahre lang Musik, ehe mit einem plötzlichen Knacken alles vorbei ist. Dann stehen sie Jahrzehnte lang im Keller, ohne sich äußerlich zu verändern. Oder hat schon mal jemand von euch ein Hifi-Gerät in die Mülltonne geworfen?

Telephone sind ein bißchen anders: Erstens nützen sie sich ab, zumindest wenn man wie ich fünfzehn Mal am Tag über das Kabel fällt und erstaunt beobachtet, wie das Telephon umgehend aus irgendeinem Zimmer geflitzt kommt, um irgendwohin zu knallen. Zweitens haben sie keine Funktion, außer Kassetten zu füllen. In dieser Sekunde sind circa zehn Millionen Menschen in unserer näheren Umgebung damit beschäftigt, eine sogenannte »Nachricht« zu hinterlassen: Hallo Peter, ruf mich bitte zurück! Dahinter steckt irgendein düsterer urzeitlicher Atavismus, denn falls tatsächlich mal jemand »zurückruft«, führt dies nur zu einer neuen »Nachricht«: Hallo, hier ist Peter, ich habe zurückgerufen. Ruf mich bitte wieder zurück.

Seit es Anrufbeantworter gibt, hat kein Mensch mehr mit einem anderen gesprochen. Möchte man meinen, aber ganz so ist es nun auch nicht. Im Gegenteil: Gesprochen wird. Überall, ständig und ganz unabhängig davon, ob man sich das kulturpessimistische Hörrohr ins Ohr steckt und den Unterschied zwischen Sprechen und Reden diskutieren möchte. Alles eins, sage ich: Gewäsch nämlich.

Da hat das Telephon gegenüber traditionelleren Medien (etwa dem Küchentisch) entscheidende Vorteile: Man kann schon vor dem Zähneputzen am Morgen loslegen, ganztägig durchplappern, ohne sich zu bewegen, ja, die moderne Zeit macht es inzwischen sogar möglich, an jenen neunzig Prozent aller Orte, die bislang telephonfrei waren, Sätze wie diese von sich zu geben: Ja, ich bin jetzt auf dem Bahnhof. Jetzt fahre ich zum Flughafen. Ja, den Paß hab ich dabei. Ich gebe mein Gepäck auf. Ich dich auch. Bin gerade beim Einchecken. Ich sitze in der Wartehalle. Du, jetzt muß ich aufhören, wegen diesem blödsinnigen Verbot an Bord. Ich ruf dich an, wenn ich gelandet bin. Dann geht's weiter: Bin gerade gelandet, gehe jetzt mein Gepäck holen und dann zur S-Bahn. Ich dich auch. Jetzt bin ich in der S-Bahn ...

Und so weiter bis zur Vergasung. Nicht genug, daß die Heerscharen von Volltrotteln, die dieses Land bevölkern, vor einigen Jahren damit begonnen haben, ihr Leben zu verdoppeln, indem sie pausenlos mit Videokameras rumlaufen und alles aufnehmen, was sie früher selbst sehen mußten. Jetzt müssen sie auch noch ununterbrochen irgendwem erzählen, was sie gerade tun. Angeblich tun, muß das heißen, denn vorstellen kann man sich auch den Wirtschaftssack, der im Hotel in seiner Sekretärin rumrammelt und dabei in sein Telephon schwätzt: Ja Schatz, Müller ist auch da. Wir gehen jetzt zum Konferenzsaal. Wird ein langer Abend. Ich ruf dich dann an, wenn ich komme, äh. Ich dich auch.

Solange es noch keine handlichen Fernsteuerungen gibt, mit denen man die Dinger per Knopfdruck sprengen kann, bleibt uns anderen nur die Flucht. Aber wohin? In Flugzeuge? Teurer Spaß. In Konzertsäle? Auch nicht ideal: Erstens besteht die Gefahr, dort Phil Collins zu begegnen, zweitens habe ich mir sagen lassen, daß vor einiger Zeit ein schwerchristlicher Rockstar auf die Idee gekommen ist, auf der Bühne mit irgendwelchen Prominenten zu telephonieren. Das ist zwar immer noch angenehmer als die eigentlich näherliegende Idee, auf der Bühne ein Klo zu installieren, damit Bruce Springsteen seinen Fünfstunden-Heulmarathon auch dann noch abziehen kann, wenn er das Alter der Inkontinenz erreicht.

Andererseits fällt mir gerade auf, daß ich mein Thema aus den Augen verloren habe. Fassen wir daher kurz zusammen: Kommunikation - Belästigung - Fußtritt. Und schreiben wir uns das hinter die Ohren.


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