Geschrieben Anfang Februar 2000, gedruckt im März 2000; um gekürzte Stellen und Fußnoten erweitert stand der Text dann in diesem Buch:

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
in Band 2:

Wir gegen die Welt (den Rest sowieso)

Das große Vergessen im täglichen Dung

The Great Rock'n'Uhl Swindle

Moral, Größe und so weiter - ein kurzer Abriß für Außerirdische

Viel Buch um nichts

Heavy-Metal-Wände und fliegende Telephonzellen - oder: Die Müllhalden der Alltagskultur

Birth! School! Work! Urlaub! Death!

Von Kiosk zu Kiosk (und andere urdeutsche Bräuche)

Sex! Gewalt! Geld! Kapitalismus! (Wählen Sie selbst)

Europäisch wählen, österreichisch denken

Der große Kommunikator

Romane, Würste und blanker Neid

Ausländer raus aus der Zukunft!

Deutsche Sprache: vom Einzelschuß zur Feuerwalze

Rumms! Zack! Weg damit! oder: Wettbewerb für Anfänger

Gegen Trottelverdrossenheit: tüchtig einräumen!

Quaddeln, Quatsch und Scheiße für zwischendurch

Modern? Konservativ? Jedenfalls: alles egal!

Nur Feiglinge schwimmen gegen den Strom oder: Toleranz im Handwaschbecken

Alles muß raus (der Mensch zuerst)!

Den Ude gibt's, das Internet nicht

Bruder Nazi, Schwester Kuh

Sommerliches Fegefeuer der Eitelkeiten

Schafft fünf, acht, viele Stadien!

Wenn hier etwas geht, sind wir das!

Der Zorn des Herrenmenschen

Europa rettet die Kultur

Störfall Genuß

Lifestyle 2000: Weniger ist mehr

Dicker Lärm und rote Schweine

Belästigungen 1

Belästigungen 3

Belästigungen 4

Rumms! Zack! Weg damit! oder: Wettbewerb für Anfänger

»Das ist die typische SPD-Einstellung!« pflegte einer meiner nettesten Lehrer zu, ähem, sagen, wenn mal wieder schulisches Eigentum versehentlich unserem jugendlichen Amüsiereifer zum Opfer gefallen war: »Was mir nicht gehört, das mach ich kaputt!« Die übliche Antwort war: »Nein, das ist die typische FDP-Einstellung: Was nicht MIR gehört, das mach ich kaputt!«

Aber irgendwie kriegen wir da jetzt die CSU nicht hinein; außerdem spielt die Parteienzugehörigkeit in Zeiten des totalitären Kapitalismus auch gar keine Rolle. »Entscheidend ist« (Werner Lorant), daß man vor den Dingen keinen Respekt mehr hat. Weg damit! rufen wir frohgemut und pfeffern die gerade erst für teures Geld angeschafften Konsumartikel in die nächst-beste Ecke. Wenn zufällig gerade noch ein Mensch drinsitzt - um so besser! Wir sind nicht hier, um uns anöden zu lassen!

Das ist auch alles kein Wunder, denn die Dinge sind nichts mehr wert. Zum Beispiel das Ding, auf dem ich gerade diese Zeilen schreibe: Kein Mensch wäre vor hundert Jahren auf die Idee gekommen, sich um einen halben Monatslohn ein Gerät anzuschaffen, von dem man weiß, daß es in drei Wochen veraltet, in einem Jahr nicht mehr kompatibel und in drei Jahren sowieso Schrott sein wird. Zum Beispiel das Zeug, das Millionen fröhliche Konsumenten in Deutschland Tag für Tag in sich hineinschieben: Niemand hätte vor hundert Jahren im Traum daran gedacht, sich einen dank Glutamat und Plastikaroma notfalls verzehrbaren Haufen Dreck in bunter Packung als »Fertiggericht« andrehen zu lassen (es sei denn, man billigte dem Wort »Fertiggericht« einen schwarzhumorigen Doppelsinn zu - was es nicht erstrebenswerter klingen ließe). So was gab es höchstens in Armenhäusern und Gefängnissen, und selbst da waren die Kartoffeln nicht »gefriergetrocknet«.

Das Fertiggericht ist ein ebenso gutes Beispiel wie der Computer, und beide zusammen erklären uns die Welt noch besser als Professor Prima: Um mehr Profit aus einer Sache rauszuholen (was unbedingt sein muß, weil der Kapitalismus sonst sinnlos ist), kann man sie entweder schlechter machen (indem man zur Herstellung nur noch Müll verwendet) oder billiger (indem man den Herstellern den »Lohn« kürzt) oder kurzlebiger - indem man sie pausenlos »verbessert« und/oder immer neue Selbstzerstörungsmechanismen einbaut. Jeder kennt die Verschwörungstheorien über Glühbirnen und Seidenstrumpfhosen - die einen gehen so schnell kaputt, weil sie nur für 219 Volt gebaut sind, durch unsere Leitungen aber nun mal 220 von dem Zeug fließen. Und für die anderen gibt es längst ein Rezept, wie sie ewig halten, aber das hält der Welt größter Seidenstrumpfhosenhersteller unter Verschluß.

Beides ist natürlich irgendwie schwachsinnig, aber unbestreitbar bleibt: Unter dem paradiesischen, vernunftgebärenden Regime des Kapitalismus sind die Menschen dazu übergegangen, aus Dreck, Müll und Unrat immer billigeren Dreck, Müll und Unrat zu produzieren, Milliarden in Reklame zu verkümmeln, damit den Dreck, Müll und Unrat einer kauft, flächendeckend unbezahlte Überstunden zu machen (die man nicht Sklavenarbeit nennen darf, weil Sklaven wenigstens mit Essen, Trinken und einem Schlafplatz entlohnt wurden) - und mit fanatischer Begeisterung Dreck, Müll und Unrat zu kaufen. Es gibt nur noch drei Sorten Äpfel, alle schmecken nach Styropor; Zwiebeln fliegt man aus Chile ein und bestrahlt sie radioaktiv, damit sie nicht verfaulen; Rinder, Hühner und Schweine werden millionenfach in stinkenden Fabriken getötet und entweder wegen ekelhafter neuer Seuchen sofort verbrannt oder zu minderwertigem Hackbrei verarbeitet, der in Fast-Food-Tankstellen nach zehn Minuten Liegezeit im Abfall landet ; Brot besteht aus Gips und Sägemehl, weil Getreide zu teuer ist. Buch-, Film- und Schallplatten-rezensionen werden im Minutentakt von Fließbandschreibern runtergetippt, die weder lesen noch Musik hören, sondern schon aus Zeitmangel nur ein paar Textbausteine aus den »Presseinfos« übernehmen, die sie auch noch selbst geschrieben haben; Romane werden von Lohnschreibern auf Bestellung verfaßt, als Haufen Druckfehler auf Klopapier gedruckt und landen nach drei Wochen in Ramschkisten, wo sie der Regen in Matsch verwandelt; Musik wird von BWL-Studenten nach auswendiggelernten Produktionsplänen aus billigen Versatzstücken (»brutale Riffs«, »treibende Grooves« und »Move your body to the music«-Stimm-Samples) fabriziert und von vollständig musikunkundigen Industrieangestellten haldenweise in Geschäfte gekarrt, von wo dann außer zufälligen »Megasellern« der ganze Plastikmüll wieder zurückgekarrt wird. Politische und sonstige »Meldungen« fließen unredigiert in windige Blättchen und idiotische News-Shows, wo sich niemand darum kümmert, daß die Hälfte davon gelogen und die andere Hälfte purer Unsinn ist, der gestern noch gegenteilig lautete. Ruckzuck hochgezogene Betonsilos, die nach zehn Jahren nicht mehr renovierbar sind, stellt man mit krebserregend gebeizten Preßspanmöbeln voll, von denen nach zwei Jahren das Plastikfurnier abplatzt; »Heimwerker« in giftig gefärbten Fernost-Billigklamotten verbringen ihre Wochenenden damit, sich mit Neunmarkneunundneunzig-Werkzeug die Hände abzusägen; und das Rasierwasser, das ich seit zehn Jahren benütze, bekomme ich seit acht Jahren nur noch auf Sonderbestellung mit vier Wochen Lieferzeit, und jedesmal muß ich mich fragen lassen, ob ich nicht doch mal eine dieser modernen Jux-Mischungen aus Spiritus, verfaulten Melonen und Kaugummiaroma probieren will.

Allüberall herrscht pure Effizienz. Und alles, was es gibt, tendiert dazu, immer schlechter zu werden - das ist kein nostalgischer Romantizismus (denn paradoxerweise war »früher« keineswegs alles besser), sondern eine zwangsläufig logische Folge der weltumspannenden Religion der Moderne: der Betriebswirtschaft.

Strumpfhosen hin oder her, es wäre problemlos möglich, gute Dinge herzustellen. Aber es rechnet sich nun mal nicht. Und rechnen muß sich alles, denn der, um den es bei der ganzen Produziererei in Wirklichkeit geht, ist keineswegs der Mensch, sondern das Geld, und zwar meist in abstrakter Form, als Konzern, Firma, Marke, »Dow Jones« oder Leitzins. Heere von zwangsidiotisierten Arbeitseseln verschwenden ihre Lebenszeit in lebensfeindlichen Produktionsstätten und sind auch noch stolz, wenn es Konzern oder Firma gut geht, wenn der »Dow Jones« »steigt« und der Leitzins »fest« oder sonst was ist. Ihre Kindern werden derweil in baufälligen Asbest-Schulen auf wirtschaftliches Denken gedrillt; wozu man notfalls Sprache und Schrift durch Einführung »reformierter« Rechtschreibungen primitivisiert und den ganzen Bildungsanhang von Platon bis Schopenhauer und von Käfer bis Primat gleich wegläßt, weil das Zeugs einem später »im Berufsleben« schließlich nichts bringt. Am Schluß sind dann alle blöd und können nur noch rackern. Das deutsche Fernsehen sendet viertelstündlich »Dax« und »Dow Jones« als eine Art Pulsschlag der entmenschten Gesellschaftsmaschine. Und das Geld wird immer mehr, ohne daß irgend jemand was davon hat.

Daran ist unser alter Freund, der Kapitalismus, schuld. Und wieder einmal ist nur der Mensch blöd genug, darauf reinzufallen. Zwar gibt es auch Tiere, die »arbeiten«, Esel in Tretmühlen zum Beispiel, oder Arbeitselefanten, von denen uns die liberalistische Propaganda schon als Vorschülern mitteilt, wie stolz und glücklich die seien und daß man die guten Dickhäuter schon nach kurzer Zeit nur noch ganz wenig schlagen und stechen müsse, damit sie guten Mutes ihrer Arbeit nachgehen und den Wohlstand steigern. Daß der für die meisten überhaupt nicht steigt, fällt auch nur dem Elefanten auf, der traurigen Blickes an seine Artgenossen denkt, die faul und müßig in der Sonne herumliegen.

Und dann kommt zu allem Überfluß auch noch eine Sozialdemokratie daher und verspricht uns mit großem Getöse die »Schaffung« von noch mehr Arbeitsplätzen, als wäre irgendwas Erfreuliches daran, wenn man zum Beispiel den Verbrechern der Welt erklärte, mit gemeinsamer Anstrengung könne es gelingen, noch mehr Gefängnisse und elektrische Stühle zu bauen.

Es muß aber so sein, denn etwas wert ist nur das, was man kaufen kann. Das wissen wir von Helmut Kohl und seinen Kumpanen, die auf ihr politisches Lebenswerk so stolz sind, weil es nicht nur käuflich war, sondern auch in reichlichem Maße nachgefragt und gekauft wurde. Schlichten Gemütern muß es ein Rätsel bleiben, wieso man den Kerlen jetzt genau das vorwirft. Käuflichkeit sei verwerflich? Das ist doch eine Einstellung von vorgestern! Damals galten Prostituierte - ohne daß ich mit dieser Feststellung eine persönliche Einschätzung verbinden möchte - als wenig ehrenhafte Bewohnerinnen einer schattigen Randzone der Gesellschaft; heute hängt in jedem dritten Bundeswehrsoldaten-Spind ein Bild von »Dolly Buster« oder einem ähnlichen Körpersaft-Unternehmen.

Käuflichkeit, einst verachtet, gar verboten, ist längst kein Makel mehr, im Gegenteil. Schließlich herrscht Wettbewerb, und der Wettbewerb ist alles, was gut ist. Unsere Münchner Hohlglanz-Glatze Alibert Wolf hat dazu auch ein hübsches Wort zu sagen: CDU und CSU stünden in einem »wettbewerblichen« Verhältnis, in dem sie sich gegenseitig »befruchten«, zahnte er kürzlich in die Kamera. Da wird sich schon was befruchten, denkt man, aber in Wahrheit hat der Wolf in seiner schlichten Art bloß den fundamentalen Zusammenhang zwischen Politik und Prostitution auf den Punkt gebracht.

Fassen wir kurz zusammen: Alles wird immer schlechter. Das ist prima so, denn das ist Wettbewerb. Und was noch nicht schlecht genug ist, das hauen wir notfalls auch selbst kaputt, wenn gerade kein Hooligan zur Hand ist. Und das ist keineswegs die typische SPD-Einstellung. Die haben die Sozis noch nicht mal erfunden.


e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer