Geschrieben am 21. April 1999, im Juni 1999 erschienen. Um gekürzte Stellen erweitert stand der Text dann auch in diesem Buch:

 
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in Band 2:

Wir gegen die Welt (den Rest sowieso)

Das große Vergessen im täglichen Dung

The Great Rock'n'Uhl Swindle

Moral, Größe und so weiter - ein kurzer Abriß für Außerirdische

Viel Buch um nichts

Heavy-Metal-Wände und fliegende Telephonzellen oder: Die Müllhalden der Alltagskultur

Birth! School! Work! Urlaub! Death!

Von Kiosk zu Kiosk (und andere urdeutsche Bräuche)

Sex! Gewalt! Geld! Kapitalismus! (Wählen Sie selbst)

Europäisch wählen, österreichisch denken

Der große Kommunikator

Romane, Würste und blanker Neid

Ausländer raus aus der Zukunft!

Deutsche Sprache: vom Einzelschuß zur Feuerwalze

Rumms! Zack! Weg damit! oder: Wettbewerb für Anfänger

Gegen Trottelverdrossenheit: tüchtig einräumen!

Quaddeln, Quatsch und Scheiße für zwischendurch

Modern? Konservativ? Jedenfalls: alles egal!

Nur Feiglinge schwimmen gegen den Strom oder: Toleranz im Handwaschbecken

Alles muß raus (der Mensch zuerst)!

Den Ude gibt's, das Internet nicht

Bruder Nazi, Schwester Kuh

Sommerliches Fegefeuer der Eitelkeiten

Schafft fünf, acht, viele Stadien!

Wenn hier etwas geht, sind wir das!

Der Zorn des Herrenmenschen

Europa rettet die Kultur

Störfall Genuß

Lifestyle 2000: Weniger ist mehr

Dicker Lärm und rote Schweine

Belästigungen 1

Belästigungen 3

Belästigungen 4

Heavy-Metal-Wände und fliegende Telephonzellen - oder: Die Müllhalden der Alltagskultur

Wenn man heutzutage unterwegs telephonieren will und noch nicht zu den Trotteln gehört, die mit einer elektronischen Handschelle namens »Händi« jede Kneipe in eine Telephonzentrale verwandeln, braucht man ein Stück Plastik sowie anständige Portionen Glück und Geduld. Das Stück Plastik nämlich - man möchte es nicht glauben - enthält einen ganzen Berg Zehnerl und macht die kleinen netten Münzchen somit eigentlich nur noch für den Kaugummiautomaten brauchbar, zu welchem Zwecke man sie früher auch nach jeder qualvollen Plombierung vom Zahnarzt geschenkt bekam, als Belohnung für geduldiges Ausharren unter dem Todesbohrer und als Investition in zukünftige Karieskatastrophen.

Man erwirbt also eine dieser Telephonkarten (das heißt: Man hat schon eine, denn wenn man gerade mal eine braucht, kann man bestimmt keine erwerben, weil es Sonntagnacht und in kilometerweitem Umkreis kein Geschäft ist), stellt sich vor eine Telephonzelle und wartet. Das ist zwar bisweilen recht amüsant, weil die meisten der guten alten Telephonzellen aus unerfindlichen Gründen gegen eine Art Regenschirm aus Hartplastik ausgetauscht wurden - ohne Tür - und man Zeuge aller möglichen Eheauflösungen, Familienstreitigkeiten, Börseninsidergeschäfte, Drogendeals und sonstiger Privatereien werden kann, während man sich die Füße in den Bauch steht. Das allerdings muß man jedoch, denn eine Telephonkarte ist selbst im günstigsten Fall für mehrere Stunden Gelaber gut, und wo früher das Durchfallen des zweiten Zehnerls Anlaß für ein eiliges »Du, ich muß aufhören!« war, läßt man sich heute auch von verblutenden Unfallopfern, in die Hose pinkelnden Kindern, aus der Haut fahrenden Hektikern, Nervenzusammenbrüchen und was sich sonst noch so alles vor einer Telephonzelle abspielen mag, keineswegs am geruhsamen Weiterplappern hindern.

Aber das ist alles nicht so wichtig. Viel bemerkenswerter dagegen, was mir neulich am Stachus passierte: Da wollte ich kurz ein wichtiges Gespräch tätigen, hatte nach kaum einem halben Tag eine freie Zelle ergattert, die Telephonkarte gezückt - schon schob sich ein etwa zwölfjähriger Bub mit gekrümmtem Rücken und handtellerdicker Fischbrille zwischen mich und den Apparat und begehrte meine Karte zu sehen. Ich bin kein großer Reagierer, schon gar nicht vorpubertären Pickelträgern mit einer offensichtlichen Kontrolleursneurose gegenüber, und händigte ihm also meinen Wertträger offenstehenden Mundes kommentarlos aus. »Darf ich Ihnen dafür eine neue geben?« fragte er. Wozu denn das, wollte ich gerne wissen, aber da hatte ich schon eine nagelneue, vor Einheiten nur so überquellende Karte in der Hand, und der Junge rannte zu seinen Eltern, die eine Mappe aus braunem Leder trugen, in der meine Ex-Karte nun verschwand, worauf der Junge erneut ausschwärmte, um weiteren Plastikmüll zu ergattern. Aha, ein Sammler! durchfuhr es mich. Das sind die allerschlimmsten!

Tatsächlich gibt es heute kaum noch was, was man nicht sammeln kann. Leere Zigarettenschachteln, Bierdeckel, Geldmünzen, Flugzeug-Klebebilder, Autogramme von Landesliga-Liberos und Miniatur-Nummernschilder aus Ländern wie Kuwait und Brobdignag mögen uns als Kinder fasziniert haben, waren aber geradezu unvergleichlich harmlos gegen das, was mittlerweile zum Zwecke des Verstaubens in Wohnungen, Schuppen, Hinterhöfe und eigens errichtete Privatmuseen gekarrt und geschaufelt wird.

Ein guter Bekannter zum Beispiel besitzt soviele CDs, LPs und andere Tonträger, daß nicht nur die Statik des von ihm bewohnten Hauses langsam aus der Fassung gerät, sondern auch seine Frau, die es seit Jahren erträgt, selbst auf dem Klo bis an die Decke reichenden Wänden konservierter Musik gegenüberzusitzen. Zumal der gute Mann, der zu allem Überfluß (!) Heavy-Metal-Anhänger ist, - grob geschätzt - bei einer täglichen Konsumleistung von acht Stunden etwa 300 Jahre bräuchte, um das alles durchzuhören - wozu er natürlich sowieso keine Zeit hat, weil er die damit verbringt, auf Flohmärkten und in allen erdenklichen Arten von Läden Nachschub für den unstillbaren Sammelhunger herbeizuschaffen.

Andere stapeln jeden Quadratdezimeter ihres Lebensraums mit zerfleddertem Altpapier voll, füllen überquellende Schränke mit Banderolen antiker und moderner Katzenfutterdosen, zimmern wöchentlich neue Regalwände für Hekatomben von Videokassetten, wühlen in Aschentonnen sogenannter »Prominenter« nach gebrauchten Schneuztüchern, marschieren mit blauen Plastiksäcken ins Fußballstadion, um endlich eine komplette Serie von Südkurven-Eintrittskarten zusammenzubekommen, lassen englische Telephonzellen mittels Super-Guppy über den Ärmelkanal fliegen, kramen begierig unter einschlägigen Auer-Dult-Ladentischen nach blechernen Nazi-Abzeichen, betonieren ganze Landstriche, um ihre Rolls-Royce- und Ferrari-Fuhrparks abzustellen, öffnen keinen Brief mehr (Marke und Stempel könnten beschädigt und damit wertlos werden!), investieren Millionen in die Restauration des Rasierpinsels von Kaiser Wilhelm, bilden Sammellager für luftdicht verpackte Fix-&-Foxi-Hefte, horten in Gips gegossene Fußabdrücke von Amsel, Drossel, Fink und Star oder sind (auch das gibt es) in einem finalen Exzeß von Sammelwahn einfach überhaupt nicht mehr in der Lage, irgend etwas wegzuwerfen, und lassen sich schließlich vor laufender RTL-Kamera von Polizei und Gerichtsvollzieher unter gellendem Geschrei aus der stinkenden Müllhalde tragen und in die geschlossene Abteilung sperren.

Was die Leute mit dem zusammengetragenen Zivilisationsabfall anfangen wollen, bleibt ein tiefes, dunkles Rätsel. Das meiste von dem Zeug darf man nicht berühren, weil es sonst hundert Jahre eher zerfällt, vieles darf man nicht mal ansehen, weil Licht entscheidende Pigmente verletzt und für frühe Verwitterung sorgt, und nicht weniges Sammelgut wird überhaupt generell geheimgehalten, weil sonst die Ordnungshüter anmarschieren und die umfangreiche Kollektion von Nazi-Devotionalien dahin verschaffen, wo sie hingehört: in den Müllverbrennungsofen.

Nein, es steckt etwas Sublimeres hinter dem Hortungszwang; etwas, was die Grenzen des eigenen Lebens aufzeigt und zugleich überwindet und transzendiert. Man könnte meinen, die Sammler meinen, früher sei alles besser gewesen. Das stimmt aber nur zum Teil: Auch heute wäre alles besser, wenn wir nicht soviel von unserer knapp bemessenen Zeit mit nutzloser Arbeit, nutzloser Fernsehunterhaltung und nutzloser Fortbewegung zwischen beiden Tätigkeiten verschwenden müßten. Dann hätten wir Zeit, die vielen kleinen Dinge zu sehen, zu berühren, zu genießen, die wir unter den herrschenden Umständen immer nur anschaffen, verpacken und lagern können, um »später irgendwann« in einer ruhigen Stunde irgendwas damit zu tun. Dann müßte man keine Postkarten von bayerischen Landschaften um die Jahrhundertwende sammeln, weil die Landschaften immer noch so aussähen und man das (mangels U-Bahn) auch täglich zu Gesicht bekäme. Dann könnte man sich in Ruhe seine Lieblingsplatte anhören und müßte nicht ständig neue heranschaffen, die angeblich mindestens ebenso wichtig sind, die man sich aber nie anhören kann, weil weil weil. Dann könnten einem auch die prominenten Autogrammmaschinen herzlich Wurst sein, die man jetzt so sehr um ihr schlaues Faulenzerleben beneidet, weil das eigene Leben mindestens ebenso schön wäre.

Und so weiter. Aber so vernünftig (und faul) ist der Mensch nun mal nicht, also wird er die Welt, die er sich so schön untertan gemacht hat, auch in Zukunft nicht erleben, sondern nur Sammlungen von Hinweisen darauf in seinen Kellern horten. Und wir wenigen, die den ganzen Schwindel durchschauen, werden auch in Zukunft ohnmächtig danebenstehen und uns die soeben erworbene Schokoladentafel aus der Hand reißen lassen: »Sie wollen das doch nicht etwa ESSEN? Das ist eine Original 1999er Serie-C16-Tafel mit intaktem Farbcode im Falz! Die wird einmal UNGEHEUER VIEL wert sein!« Nehmen wir es hin, es läßt sich nicht ändern.

Ach übrigens, dies nur am Rande: Wenn einer meiner Leser zufällig die Jahrgänge 1973 und 1974 der Zeitschrift POP besitzt, möge er sich bitte dringend bei mir melden! Bitte bitte! Ich will sie ja gar nicht besitzen, noch nicht einmal lesen, nur betrachten und sicher sein, daß es sie noch gibt! Ähem (leichtes Erröten).


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