Der Text entstand im Mai 1998 und erschien im Juni 1998 als Folge der "Belästigungen". Außerdem steht er in diesem Buch:

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
in Band 1:

Einige grundsätzliche Bemerkungen

Think-Tanks auf Hebebühnenabsätzen, Schwellkörper mit Kontonummern, nebst anderen Dummheiten

Wiedergänger und Deutschländer Würstchen

Wenn hier einer lacht, sind wir das (incl. Horror-Remix und hidden track)

Scheintote und fruchtbare Schöße

Der lange Marsch der Hirnlosen

Kommunikation! Zukunft! Aargh!

Ich möchte in Ruhe gelassen werden (und was ist mit Sex?)

Scheiße im Keller? Aufwärmen!

Erdbeeren, Wolken, Raver, Polizisten und mehrerlei Zwänge und Verschwörungen

Viel rum, nichts drin (eine Marginalie)

Werbung und Gewalt

Politikverdrossen? Selbstverständlich!

Welche Realität, Charles?

Das Zittern der Zensoren

Die kolumnistische Weltverschwörung

Es hat geklingelt, Harry!

Wir wollen alles hören!

Endlich alt genug zum Verblöden (aber nicht reich genug!)

Alles jetzt ganz total anders neu viel besser!

Eine kurze Geschichte der Verwahrlosung

Vom Orden zum Morden - alle selber schuld!

Die Dummheit ist irgendwo da draußen

Glücksberater

Revolution mit dem Preßlufthammer

Wir bauen uns eine Nation

Kot für die Zukunft

Wer, was, wo und warum ein Faschist ist

Die Jugend ist an die Jugend bloß verschwendet

Vom Rind zum Kind: der Wahnsinn

Belästigungen 2

Belästigungen 3

Belästigungen 4

Eine kurze Geschichte der Verwahrlosung

Maschinen sind nützlich: Sie helfen uns bei der gemütlichen Verwahrlosung. Ein zufällig herausgegriffenes Beispiel: Bislang oblag es den Fahrern der Münchner Trambahnen, irgendwann zwischen zwei Stationen den Namen der nächsten durch ein Vorkriegsmikrophon im Wagen zu verbreiten. Weil die Mundfäule, oder sagen wir: Mundfaulheit, ähem, mancher Fahrer zu dem Ergebnis führte, daß schließlich nur noch »Näste Ratze« (nächste Haltestelle Ratzingerplatz), »Znptz« (Hohenzollernplatz) oder »Stalt Gwalt« (nächster Halt Grünwald) zu hören war, beschloß ein schlauer Techniker, von einer ihm angenehm erscheinenden Frauenstimme ein Band mit den Namen aller Münchner Haltestellen besprechen zu lassen. Nun, ihrer vorvorletzten Aufgabe beraubt, verwandeln sich die Fahrer vollends in Brotlaibe, die jemand drei Tage im Regen liegengelassen hat.

Das war ein harmloses Beispiel. Schlimmer ist, was die Computertechnik anrichtet: Ich habe von einem jungen Mann erfahren, der seit sechs Monaten versucht, ein Anwenderprogramm fehlerfrei zum Laufen zu bekommen, und in der ganzen Zeit weder das Haus verlassen noch Unterhosen oder Socken gewechselt hat. Die restliche Kleidung schon gar nicht, die zieht er bequemerweise gar nicht mehr an. Man kann den armen Kerl auch nicht retten: sein neues Telephonmodem funktioniert nicht richtig, und Briefe kommen als unzustellbar zurück, weil der Postbote ein empfindlicher Mensch ist.

Musikmaschinen sind auch nicht besser. Legt man eine der phantasie- und geschmackvoll gestalteten Platten auf, die seit einigen Jahren herauskommen wie Ameisen, wenn man auf ihren Haufen pinkelt, dann sieht man regelrecht vor sich, wie sie entstanden sind: Jemand drückt auf einen Knopf, und es macht buff-zisch-bubuffbuff-zisch. Irgendwann ertönt die genormte Stimme einer Soul-Frau, die »Take me up!« verlangt, und der Hörer stellt mit einem Blick auf die Armbanduhr fest, daß Bob Dylan inzwischen drei Jahrhunderte amerikanischer Geschichte in Einzelschicksalen erzählt hätte. Nicht daß das erfreulicher wäre. Und dann dämmert einem, daß das ganze Gerede von der unglaublichen Beschleunigung, das die Philosophen vornehmlich in Frankreich seit einigen Jahren in immer kürzeren Abständen auf die Büchertische schleudern, ein einziger Blödsinn ist. Das einzige, was uns die Technik gebracht hat, ist öde, dröge, wüste, leere, dröhnende, ununterbrochene Langeweile. Aufgeschwemmte Trambahnfahrer, schmutzige Yuppies, Musik zum Einschlafen. Das soll die Zukunft sein, die uns Raumschiff Enterprise, Grundig und Helmut Kohl versprochen haben? Da ist mir ja die Vergangenheit noch lieber.

Zum Beispiel durfte ich als Kind noch mit Wasserfarben, Pinsel und Fingern bunte Abbilder meiner Umwelt (oder auch einfach nur fröhliches Farbgeschmier) herstellen. Heute geben Kultusminister Millionen aus, damit Kinder im Kindergarten mit Computern ausgerüstet werden, die eine Paintbox-Funktion haben. Da kann man dann (wenn man denn wirklich will oder von Pädagogen dazu »aufgefordert« wird) mit Tastendruck und »Mausklick« bunte Bildchen herstellen und für ein paar Millionen Mark mehr sogar ausdrucken und mit nach Hause nehmen. Und die Pädagogen wundern sich dann, wieso die Bilder eigentlich bei allen Kindern gleich aussehen. Und wieso später Deutschlands Städte alle gleich aussehen.

Was passiert eigentlich in Deutschlands Städten? Um das zu erfahren, kann man sich zum Beispiel eine dieser Stadt-Illus kaufen, die adelige Titel tragen und beim Durchblättern wirken wie ein verrücktgewordener Privatsender bei dem Versuch, alle seine Talkshows (inklusive Bildschirmtext) auf einmal zu zeigen.

Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, daß eigentlich gar nichts passiert, von einer Myriade »Events« (die man früher Ereignisse nannte) mal abgesehen, wo immer dasselbe passiert: Menschen stehen rum, werden von Musik beschallt, trinken Getränke, tauschen auf dem lärmgedämpften Klo ein paar Floskeln aus und lassen sich Berge von Werbezetteln für die nächsten derartigen »Events« in die Taschen stopfen.

Sieht man dann ganz genau hin, vergleicht zum Beispiel ein paar dieser Magazine, dann stellt man fest, daß nicht nur in allen Städten die gleichen »Events« stattfinden, sondern: Auch der bunte Mist, der einem auf den vorderen Seiten verzapft wird, ist der gleiche. Models, Mega-Filme, Psycho-Müll, dazu bundesweit die gleichen »Rezensionen« von Mega-CDs. Früher nannte man das Gleichschaltung. Heute ist es so attraktiv, daß sogar die nicht republikumfassend vertretene lokale Konkurrenz nichts Besseres zu tun hat, als sich dem vorgegebenen Format bereitwillig und gehorsam anzupassen. So werden wir umflattert von schrillen Heftchen, die alle das gleiche verzapfen. Da muß man ja Drogen nehmen.

Apropos: von allen mir bekannten Drogen ist der Alkohol die schlimmste. Nicht daß die Wertung einfach wäre: Halboffenen Auges durch nächtliche Tage schlurfende Antriebslose, die außer der Technik des Tütenrollens und einem angeblich von den Freak Brothers abgelutschten überheblichen Wurscht-Grinsen so ziemlich alles vergessen haben und daher ständig penetrant nach immer den gleichen Telefonnummern, Namen und generellen Anschlüssen fragen, um schon vor der Antwort zu nicken und wieder wegzudämmern; unstopbare Sprechmaschinen auf gut geölten Rädern, die unter minütigem Schniefen mit der Hektik der Verzweiflung und vakuumentleertem Blick noch das uninteressanteste Detail ihres atemlosen Lebensrasens an unserem Ohr vorbei in die Luft brüllen und selbst dann weiterreden, wenn sie alle zehn Minuten aufs Klo hetzen; zuckende Hirnlose, die ihre Hartgummileiber zu einem paramilitärischen Lärm, der der Genfer Konvention zuwiderläuft, durch vermüllte Straßenzüge karren und treiben, nach Liebe und Bewegung schreien und irgendwann entwässert im Rinnstein liegen bleiben; jammernde Junkies, die den ganzen Tag jammern und jammern und jammern und dafür auch noch Geld wollen - jedes einzelne dieser Ergebnisse fortgesetzter Experimente mit jugendlicher Neugier, pharmazeutischem Fortschritt und ostasiatischen Benebelungstraditionen ist ein Fragezeichen hinter der Behauptung einer Entwicklung der menschlichen Vernunft und Intelligenz.

Aber nichts geht über das Saufen, schon was die unmittelbaren Folgen angeht: Millionen von (zum Beispiel) Deutschen schieben sich Tag für Tag in stinkige Stehausschänke, in denen es nicht mal Hunde aushalten (die man deshalb gerne vor die Tür schickt, wo dann auch alle erdenklichen Spezies von Haufen und Würsten mumifizierter Hunde-Ernährungs-Experimente vor sich hin stinken), um sich in einen Zustand zu versetzen, in dem ihnen zunächst alles auf die Nerven geht, in dem sie dann alles ankotzt, in dem sie dann selber kotzen (wovon sie wieder Durst bekommen), um sinnlosen Blödsinn streiten, heimwanken, Frau und Kind krankenhausreif schlagen, die Wohnung zertrümmern, aus dem Fenster grölen, tonnenweise Müll fressen, die dümmsten Fernsehsendungen anglotzen und am nächsten Tag überhaupt nichts mehr wollen, mögen und ertragen. Weshalb dann der ganze Circus von vorne anfängt. Etwas Sinnvolleres ist kaum zu denken. Man sollte Maschinen dafür erfinden.


e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer