Geschrieben am Vormittag meines 36. Geburtstages, gekürzt erschienen im August 1999. Um gekürzte Stellen und notwendige Fußnoten erweitert stand der Text dann in diesem Buch:

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
in Band 2:

Wir gegen die Welt (den Rest sowieso)

Das große Vergessen im täglichen Dung

The Great Rock'n'Uhl Swindle

Moral, Größe und so weiter - ein kurzer Abriß für Außerirdische

Viel Buch um nichts

Heavy-Metal-Wände und fliegende Telephonzellen - oder: Die Müllhalden der Alltagskultur

Birth! School! Work! Urlaub! Death!

Von Kiosk zu Kiosk (und andere urdeutsche Bräuche)

Sex! Gewalt! Geld! Kapitalismus! (Wählen Sie selbst)

Europäisch wählen, österreichisch denken

Der große Kommunikator

Romane, Würste und blanker Neid

Ausländer raus aus der Zukunft!

Deutsche Sprache: vom Einzelschuß zur Feuerwalze

Rumms! Zack! Weg damit! oder: Wettbewerb für Anfänger

Gegen Trottelverdrossenheit: tüchtig einräumen!

Quaddeln, Quatsch und Scheiße für zwischendurch

Modern? Konservativ? Jedenfalls: alles egal!

Nur Feiglinge schwimmen gegen den Strom oder: Toleranz im Handwaschbecken

Alles muß raus (der Mensch zuerst)!

Den Ude gibt's, das Internet nicht

Bruder Nazi, Schwester Kuh

Sommerliches Fegefeuer der Eitelkeiten

Schafft fünf, acht, viele Stadien!

Wenn hier etwas geht, sind wir das!

Der Zorn des Herrenmenschen

Europa rettet die Kultur

Störfall Genuß

Lifestyle 2000: Weniger ist mehr

Dicker Lärm und rote Schweine

Belästigungen 1

Belästigungen 3

Belästigungen 4

Von Kiosk zu Kiosk
(und andere urdeutsche Bräuche)

Wer mit offenen Augen durchs Leben bzw. durch München fährt, hat immer was zu lachen. Gerade eben ist mir zum Beispiel beim Radeln der Slogan Skate for your rights! ins Auge gefallen, und schon liege ich zuckend und kichernd am Straßenrand (zum Glück fahren durch den Englischen Garten nur Busse, und die kommen eh immer zu spät) - weil die Vorstellung, wie zum Beispiel zehntausend entrechtete Nigerianer auf ihren Rollbrettern im Kreis um den ESSO-Konzern herumbrausen, um das Menschenrecht zu erkämpfen - diese Vorstellung ist einfach zu gut. Andererseits: wenn die Sache im Praxisversuch eine gewisse Effektivität erweist, sollte man sie im Auge behalten. Man mag gegen die freizeitsportelnden Herden sagen, was man will - angenehmer als die marodierenden Rotten gewöhnlicher, schwerbewaffneter Rechteerkämpfer sind sie allemal, zumindest solange man keinen Fuß vor die Tür setzt.

Tut man das doch, begegnet man zur vorliegenden Jahreszeit vor allem Ausflüglern. Und denkt sich: Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Mag sein. Aber Fahren verändert das Bewußtsein. Zu dieser Feststellung gelangt man unweigerlich, wenn man einen Blick auf die deutsche Ausflugskultur wirft. Zunächst eine kurze Definition: Ein Ausflug ist (der Tradition nach) das, was stattfindet, wenn es gelingt, Papi am Sonntag sowohl vom nachmittäglichen Bierfernsehen als auch vom Autowaschen abzuhalten (also etwas höchst Seltenes). Früher hatte darum ein anständiger Ausflug auch mindestens eine dieser beiden Komponenten zu enthalten, am besten beide: Familie Mustermann fuhr dann im Käfer an einen See, wo Papi erst mal das Altöl abließ, um sich sodann der umfassenden und möglichst chemischen Reinigung des Schnauferls zu widmen, dazu einen mitgebrachten Kasten Bier zu leeren und die umliegende Landschaft mit Bayern 3 zu beschallen. Mami saß derweil auf dem Vordersitz und löste Kreuzworträtsel, während die Kinder ins Grüne und Braune ausschwärmten, giftige Pilze aßen, gebrauchte Kondome fanden und aufbliesen, sich die Zungen mit Kunstspeiseeis färbten und gelegentlich ein bißchen ertranken oder sich im Wald verirrten.

Damals gab es auch noch keine Grünen. Für Außenstehende: Die Grünen (die sich aus unerfindlichen Gründen manchmal auch »Bündnis 90« nennen, vielleicht weil man dabei sofort an »Strahler 80« denken muß) sind unter den lustigen deutschen Parteien eine ganz besonders lustige. Bei ihrem ersten Erscheinen trugen sie allesamt Matten vor der Brust (die Männer Bärte, die Frauen Stricklappen) und waren ganz entschieden gegen Umweltzerstörung, Atomkraft, Krieg und alle möglichen Unterdrückungen und Diskriminierungen. Heute sehen die Grünen aus wie die FDP, reden wie die FDP, führen sich auf wie die FDP und haben deshalb in der momentan amtierenden Kohl-Kinkel-Imitationsregierung auch die Rolle der FDP übernommen; daher fragen sich auch nur noch die beiden Dörrpilze Westerwelle und Gerhardt, wieso sie eigentlich die beiden einzigen verbliebenen Mitglieder in der Original-FDP sind, abgesehen von Frau Schnarrenheuser-Sowieso (die ab und zu in eine WDR-Kamera hinein dem Liberalismus hinterherweinen darf), Hans-Dietrich »Meine Ohren sind so groß, weil ich durch die Nase seit dreißig Jahren nicht mehr atmen kann« Genschman und Otto Lambsdorff, der nur deswegen nicht im Gefängnis sitzt, weil er jede zweite Woche im Phrasencircus der gebleichten Heuschrecke Sabine »Ich bin blond, bitte helfen Sie mir ins Gespräch!« Christiansen auftreten muß. Aber FDP beiseite, wir waren bei den Grünen und den Ausflüglern.

Und weil es heute die Grünen gibt, ist alles, was dazumal zu einem Ausflug dazugehörte, zum Glück verboten oder wenigstens verpönt: Mit dem Auto fährt niemand mehr an einen See (sondern in die Waschanlage, deren Abfluß dann in den See mündet), sein Altöl kippt man entweder in einen Gulli oder ins stadtnahe Biotop, Bayern 3 hält niemand mehr aus, Mami ist emanzipiert und fit for fun, Kunstspeiseeis ist abgeschafft, giftige Pilze sind ausgestorben, die Kinder hocken am Computer, und der Wald ist tot.

Nur der gewöhnliche Blödmensch und seine Bedürfnisse haben sich eigentlich nicht geändert. Da man Ausflüge heutzutage am besten per Fahrrad unternimmt (während die Grünen republikweit in bombensicheren Staatskarossen über die linken Spuren der verhaßten Autobahnen brettern), verwandelt sich der alte Drahtesel immer mehr in eine Art unmotorisiertes Auto auf zwei Rädern: Möglichst schnell muß es sein, und die Sitzhaltung, die man beim Fahren einzunehmen hat, ist dermaßen auf Aerodynamik ausgerichtet, daß man beim Vorbeirasen von der durchquerten Landschaft nur noch die zu dünnen Lederlappen geplätteten Schnecken und Kröten mitbekommt.

Solcherart entfremdet, dazu noch gekleidet wie Kunstspeiseeis (wahrscheinlich ein nostalgischer Reflex), eilt man Ausflugsgaststätten entgegen, wo einem dann der Eintritt verweigert wird (»Haben Sie doch Verständnis! So, wie Sie aussehen!«), weshalb man sich erneut auf die Rennstrecke verfügt und endlich an einem jener meist in der Nähe einer S-Bahnstation gelegenen Hüttchen landet, wo es warmes Bier, Jägermeister und die »Praline« gibt, wo man seinesgleichen trifft, an die Rückwand pinkelt und mal ordentlich Erfahrungsaustausch betreiben kann.

Um diese »Kiosk«-Hüttchen sammelt sich nämlich neben jenen, die den Ausflug schon hinter sich haben, auch ein wimmelnder Pulk bestens ausgerüsteter Ausflügler schon vor Beginn der Sache und diskutiert bei Dose und Dauerbreze erstrebenswerte Ziele und günstige Strecken:

»Wenn wir hier durchstoßen, sind wir in Nullkommanix bei der Raststätte, wo es die guten Pommes gibt.«

»Schneller geht es aber übers Autobahnkreuz!«

»Stimmt, und da können wir unterwegs noch eine Wurst essen.«

Sehr häufig fällt in unseren Breiten in diesem Zusammenhang der Begriff »Schaftlach«, ohne daß mir je ein Mensch erklären konnte, wozu das nun wieder gut sein soll.

»Wo fahren Sie denn hin?« fragte mich hingegen unlängst ein offensichtlich von seiner Familie unterwegs abgehängter (oder ausgesetzter?) Ausflügler an einem solchen Kiosk, in dessen Nähe ich mich unvorsichtigerweise begeben hatte, um Zigaretten zu kaufen. Als ich wahrheitsgemäß antwortete, ich führe nur »so rum«, glotzte er mich an wie einen gefährlichen Irrsinnigen und entfernte sich unauffällig. Seine Kumpels gönnten sich zur Krönung ihres soeben im Einklang abgeschlossenen Disputs über die Asylantenproblematik noch einen Underberg und sahen blicklos in die langsam hinter einer namenlosen Restbaumreihe versinkende Sonne; die zerfledderten Ausflugskarten hingen ihnen aus den Hosentaschen, und alle hatten vor allem einen Kommentar auf den Lippen: »Jo mei.« Vielleicht meinten sie damit ihre von Bier und Schnaps zu prallen Melonen angeschwollenen Vorbäuche, ich habe nicht nachgefragt, da der Zustand der Ausflüglergemeinde eine verständliche Antwort nicht erwarten ließ.

Auch das nämlich hat sich nicht geändert: Der Konsum von Getränken ist nicht nur am Kiosk, sondern überhaupt eines der wichtigsten Ausflugsziele. Ich weiß sogar von einem Mann, dem es seit vielen Jahren gelingt, seiner Frau jeden Sonntagvormittag weiszumachen, er begebe sich nun zur Kampenwand. Wenn die geplagte Frau wüßte, daß es sich bei »Zur Kampenwand« um eine nicht eben gut beleumundete Giesinger Gaststätte handelt, müßte sie sich schon lange nicht mehr über den Zustand wundern, in dem sich ihr Mann jeden Sonntagabend nach Hause schleppt (sofern das nicht andere für ihn tun).

Wie konnte es zu einem solchen Wahnsinn kommen? fragt sich der verzweifelte Historiker deutscher Irrwitzigkeiten. Erfunden hat den Ausflug (da haben wir's mal wieder:) das Handwerk. Wer in früheren Zeiten Geselle war und Meister werden wollte, unterlag seit dem späten 15. Jahrhundert der »Wanderpflicht« und mußte mindestens ein Jahr lang von Kiosk zu Kiosk ziehen (Arbeitsämter waren noch nicht erfunden), um sich die »Einschänke« geben zu lassen und sich mit der »Ausschänke« oder dem »Feldtrunk« wieder zu verabschieden. Aus dem späten 18. Jahrhundert vermeldet der Kulturhistoriker Johannes Scherr Verwunderliches: Auf dem Lustschloß Ettersburg bei Weimar habe ein beständiges Kommen und Gehen von wandernden ›Genies‹ geherrscht, die oft in einem Aufzug zu Weimars Toren einzogen, der es nötig gemacht haben soll, daß des Herzogs Schatzmeister in seine Rechnungen eine stehende Rubrik einführte, die mit den an deutsche Genies ausgeteilten Hosen, Westen, Strümpfen und Schuhen ausgefüllt war.

Mit anderen Worten: Die Goethe-Kumpels erfanden den Nacktausflug, der sich heute jedoch keiner großen Beliebtheit mehr erfreut (was sicherlich nicht daran liegt, daß die Brüder Stolberg zu jener Zeit von Züricher Bauern fast gesteinigt worden wären, als sie sich in ihrem Natur- und Bad-Enthusiasmus bei hellem Tage nackt am Ufer der Sihl umherjagten, denn solches wiederum tut man durchaus noch). Möglicherweise ist der Brauch des unbekleideten Ausflugs darauf zurückzuführen, daß in den damals noch nicht so lichten Wäldern die bärtigen Banden des »bayerischen Hiasl« Matthias Klostermaier und anderer Räuberhauptmänner sich tummelten und auf ausnehmenswürdige Durchreisende lauerten.

Wiederum ein halbes Jahrhundert später zogen studentische Burschenschaften unter Anleitung eines wohl nur in Deutschland denkbaren »Turnvater Jahn« durch die Lande und gerieten bei ihren Ausflügen so in Fahrt, daß sie auch gleich noch Freiheit und alle möglichen Rechte forderten - und, hoppla, das kennen wir doch irgendwoher! So schließt sich der Kreis zu den Skatern, und während wir uns ganz Deutschland als spitzwegsche Wandergesellschaft unter dem per Standarte vorausgetragenen Motto »Ausflug for your rights!« vorstellen, wälzen wir uns schon wieder kichernd am Boden und fragen uns, wann endlich im Olympiastadion das erste »Lokalderby for your rights!« stattfindet. Das sei undenkbar? Dazu sage ich nur: 1938 heiratete in Irland eine Frau aus Versehen den Taxifahrer, der sie in die Kirche gefahren hatte. Die Ehe wurde nach wenigen Minuten geschieden und die Braut ein zweites Mal verheiratet. Denkbar ist alles.


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