Der Text entstand Anfang August 1998 und erschien im Juli 1999 als Folge der "Belästigungen". Leicht verändert und um wenige gekürzte Stellen erweitert stand er dann in diesem Buch:

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
in Band 2:

Wir gegen die Welt (den Rest sowieso)

Das große Vergessen im täglichen Dung

The Great Rock'n'Uhl Swindle

Moral, Größe und so weiter - ein kurzer Abriß für Außerirdische

Viel Buch um nichts

Heavy-Metal-Wände und fliegende Telephonzellen - oder: Die Müllhalden der Alltagskultur

Birth! School! Work! Urlaub! Death!

Von Kiosk zu Kiosk (und andere urdeutsche Bräuche)

Sex! Gewalt! Geld! Kapitalismus! (Wählen Sie selbst)

Europäisch wählen, österreichisch denken

Der große Kommunikator

Romane, Würste und blanker Neid

Ausländer raus aus der Zukunft!

Deutsche Sprache: vom Einzelschuß zur Feuerwalze

Rumms! Zack! Weg damit! oder: Wettbewerb für Anfänger

Gegen Trottelverdrossenheit: tüchtig einräumen!

Quaddeln, Quatsch und Scheiße für zwischendurch

Modern? Konservativ? Jedenfalls: alles egal!

Nur Feiglinge schwimmen gegen den Strom oder: Toleranz im Handwaschbecken

Alles muß raus (der Mensch zuerst)!

Den Ude gibt's, das Internet nicht

Bruder Nazi, Schwester Kuh

Sommerliches Fegefeuer der Eitelkeiten

Schafft fünf, acht, viele Stadien!

Wenn hier etwas geht, sind wir das!

Der Zorn des Herrenmenschen

Europa rettet die Kultur

Störfall Genuß

Lifestyle 2000: Weniger ist mehr

Dicker Lärm und rote Schweine

Belästigungen 1

Belästigungen 3

Belästigungen 4

Birth! School! Work! Urlaub! Death!

»Arbeit! Arbeit! Arbeit!« Ich kann es nicht mehr hören, das Mantra der neunziger Jahre. Natürlich, Arbeit war schon länger ein Lieblingsthema der Schwatzschreiber: Man verband es mit interessanten Wörtern wie Zwangs-, -erklasse, -ssucht, -sscheu, stellte ihm schöne Adjektive wie sinnvolle, gute, erfüllende, interessante usw. voran und hatte viele prima Diskussionsthemen, wenn sonst nichts zu tun war. Jetzt gibt es nur noch eine Abwandlung, die neben dem nackten »Arbeit!« Bestand hat: Arbeitslosigkeit (übrigens haben die Deutschen auch in den frühen und mittleren dreißiger Jahren so ausgiebig über diese beiden Begriffe geschwafelt, daß sie beinahe den Weltkrieg verpaßt hätten, in den sie von ihrem Führer hinterrücks und -hältig gestoßen wurden).

Über kaum ein Thema sind so viele Un- und Halbwahrheiten, Verdrehungen und Verrenkungen im Umlauf wie über die Arbeitslosigkeit, und das liegt beileibe nicht nur daran, daß berufsmäßige Dummschwätzer und Gasköpfe wie Herr Henkel sich bei jeder Gelegenheit bemühen, soviel von ihren Blöd- und Frechheiten wie möglich gedruckt und/oder gesendet zu kriegen. Sondern auch daran, daß so viele von uns den ganzen Krampf einfach glauben oder zumindest nachplappern. Da sollten wir ein paar Dinge doch mal klarstellen:

1. »Arbeitslose liegen uns allen auf der Tasche.« Stimmt. Und zwar liegt uns ein Arbeitsloser, der ein paar Monate lang 1.500 Mark Arbeitslosengeld bekommt, für die paar Monate mit genau 1.500 Mark auf der Tasche. Doch wissen wir alle: Jeder Entlassene steigert den Gewinn und den Aktienwert des Unternehmens, das ihn entsorgt hat. Die Milliardenbeträge, die auf diese Art entstehen, verdankt das Unternehmen also den Arbeitslosen. Ein vernünftiger Staat nimmt dem Unternehmen (bzw. den Leuten, die das Geld einschieben) einen Teil davon wieder weg. Das nennt man Steuer. Daß unser Staat das nicht tut, dafür können die Arbeitslosen nichts.

Und außerdem: Auf unseren Taschen liegen nicht nur die Arbeitslosen, sondern auch die Leute, die dem Staat Geld leihen. Das sind meistens sehr große Beträge, und die Zinsen sind auch nicht unerheblich. Peilen wir mal über den Daumen: Ein Darlehen von zehn Millionen Mark bringt vielleicht 500.000 Mark im Jahr. Das sind ungefähr 40.000 Mark im Monat. Die müssen wir ebenso aus der belegten Tasche bezahlen wie den Klacks von 1.500 Mark an den normalen Arbeitslosen.

2. »Arbeitslose wollen nicht arbeiten.« Das mag stimmen, solange man die Aussage auf die Leute beschränkt, die lieber dem Staat zehn Millionen Mark leihen, als am Fließband zu stehen. Es mag auch sein, daß nicht jeder 54jährige Diplomingenieur mit Frau und zwei Kindern große Lust hat, eine Anfahrtszeit von vier Stunden in Kauf zu nehmen, um im Zonenrandgebiet Kaugummis vom Gehsteig zu kratzen oder in Kasperluniform »Womit kann ich Ihnen dienen?« zu sagen. Das eigentliche Problem ist jedoch, daß vor allem die nicht arbeiten wollen, die es täglich tun müssen. Deshalb sind sie neidisch auf die Bedauernswerten, die ihren beunterhemdeten Bierbauch vom Fensterbrett hängen, durch die Bierflasche in einen trüben Tag starren und nichts lieber täten als arbeiten. Die sollen dann wenigstens von Amts wegen so viel gepiesackt, überwacht und kurzgehalten werden wie nur möglich, damit sie spüren, was wir anderen auf uns nehmen, um ihr eitles Herumgegammel zu finanzieren.

3. »Arbeitslose sind nutzlos.« Klar. Ebenso nutzlos wie Kunst, Literatur und andere schöne Sachen. Daß neunzig Prozent aller Dichter keine Zeile von dem Zeug geschrieben hätten, das wir einst als Strafaufgabe auswendig lernen mußten, wenn man sie rechtzeitig in die Fabrik getrieben hätte, steht jedoch auf demselben Blatt. Gleiches gilt für Maler, Bildhauer, selbst Schauspieler: alles arbeitsscheues Gesindel, das sich partout weigert, ins Bergwerk einzufahren, auf den Müllwagen aufzuspringen, Spargel zu stechen oder Staub zu fegen. Im übrigen sollte es einen Gedanken wert sein, was aus den kümmerlichen Resten von Atmosphäre, Grünzeug, Wasser und anderen Natur-Rudimenten außerhalb unserer Wohn- und Schuftmaschinen würde, wenn sich jeder im »wirtschaftlichen« Sinne nützlich machte: ein einziger irreparabler Haufen stinkender Dreck.

4. »Arbeitslose wollen nichts leisten.« Was Leistung ist, lernen wir von der FDP: Wer am meisten Geld hat, hat am meisten geleistet, posaunen Figuren wie »Westerwelle« und seine androide Gebetsmühle von Parteivorsitzendem in alle Welt. Deshalb muß man nicht nur »Leistungseliten gezielt fördern« (H. Kohl selig), man darf auch denen, die am meisten Geld haben, nur möglichst wenig (am besten gar nichts) von ihrem Geld wegnehmen. Sonst wollen sie nämlich nichts mehr leisten. Daß die wenigsten »normalen« Arbeitslosen über ein Millionenvermögen verfügen und daher gar nichts Nennenswertes leisten können, wissen die braungebrannten Grußauguste der Großverdiener natürlich auch. Aber sagen dürfen und wollen sie es nicht. Statt dessen freuen sie sich, wenn jedes Jahr festgestellt werden kann, daß sich das Vermögen der ungefähr 300 Milliardäre verdoppelt hat (was es in letzter Zeit tatsächlich jedes Jahr tut).

Da sich die Philosophen heutzutage vor allem Gedanken über die wirtschaftliche Verwertbarkeit ihrer, ähem, Arbeit machen, müssen wir schon ein paar Jahre zurückschauen, um einen vernünftigen Gedanken zum Thema zu finden. Die Personen, die am aufgeregtesten sind sich mit praktischen Dingen zu beschäftigen, oder was man in der gelehrten Welt jetzt arbeiten nennt, sind die, die am wenigsten Unterhaltung in sich selbst finden. Bei ihnen ist immer der Stoß von außen nötig, sagt uns der große Georg Christoph Lichtenberg , der für diese Feststellung auch eine passende Zusammenfassung parat hat: Ora & non labora.

Was heißt: Wer so wahnsinnig scharf auf Arbeit ist, daß ihm das Leben ansonsten gar nichts ist, dem fehlt es offenbar an sinnvollen Interessen und Beschäftigungen. Das ist keine Schande, aber auch nicht ganz natürlich. Und ein Grund für besonderen Stolz schon gar nicht, schließlich verdanken wir den bedauernswerten Arbeitskranken nicht nur neunzig Prozent aller heute bekannten Zivilisationskrankheiten, sondern auch fast alles, was unser Leben so unerträglich macht, daß wir uns fast Arbeitsplätze wünschen möchten, um ihm zu entgehen: Fabriken, Autos, Schlote, Ruhrgebiete, Reklame, Plastik, Atombomben, Stahlbeton, Lärm, Staub, Gas, Smog und stinkende Flüsse voller aufgequollener Fisch- und Leistungsverweigerersuizidleichen. Grund genug, Lichtenbergs Maxime zu beherzigen: »Ora« nämlich ist keine Aufforderung zum Gebet (wie uns geschäftstüchtige Mönche seit Urzeiten einreden wollen), sondern bedeutet ganz schlicht: sprich. Und obwohl wir wissen, wieviel Krampf zumal in Bayern und im Privatfernsehen sowieso schon zusammengeschwätzt wird, ist uns das doch allemal lieber als das Kreischen und Dröhnen des industriellen Kollektivselbstmords.

Fazit: Arbeiten ist dumm, schlecht, schädlich und führt am Ende auch noch zur Urlaubsreife. Diesen unerfreu-lichen Zustand kennen wir alle - auch die Arbeitslosen, denn Nichtstun macht seltsamerweise noch mehr urlaubsreif als Schuften, so daß es uns gar nicht mehr wundert, daß die Jet-Set-Bande das ganze Jahr lang um den Globus braust und düst, von einer Yacht zur nächsten Gala, von dieser Vernissage zu jener Villa. »Erholen« will man sich, und weil wir alle als Kinder brav »Professor Prima zeigt euch die Welt« und das Micky-Maus-Magazin gelesen haben, wissen wir auch, wo man das am besten kann: im ganz weit entfernten Ausland (nur aussehen soll es dort wie daheim, und sprechen sollten die dortigen Ausländer am besten auch nicht ihr Hottentotten-Gequake, sondern möglichst deutsches Deutsch).

Wer käme schon auf die Idee, sich am Starnberger See die Sonne auf die melanomgesprenkelte Wampe knallen zu lassen, wenn er selbige Tätigkeit auch in Gefilde verlegen kann, die es ihm ermöglichen, schon Monate vor-her den ganzen Bürotrakt mit Auskünften wie »Heia fahri in d' Dominikanische!« zu terrorisieren? Wer stellt sich schon den Bierkasten neben den eigenen Gartenstuhl, wenn es ihm moderne Technik und globale Wirtschaft ermöglichen, auch in Neuseeland Münchner Bier zu pressen und per Weltempfänger »Heute im Stadion« zu hören? Übrigens muß man auch auf seinen Ruf achten: Wenn mich jemand fragt, wo ich meinen Jahresurlaub zu verbringen gedenke, und ich sage unbedachterweise: im wunderschönen Ligurien, so ist die Folge blankes Entsetzen. »So schlecht geht es euch?«

Also läßt man zum ersehnten Termin alles liegen und stehen, stürzt sich in die irrgewordene Konsumenten-masse, die von Geschäft zu Geschäft rast, um die notwendigen Mengen Sonnencreme und Insektenvernichtungsmittel zu beschaffen, reiht sich in Schlangen schwitzender Herzinfarktkandidaten in überquellenden Last-Minute-Reisebüros, schiebt sich in einer dröhnenden Blechlawine zum wimmelnden Flughafen, quetscht sich in stinkende Billigflugzeuge, nimmt in jedem Luftloch am kollektiven Tomatensaftkotzen teil, schleppt den nicht in falsche Kontinente verflogenen Teil der redundanten Kofferberge zu schrottreifen Leihautos, sperrt sich in streichholzgroße Zellen in Betonsilos an infernalisch übervölkerten Stränden, an die ein Gemisch aus Scheiße, Erdöl, Fischverwesung und Salzwasser schwappt, bekommt einen Nervenzusammenbruch, weil aus der ver-rosteten Dusche nur ein bißchen kalter Urin kommt, legt sich auf einen Balkon mit Blick auf verfallende Ölraffinerien und Chemiefabriken, liest in zwei Wochen vierzig Bastei-Heftromane, während man sich von der am ersten Abend erlittenen Fisch- oder Wurstvergiftung erholt, quält sich endlich wieder zum Flughafen, sitzt dort zwei Tage Verspätung im eigenen Schweißsud ab, wird sechs Stunden vor Arbeitsantritt mit Bahre und Infusion vom Rollfeld getragen, stellt fest, daß das neben dem ausverkauften Parkhaus zurückgelassene Auto längst gebührenpflichtig abgeschleppt und inzwischen wahrscheinlich verschrottet ist, zahlt hundert Mark fürs Taxi nach Hause, wo man dann vor einem tiefen Krater steht, weil man doch vergessen hat, das Gas abzudrehen.

Und hat am Ende nur noch eines im Sinn: »Arbeit! Arbeit! Arbeit!« Schon ungemein sinnvoll, unsere Welt!


e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer