Geschrieben am 26. Mai 1998, gedruckt im Juli 1998. Außerdem steht der Text in diesem Buch:

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
in Band 1:

Einige grundsätzliche Bemerkungen

Think-Tanks auf Hebebühnenabsätzen, Schwellkörper mit Kontonummern, nebst anderen Dummheiten

Wiedergänger und Deutschländer Würstchen

Wenn hier einer lacht, sind wir das (incl. Horror-Remix und hidden track)

Scheintote und fruchtbare Schöße

Der lange Marsch der Hirnlosen

Kommunikation! Zukunft! Aargh!

Ich möchte in Ruhe gelassen werden (und was ist mit Sex?)

Scheiße im Keller? Aufwärmen!

Erdbeeren, Wolken, Raver, Polizisten und mehrerlei Zwänge und Verschwörungen

Viel rum, nichts drin (eine Marginalie)

Werbung und Gewalt

Politikverdrossen? Selbstverständlich!

Welche Realität, Charles?

Das Zittern der Zensoren

Die kolumnistische Weltverschwörung

Es hat geklingelt, Harry!

Wir wollen alles hören!

Endlich alt genug zum Verblöden (aber nicht reich genug!)

Alles jetzt ganz total anders neu viel besser!

Eine kurze Geschichte der Verwahrlosung

Vom Orden zum Morden - alle selber schuld!

Die Dummheit ist irgendwo da draußen

Glücksberater

Revolution mit dem Preßlufthammer

Wir bauen uns eine Nation

Kot für die Zukunft

Wer, was, wo und warum ein Faschist ist

Die Jugend ist an die Jugend bloß verschwendet

Vom Rind zum Kind: der Wahnsinn

Belästigungen 2

Belästigungen 3

Belästigungen 4

Vom Orden zum Morden - alle selber schuld!

Das wollten wir doch mal genau wissen: Was ist eigentlich "Esoterik"? Und siehe da: Es sei eine "Geheimlehre", spricht das Lexikon. Das sieht man: so geheim nämlich, daß man gar nicht soviele Bäume fällen kann wie Bücher gedruckt werden wollen, mit Titel wie "Die sieben leuchtenden Punkte der inneren Waschmaschine", "Engelswege sanfter Katzenmassage" oder "Leben mit dem Licht des weichen Arsh-loh". Bei Verlagen wie "Astrodata", "Windpferd" oder "Edition Heiliger Schnürsenkel", von denen man sich wünscht, sie hätten ein großes Vorhängeschloß außen an der Eingangstür, damit man bei der nächsten Vollversammlung der heiligen Geister mit einer kurzen Schlüsseldrehung für teilweise Abhilfe sorgen könnte.

"Esoteriker", so denkt mancher, sind menschenfreundliche Leute. Das stimmt, nur sind sie der Meinung, es gebe nur einen Menschen auf der Welt, den großen Superguru mit dem Namen "Ich". "Esoteriker" sind in Wirklichkeit eine Art Räucherpendelfraktion der FDP: Schuld an allem Übel und Unheil, so lautet nämlich ihr Grundsatz, ist immer der, dem es zustößt. Das sehen die jungen Liberalfaschisten genauso, die einem heute von Zeitschriften entgegenblecken, die vielsagende Titel wie EGO (Erfolgreich Gesund ... das dritte hab ich vergessen) tragen. Schade, daß Politiker sich pausenlos wählen lassen müssen und deshalb zum täglichen Frühstück ein Pfund Kreide fressen, sonst könnte man das Westerwelle glatt gegen den "Reinkarnations-Therapeuten" Trutz Hardo austauschen, der immerhin nicht ganz so unerfreulich aussieht wie der geölte Pickelfisch. Herr Hardo nämlich hat herausgefunden, daß ... nein, das fangen wir am besten andersrum an.

Die vielköpfige Horde der unappetitlichen Alt- und Neu-Nazis sucht seit nunmehr 43 Jahren nach einer guten Ausrede, wieso das ganze Hitler-Pack und seine Verfehlungen so schlimm nun eben doch nicht gewesen sein könnten. Auschwitzlüge hin, Stalins Pläne zur Welteroberung her - so richtig freuen würde sich die ganze Bande, wenn sich herausstellte, daß die Juden am Ende doch SELBER SCHULD waren. Das Gleiche gilt für die moderne Mode des Massenmordens: Sind die 15 Schulkameraden erst mal umgenietet, muß eine passende Entschuldigung her: Was, wenn die Erschossenen am Ende SELBER SCHULD wären? Und was ist mit den Millionen ausgemergelten Afrikanern, mit denen uns das Fernsehen allabendlich die Lust an Blut- und Leberwurst vergällen will? Was, wenn die an ihrem völkerweisen Hinsterben am Ende auch einfach SELBER SCHULD wären?

Jetzt kommt Trutz Hardo ins Spiel: Trutz Hardo (der eigentlich Tom Hockemeyer heißt; ich meine: Wer gibt sich schon einen Künstlernamen, der klingt wie eine Kreuzung aus Görings Lieblingsrüden und einer mecklenburgischen Metalband?), der behauptet das nämlich.* Und zwar so: Wer eines gewaltsamen Todes stirbt, hat in einem seiner letzten Leben selber jemand gemeuchelt. Wir schließen: Wer sich an deutschem Gas zu Tode husten muß, der hatte vor ein paar Generationen selbst die Hand am Hahn. Wem der Amokläufer Löcher ins Leben schießt, der hat früher als Revolverheld selbst zu oft abgedrückt. Und wer verhungert, hat schlicht und einfach den anderen zuviel weggefressen. In seinem letzten Leben.

Diese Erklärungsweise ist so einfach, genial und naheliegend, daß selbst der Hitler nicht draufgekommen ist. Seine Reinkarnation wird sich sauber ärgern, wenn sie das liest. Aber Scherz in die Schublade: daß irgendwer so was öffentlich verbreiten darf, ohne sofort eingesperrt zu werden (egal wohin: Stadelheim oder Eglfing), daß angeblich "intelligente" Mitglieder unserer Bürgergemeinschaft so was auch noch benicken oder gar nachplappern, das kann einem wirklich endgültig das Menschsein vergällen. Um ein bißchen nachzuhelfen, legen wir folgende Worte Trutz Hardos in die aufmerksamen Ohren aller wehrhaften Frauen dieser Welt: Keine Frau wird vergewaltigt, die nicht in einem vorigen Leben selber ein Vergewaltiger war! Auf geht's, Schwestern!

Meine Landsleute machen mir Lust, mich zu übergeben. Wie ausgedehnt und unendlich ist die menschliche Dummheit! Heldentum, Christentum, Flegeltum, das sind die drei großen Entwicklungsstadien der Menschheit. Es ist betrüblich, sich am Anfang des dritten zu befinden, schrieb Gustave Flaubert einst an George Sand.

Und weil wir gerade dabei sind, verleihen wir den Preis für den besten "Einzelfall" außerhalb deutscher Kasernenmauern an Helmut Kohl: Menschlichkeit hängt nicht von der Rasse ab, sagte er am 1. März 1998 einer deutschen Fernsehnachrichten-Kamera. Allerdings: Wenn das der Führer eingesehen hätte, wäre der Welt manches erspart geblieben.

Die schwachsinnigen Eso-Nazis natürlich nicht. Bei denen hilft nicht Argument noch Psychiatrie (da treffen sie höchstens auf ihresgleichen). Und schon gar nicht hilft es, wenn die SZ warnt, die "Esoterik-Tage" (eine Art mystische Massenmenstruation im Messeformat) drifteten immer mehr nach rechts. Ich meine: da driftet gar nichts. Hier ruft Sie der Goden-Orden! Wir sind eine religiöse Gemeinschaft auf deutscher Grundlage. Wir wollen mithelfen, das deutsche Volk vor dem Untergang zu bewahren. Goden können es bis zum Gralsrittertum bringen. Verlangen Sie bitte die ›Kosmische Wahrheit‹ monatl. unentgeltlich. Goden, 7953 Schussenried/Wttbg. Stand schon vor 35 Jahren in der "Deutschen National-Zeitung" - genau, dem Witzblatt, mit dem der DVU-Obermops seine Millionen angescheffelt hat, die er nun für esoterische Plakate ausgibt, die man in Ostdeutschland so an die Laternenpfähle hängt, wie man eigentlich lieber Kommunisten, Zigeuner und Asylanten hinhängen würde.

Bei denen hilft nur eines, sage ich zu meiner imaginären Begleiterin: Wenn einer von den Kerlen in meiner Nähe sein Zeugs verbrabbelt, wird er vermuten, daß er wohl in einem früheren Leben einem Kolumnenschreiber eine dermaßene Ohrfeige verpaßt hat, daß es ihn irgendwie unbewußt heute noch dreht. Und weil wir gerade an einem gleichnamigen italienischen Restaurant vorbeiradeln, sage ich zu meiner imaginären Begleiterin: Da werde ich zum Gattopardo! "Leopard", weiß sie, was eine Leistung ist angesichts der Tatsache, daß die Italiener infolge einer ziemlich verunglückten Rechtschreibreform statt "Katze" "Gatto" schreiben (und daher auch sagen). Das hat auch seine Vorteile: So sind wir vor dem Verstehen zum Übersetzen gezwungen, und das bringt genialen Vertretern des Fachs wie Harry Rowohlt auch mal endlich einen "Übersetzungs-Preis" ein, den er sonst fürs Verstehen kriegen müßte - und wer sollte den verleihen?

In Deutschland findet durchschnittlich etwa alle sieben oder acht Jahre eine "Wende" statt. An die letzte können sich noch viele erinnern: Da wurde der marode Arbeiter- und Bauernstaat, in den man sich vorher immer jeden Linken wünschte, wenn einem die Argumente ausgingen (oder sich gar nicht erst einstellen wollten), mit hochgekrempelten Ärmeln mal so richtig ausgemistet. Das heißt, man hob den ganzen Mist kurz hoch, drehte ihn um und kippte noch ein paar Lagen drauf, um das Ganze schön zu kompostieren. Aber das ist nicht unser Thema.

Auch nicht die "Wende" von 1982, die von ihren Propagandisten "geistig-moralisch" getauft wurde - gar nicht mal so falsch, denn Geist und Moral haben sich seither, so es sie denn auf deutschem Boden je so richtig gegeben hat, abgewandt, i. e. verflüchtigt. Dafür haben wir jetzt endlich einen Kanzler, das ist doch auch was, und wenn der sein rituelles Saumagen-Einwuchten in den nächsten Jahren nicht übertreibt, wird er nicht nur Erich Honecker, sondern auch alle sonstigen bisherigen deutschen Rekordhalter bei relativ lebendigem Leib nicht nur in Sachen Regierungsdauer überholen, sondern auch, was Starrärschigkeit und tumbes Beharren auf dem Weitersalzen einmal versalzener Suppen betrifft. Aber auch das soll nicht unser Thema sein.

Von den anderen "Wenden" (ich schlage mal vor: Willy Brandts Rücktritt 1974, die Hinrichtung Benno Ohnesorgs 1967, die erste Lesung der Notstandsgesetze 1960 oder wahlweise große Koalition und Mauer 1961, der WM-Sieg 1954 usw. usf., aber die Auswahl ist natürlich völlig willkürlich) wollen wir auch schweigen.

Die Rechtschreibreform jedoch hätte eine echte Wende sein können, und zwar bei konsequenter Reduzierung auf eine einzige Regel: Alles, was völlig sinnlos und idiotisch ist, wird fortan weder mit ß noch mit SS (das schon gar nicht!) noch klein noch groß noch Komma ohne oder sonst was geschrieben, sondern überhaupt nicht. Zupp! sind die ganzen Eso-Schwarten weg.

*Man sollte meinen, acht Jahre nach dem Erscheinen dieses Textes müßte der Hardo-Käse eigentlich gebissen sein; aber nein: Am 31. Mai 2006 bot die "Bild-Zeitung" ihren Lesern einen "Test" mit dem Titel "Haben Sie schon mal gelebt?" an - der aus der Feder von "Trutz Hardo (67), Sterbeforscher und Rückführungstherapeut in Berlin", stammte. Und schon im Dezember 2005 widmete die von Tita von Hardenberg moderierte Fernsehsendung "Polylux" dem Hardo einen Beitrag. Dabei ist der Mann seit langen Jahren wegen Volksverhetzung verurteilt, in Zusammenhang mit seinem Buch "Jedem das Seine" (der Titel stand als Parole über dem KZ Buchenwald).


e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer