Im Frühjahr 1999 aus verschiedenen, im Laufe der Jahre gesammelten Notizen zusammengesetzt, erschien der Text im Mai 1999. Um gekürzte Stellen und notwendige Fußnoten erweitert stand er dann in diesem Buch:

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
in Band 2:

Wir gegen die Welt (den Rest sowieso)

Das große Vergessen im täglichen Dung

The Great Rock'n'Uhl Swindle

Moral, Größe und so weiter - ein kurzer Abriß für Außerirdische

Viel Buch um nichts

Heavy-Metal-Wände und fliegende Telephonzellen - oder: Die Müllhalden der Alltagskultur

Birth! School! Work! Urlaub! Death!

Von Kiosk zu Kiosk (und andere urdeutsche Bräuche)

Sex! Gewalt! Geld! Kapitalismus! (Wählen Sie selbst)

Europäisch wählen, österreichisch denken

Der große Kommunikator

Romane, Würste und blanker Neid

Ausländer raus aus der Zukunft!

Deutsche Sprache: vom Einzelschuß zur Feuerwalze

Rumms! Zack! Weg damit! oder: Wettbewerb für Anfänger

Gegen Trottelverdrossenheit: tüchtig einräumen!

Quaddeln, Quatsch und Scheiße für zwischendurch

Modern? Konservativ? Jedenfalls: alles egal!

Nur Feiglinge schwimmen gegen den Strom oder: Toleranz im Handwaschbecken

Alles muß raus (der Mensch zuerst)!

Den Ude gibt's, das Internet nicht

Bruder Nazi, Schwester Kuh

Sommerliches Fegefeuer der Eitelkeiten

Schafft fünf, acht, viele Stadien!

Wenn hier etwas geht, sind wir das!

Der Zorn des Herrenmenschen

Europa rettet die Kultur

Störfall Genuß

Lifestyle 2000: Weniger ist mehr

Dicker Lärm und rote Schweine

Belästigungen 1

Belästigungen 3

Belästigungen 4

Moral, Größe und so weiter - ein kurzer
Abriß für Außerirdische

Wenn eines Tages die Saugnapfnasen vom Sirius auf die Idee kommen, mich auf einen ihrer Gasblasenlavaplaneten zu entführen, um Wissenswertes über unseren Gasblasenlavaplaneten zu erfahren, könnte ich ihnen schon einiges erzählen. Bejammern könnte ich auch einiges, wenn sich schon mal die Gelegenheit ergibt, in richtig objektive, unbeteiligte Ohren (oder Tentakel) hineinzujammern. Aber wie Kurt Vonnegut sagt: Im richtigen Leben ist es wie in der Oper - mit Arien wird alles nur noch schlimmer. Deshalb werde ich mich auf ein paar lustige Anekdötchen von den (in planetarischen Zeiteinheiten gemessen) kürzlich erfundenen und bald wieder ausgestorbenen Zweibeinern beschränken.

Interessant finde ich zum Beispiel Professor Doktor G. Jäger, der herausgefunden hat, daß die menschliche Haut einen Geschmackssinn hat. Zum Zwecke dieser revolutionären Erkenntnis ließ er Testpersonen mit verbundenen Augen ihre Finger in Bier, Milch, verschieden salzigem Wasser und anderen Pritscheleien aneinander reiben, und siehe da: die meisten erkannten, was sie da befingerten. Leider machte Prof. Dr. Jäger diese Entdeckung im Jahre 1885, und niemand hat je wieder etwas davon gehört. Das nenne ich Verschwendung.

Recht erzählenswert ist die Geschichte von Waldemar Kraft. Dem war auf der ganzen Welt Westpreußen am wichtigsten, und deshalb übernahm er schon vor (und natürlich zu) Hitlers Zeiten eine Führungsrolle im »Volkstumkampf«, wütete in Westpreußen herum, bis ihn die Russen nicht mehr ließen, und half 1950 eine Partei namens »Bund der Heimatlosen und Entrechteten« gründen (die nach seiner Zeit je nach Interessenlage in CDU und NPD aufging). Bundeskanzler Adenauer erkannte die Talente des Mannes, machte ihn zum Sonderminister und ließ ihn im stillen Pläne aushecken, wie man einen Krieg anfangen könnte, um das seit 1919 polnische Westpreußen endlich wieder deutsch zu machen: Daß nach einem Krieg, der für die Westmächte und Deutschland siegreich verläuft, die Russen gezwungen werden, in ihre ethnographischen Grenzen zurückzugehen, gehörte zu seinen Lieblingsüberlegungen, die Grußformel Europa erwache! war in seinen Kreisen höchst beliebt. Das nenne ich Beharrlichkeit.

Reden sollte man auch mal von dem italienischen Journalisten und Luftfahrtminister Italo Baldo. Ein richtig toller Mann: Pathetisch beschwor er so lange Italiens Größe, bis Mussolini (dessen »Marsch auf Rom« hatte Baldo organisiert und dem Duce ein Eisenbahnabteil reserviert, damit er seine Füße nicht überstrapazierte) - bis Mussolini Italien durch einen mit Ach und Krach gewonnenen Krieg gegen mit Bambusrohren bewaffnete Nomaden in Abessinien endlich verwirklicht hatte. Sodann wurde unser Held Generalgouverneur von Nordafrika, stieg mit Reitpeitsche und in meterhohen Stiefelschäften in ein Jagdflugzeug, um seinen unbeugsamen Männern tapfer voranzufliegen, und ließ sich von der eigenen Flugabwehr abschießen, weil er vergessen hatte, seinen Flug vorher anzumelden. Das nenne ich Tragik!

Sind Sie sehr in Eile, meine hochverehrten Damen und Herren Aliens? Sonst würde ich Ihnen gerne auch noch von dem Amerikaner Roy Cohn berichten, der als stiefelleckender Kampfhund des berüchtigten Senazi, hoppla, Senators McCarthy bekannt wurde, dem er vermeintliche Kommunisten, Schwule und anderes Kroppzeug gleich hordenweise vor sein Tribunal trieb, um dem Pack Karriere, Gesundheit, Familie und Leben zu ruinieren, wie es sich gehört. Als er erfuhr, daß der Große CIA-Vorsitzende J. Edgar Hoover eine Schwuchtel war, wird ihn das mindestens ebenso getroffen haben wie die Erkenntnis, daß sich sein Herr und Meister McCarthy auch lieber mit minderjährigen Bubenhintern in die Kissen kuschelte. Ganz dumm allerdings, daß Kamerad Cohn selbige ebenfalls im Dutzendpack zerpimperte und dann auch noch ausgerechnet an AIDS starb. Das nenne ich Moral!

Ich würde dann gerne noch einen Soziologieprofessor aus der Republik Srpska erwähnen, jenem hübschen Land, dessen Name klingt, als spräche El Duce Milosevic den Namen seines eigenen Landes mit ganz besonders schlechter Laune (oder lockergebombtem Gebiß) aus. Dieser akademisch gebildete Herr war kürzlich im Fernsehen zu sehen: in einer Montur, die vermuten ließ, Monty Python hätten den jugoslawischen Krieg mit ihm in der Hauptrolle verfilmt. Leider habe ich seinen Namen vergessen. Das nenne ich selektives Gedächtnis.

Verschwendung, Beharrlichkeit, Tragik, Moral und selektives Gedächtnis - werfen wir diese Zutaten in einen großen Topf, rühren ein paar hundert Jahre lang um, dann haben wir große Chancen, eine richtig hübsche, typische Menschenbrut zusammenzukochen. Natürlich, liebe Aliens, gibt es auf unserem früher recht schönen blaugrauen Gasblasenlavaplaneten auch vernünftige Tiere, aber das sind dann meistens richtige Tiere, und was soll ich Ihnen von denen schon erzählen, wo sie doch bisher niemand von uns Zweibeinern je richtig verstanden hat. Da fällt mir als erstes meine Katze ein, deren einzige annähernd menschliche Tat darin bestand, im Kampf (bzw. im tierklinischen Lazarett) eines ihrer beiden Augen zu verlieren. Seither tut sie, was Katzen eben tun: Sie liegt in der Sonne rum und rührt sich nur, um ab und zu mit halbgeschlossenem Auge in meine Richtung zu sehen und zu überprüfen, ob ihr Programm, mich zur Katze zu erziehen und solchermaßen dazu zu bringen, ebenfalls nur in der Sonne herumzuliegen, endlich nachhaltigen Erfolg zeigt. Dann wendet sie sich wieder ab, macht das Auge zu und tut ... ja was eigentlich? Wahrscheinlich denkt sie sich Kolumnen aus.

Andere Tiere sind tätiger: Von einem US-amerikanischen Affen war neulich zu erfahren, er sei versuchshalber als Börsenspekulant eingesetzt worden und habe die Konkurrenz der erfahrenen menschlichen Berufs-»Börsianer« um Längen geschlagen. Ebenso wie jenes Pferd, das dem »Sportler« Ben Johnson beim Wettlauf keine Chance ließ. Ganz zu schweigen von einem kleinen Haushund, den ein südamerikanischer Politiker als Kandidaten für die Wahl zum Staatspräsidenten nominierte, weil er seinen Job sicherlich auch nicht schlechter machen würde als der derzeitige Amtsinhaber (wir verschweigen seinen Namen, weil er inzwischen wahrscheinlich längst von einer neuen Allianz aus dem alten internationalen Kapital und einem frischen Despoten weggeputscht worden ist und als Gast einer unionsnahen Stiftung am Starnberger See residiert). Und selbst auf den momentan gültigen CSU-Wahlreklameplakaten ist die lebende Zahnbürste Alibert Wolf neben einem Dackel namens (was habt ihr denn erwartet?) »Wasti« abgebildet und grinst so unverschämt blöd, daß man ihn am liebsten wählen möchte (den Dackel!). Ihr seht, liebe Klingonen: Viele Tiere auf diesem seltsamen seifenfarbenen Planeten sind auch nicht recht viel klüger als die Zweibeiner.

Bleiben uns also wirklich nur die Katzen als Argument, euch davon abzuhalten, unseren ganzen blauweißen Ball aus galaktohygienischen Gründen einer anständigen Desinfektion mit Phaser-Kanonen zu unterziehen: Die halten sich raus, tun gar nichts, schleppen sich von Kuhle zu Napf und Napf zu Kuhle, verpennen 99 Prozent ihrer Lebensspanne und verbringen den Rest damit, uns verträumt anzuglotzen, weil der Napf leer ist.

Doch da haben wir die Rechnung ohne den Frühling gemacht: Diese schöne Jahreszeit nämlich kündigen die pelzigen Freunde zunächst mit nächtlichen Chorälen an, die klingen wie eine von Gotthilf Fischer dirigierte Massen-Veranstaltung von Stockhausen-Jüngern, Gospel-Amateuren, wahlkämpfenden CSU-Politikern, Whitney Houston, Meat Loaf und sämtlichen Feuerwehrsirenen der westlichen Hemisphäre. Sodann schwärmt der männliche Anteil der felinen Bevölkerung aus, um alle zugänglichen Wohnungen und Häuser in erreichbarer Umgebung mit gezielten Piß-Kanonaden in Kloaken zu verwandeln. Und wenn dann alles zugelärmt und verpestet ist, stürzen sich die Viecher mit haarsträubendem Geschrei (das diesmal eher an Stephen-King-Filme mit psychotischen Messermördern erinnert) aufeinander, um sich kollektiv zu entleiben, werfen sich aus Fenstern, von Dächern und vor Autos und schleichen endlich in den Morgenstunden blutend und wimmernd nach Hause (in die erwähnten Kloaken), um von ihren dortselbst entnervt und halbvergast unter den Betten kauernden »Besitzern« umgehende Einlieferung in die tierärztlichen Lazarette zu fordern, damit sie sich anderntags mit neuer Kraft, gefüllten Bäuchen und frischgeschärften Krallen in die nächste Runde stürzen können. Die verläuft ähnlich, bis sich schließlich Anfang Mai ganze Vorstädte in Ruinen verwandelt haben: zerfetzte Tapeten, vollgekotzte Teppiche, Trümmer von Blumentöpfen, Fernsehern, Geschirr, johlende Invaliden, Sumpflandschaften aus Blut und Pisse, ein einziges zum Himmel stinkendes Verdun. Dann legt man sich für die nächsten elf Monate schlafen und sieht ab und zu mit halbem Auge ungerührt zu, wie Menschen buckeln, rackern, wienern, wischen, putzen, schrubben, streichen, stöhnen und neue Möbel ins Haus tragen.

Wie bitte? Das klingt alles verdächtig nach der bereits erwähnten Mischung aus Verschwendung, Beharrlichkeit, Tragik, Moral und selektivem Gedächtnis? Tja, liebe Freunde vom Hundsstern (hüstel), dann müssen wir wohl zugeben, daß auch Katzen nur Menschen sind, die ab und zu einfach nicht mehr »zuschauen«, »abseits stehen«, »die Augen verschließen«, »die Greuel ignorieren« oder sonst was können, sondern sich ohne Rücksicht auf Perspektiven ins Getümmel werfen und selbiges eskalieren müssen. Sorry, so sind wir Terraner nun mal. Die gründliche Extermination der Planetenoberfläche mit der Phaserkanone, liebe galaktische Kollegen, könnt ihr euch trotzdem sparen. Das erledigen wir schon selbst.


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