Geschrieben Ende 1998; erschienen im Februar 1999 unter dem Titel »Interaktive Verblödung: Mittendrin statt nur dabei«. Um gekürzte Stellen und notwendige Fußnoten erweitert stand er dann in diesem Buch:

 
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in Band 2:

Wir gegen die Welt (den Rest sowieso)

Das große Vergessen im täglichen Dung

The Great Rock'n'Uhl Swindle

Moral, Größe und so weiter - ein kurzer Abriß für Außerirdische

Viel Buch um nichts

Heavy-Metal-Wände und fliegende Telephonzellen - oder: Die Müllhalden der Alltagskultur

Birth! School! Work! Urlaub! Death!

Von Kiosk zu Kiosk (und andere urdeutsche Bräuche)

Sex! Gewalt! Geld! Kapitalismus! (Wählen Sie selbst)

Europäisch wählen, österreichisch denken

Der große Kommunikator

Romane, Würste und blanker Neid

Ausländer raus aus der Zukunft!

Deutsche Sprache: vom Einzelschuß zur Feuerwalze

Rumms! Zack! Weg damit! oder: Wettbewerb für Anfänger

Gegen Trottelverdrossenheit: tüchtig einräumen!

Quaddeln, Quatsch und Scheiße für zwischendurch

Modern? Konservativ? Jedenfalls: alles egal!

Nur Feiglinge schwimmen gegen den Strom oder: Toleranz im Handwaschbecken

Alles muß raus (der Mensch zuerst)!

Den Ude gibt's, das Internet nicht

Bruder Nazi, Schwester Kuh

Sommerliches Fegefeuer der Eitelkeiten

Schafft fünf, acht, viele Stadien!

Wenn hier etwas geht, sind wir das!

Der Zorn des Herrenmenschen

Europa rettet die Kultur

Störfall Genuß

Lifestyle 2000: Weniger ist mehr

Dicker Lärm und rote Schweine

Belästigungen 1

Belästigungen 3

Belästigungen 4

Wir gegen die Welt (den Rest sowieso)

Wenn es der Natur zu bunt wird mit den rosa und braunen Gestalten, die da über ihren Erdball kreuchen und fleuchen, schickt sie wirksame Plagen, um für ordnungsgemäße Dezimierung zu sorgen. Man kennt das: blutrote Flüsse, Heuschreckenschwärme, bitteres Wasser, Würgeengel, Wirbelstürme, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Eiszeiten, Seuchen, Springflut und Privatfernsehen. Das hat eigentlich noch immer geholfen, und notfalls muß eben ein anständiger Krieg her.

In letzter Zeit ist unsere große Mutter Gäa aber offenbar mit ihrem Latein am Ende: Aids, Heroin und Massenmord treffen immer die Falschen, nämlich die, die dem fragilen Kreislauf natürlicher Vorgänge ohnehin keinen großen Schaden beizufügen trachten; die anderen machen munter weiter: Industriekapitäne, »Handy«-Börsianer, Fortschrittsfanatiker und alle möglichen Deregulierer.

Das Mittel, das die Natur erfunden hat, um derlei Kroppzeug in die Pfanne zu hauen, ist zwar perfide, aber nicht besonders wirksam: Es heißt Streß, bringt die kalten Herzen zum Zerspringen, überdehnt zerfranste Nerven, durchbohrt tablettenzerfressene Magenwände, läßt ausgemergelte Geldgläubige mit einem letzten Seufzer über mitternächtlichen Bilanzrechnungen erbleichen oder stellt der Autobahnhatz von Termingeschäft zu Termingeschäft einen wohlplazierten Baum in den Weg. Hilft aber nicht viel, wie ein kurzer Blick auf das »Fixing in Frankfurt« oder ähnlich widerwärtige Vorgänge in den Akkumulationssekten zeigt.

Deshalb entstand vor einigen Jahrzehnten ein neues Phänomen, das mit dem harschen Begriff »Sport!« etikettiert wurde. Ganz neu war das nicht: Schon die alten Griechen rannten um die Wette, schleuderten in Ermangelung durchbohrungsbereiter Feinde ihre Speere einfach so in die Wiese und warfen auch ganz fröhlich mit Hämmern und Scheiben durch die Gegend. Die hatten aber auch kaum Besseres zu tun: Fabriken und Börsen waren noch weitgehend unbekannt. Zudem widmete man sich mit ebensolcher Ausdauer dem Studium von Musik, Mathematik, Bildhauerei, Philosophie, Staatskunst und einigem anderen unproduktiven Zeitvertreib, während ein Heer von Sklaven dafür sorgte, daß rechtzeitig und in benötigter Menge Wein und schwarze Suppe auf dem Tisch stand.

Irgendwann geriet der olympische Geist dann in Verflüchtigung und sammelte sich erst in unserem Jahrhundert wieder dort, wo er hingehörte: Würde unsere gesamte geistige Oberschicht einst nicht so ausschließlich in vornehmen Anstandslehren erzogen worden sein, hätte sie an Stelle dessen durchgehendes Boxen gelernt, so wäre eine deutsche Revolution von Zuhältern, Deserteuren und ähnlichem Gesindel niemals möglich gewesen! tönte das Größte Fliegengewicht Aller Zeiten Ende der zwanziger Jahre in seinem Hauptwerk, das alsbald ein Bestseller wurde. Und ging kurz darauf daran, die Erkenntnis umzusetzen: Rhythmischer Gleichschritt, Motorsport (Disziplin Kettenfahrzeuge), Scheibenschießen (auf bewegliche Ziele), nationaler Ringkampf (Freistil) und der gesamtvölkische Marathonlauf nach Osten traten an die Stelle der vornehmen Anstandslehren, die man den Deutschen später mühsam wieder einigermaßen beibomben mußte.

Aber wie so vieles aus jener tausendjährigen Legislaturperiode (man denke nur an den erst heute so richtig verwirklichten Gedanken der Gleichschaltung: Jeder sieht, liest, arbeitet, kauft, ißt und denkt das Gleiche) blieb auch der Sport latent wirksam. Die vornehmen Anstandslehren hingegen nicht: Wer sich in Ermangelung rückwärtiger Augen nicht rechtzeitig in den Straßengraben in Sicherheit bringt, wenn die wilden Horden auf allen möglichen Sorten von Rädern daherbrausen, muß sich höchstens noch beschimpfen lassen und die medizinische Wiederherstellung selbst bezahlen. Und untätige Wochen auf dem Sofa damit verbringen, die biblische Plage des deutschen Fernsehens anzustarren.

Übrigens gehört zu den schicken Sachen, die uns die Bewußtseinsindustrie seit vielen Jahren verspricht, um uns bei Laune zu halten, neben vielem anderen Schwachsinn vor allem das interaktive Fernsehen. Wer sich fragt, warum das bis heute noch nichts geworden ist, sollte sich erst mal von ein paar falschen Vorstellungen befreien. Von wegen, man könne dann den Ausgang eines Krimis selbst bestimmen, oder den weiteren Verlauf der Entwicklungen in der »Lindenstraße«. Beides wäre Müll: In ersterem Fall langweilt man sich zu Tode (wenn man überhaupt so blöd ist, den selbstbestimmten Film bis zum Ende anzusehen) und hat am nächsten Tag in der Kantine gar nichts mehr zu erzählen. Zweiteres würde nach etwa zehn Folgen zur Existenz von etwa hundert Trilliarden verschiedenen Fernsehserien führen, die gleichzeitig ausgestrahlt werden müßten, um sich am Sonntagabend erneut millionenfach zu verzweigen. Ich freue mich schon auf die dafür fälligen Gebührenbescheide. Nein, Blödsinn. Interaktives Fernsehen hat, wenn überhaupt, nur da einen Sinn, wo es schon längst existiert und nur nicht wahrgenommen wird, weil an den Glotzkisten die Mikrophone fehlen.

Jeder, der schon mal während einer Fußballübertragung eine Vorstadtkneipe betreten hat, kennt die Situation: Ein Spieler fällt über ein fremdes (oder das eigene) Bein, und sofort bricht ein vielkehliger Sturm der Entrüstung los: »Foul! Drecksau! Platzverweis!« Stellen wir uns nun folgendes vor: Lokalderby im Olympiastadion, Günther Koch kommentiert, beim Stande von 2:0 für 1860 bekommt Bayern den üblichen herausgeschundenen Elfmeter zugesprochen. Gerade will der gute Günther einräumen, daß man den schon pfeifen kann, da erhält er eine Meldung aus der Sendezentrale, wo drei schlagartig ertaubte Redakteure in einem Inferno aus »Schwalbe! Drecksau! Platzverweis!«-Interaktivität sitzen: 53 Prozent für »unberechtigt«. Schnurstracks wird der Kommentar geändert: Den hätte man NICHT pfeifen dürfen!

Günther Koch würde so was nicht machen, und geändert hätte es auch nicht viel, außer subjektiv, was aber ohnehin das Wichtigste ist. Zum Beispiel gehört es zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, während der CSU-Propagandasendung »Report München« den unerträglichen Ansager zu beschimpfen. Die Vorstellung, der Kerl müßte das alles live hören, was mir da so entrutscht, würde den Genuß der Sendung enorm steigern.

Oder die entsetzlichen Stampf-Klatsch-Sendungen mit Schlagern und sog. »Volksmusik«, die mit ihrer Kommando-Fröhlichkeits-Lobotomie das tägliche Hauptabendprogramm verpesten. Bislang hocken diese schwiemelfettigen Dirndl-Gestalten von der Außenwelt völlig abgeschottet in ihren Begeisterungs-Bumsbuden und grölen in aberwitzig grinsender Uniformität die National-Hymnen der kollektiven Gehirnamputation. Wenn sie gleichzeitig mitanhören müßten, wie sich Millionen in Lachkrämpfen ringeln, ihr Abendessen in die Kloschüssel würgen oder lauthals die sofortige Einweisung der gesamten Dumpf-Armee in umgehend zu verschließende Anstalten fordern, dann würde ihnen ihr impertinentes »Macht alle mit!«-Geblödel vielleicht schneller vergehen, als unsereins das Wort »Sudetendeutsche Landsmannschaft« aussprechen kann.

Nur: es hilft natürlich wieder nichts, denn das gleichzeitige rhythmische Klatschen und entseelte Braun!-braun!-braun!-ist-die-Ha!-sel!-nuß!-Gegröle aus tausenden Wohnzimmern im Zonenrandgebiet würde uns wie immer übertönen. Wir müssen uns also wohl damit abfinden, daß nach Raumstationen und Zeitmaschinen auch das interaktive Fernsehen ein Reklame-Popanz jener dickbrilligen Schmalschultern bleibt, die zuviel Perry Rhodan gelesen haben und jetzt glauben, außer Technik dürfe es überhaupt nichts auf der Welt geben, und die aber schon mit allen Schikanen, und daß wir weiterhin nur in Form von bunten Balken an »Wahlabenden« »Einfluß« nehmen können.

Es hilft noch nicht mal das was, was ein Bekannter vor einiger Zeit begeistert propagierte: nichts mehr kaufen, wofür im Fernsehen Werbung gemacht wird, und sich damit dafür rächen, daß man seit Jahren keinen Film mehr anschauen kann, weil ohnehin nur noch billige Ami-Scheiße aus den neunziger Jahren läuft, die dann auch noch alle paar Minuten von Reklame in brüllender Lautstärke (damit man den Informationen auch auf dem Klo und vor dem Kühlschrank nicht entgehen kann) unterbrochen wird. Denn das ganze Sammelsurium von minderwertigem Fertig-Fraß, Wasch-mitteln in sämtlichen denkbaren Aggregatzuständen, Glutamat-Geknabber, in grausigen Tierversuchen erprobter Arschmedizin und schmierigem Kosmetik-Kleister kaufen wir sowieso nicht. Denn wir wissen: Das ist wieder nur so ein Versuch der alten Tante Natur, die wimmelnden Menschenmassen auf ein erträgliches Maß zurückzustutzen, und so blöd sind wir dann doch nicht, ätsch.


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