Geschrieben, während einer tatsächlich schlimmen Phase der ein Dreivierteljahr lang anhaltenden Allergie, bis 3. April 2000, gedruckt im Mai 2000. Um gekürzte Stellen und Fußnoten erweitert stand der Text in diesem Buch:

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
in Band 2:

Wir gegen die Welt (den Rest sowieso)

Das große Vergessen im täglichen Dung

The Great Rock'n'Uhl Swindle

Moral, Größe und so weiter - ein kurzer Abriß für Außerirdische

Viel Buch um nichts

Heavy-Metal-Wände und fliegende Telephonzellen - oder: Die Müllhalden der Alltagskultur

Birth! School! Work! Urlaub! Death!

Von Kiosk zu Kiosk (und andere urdeutsche Bräuche)

Sex! Gewalt! Geld! Kapitalismus! (Wählen Sie selbst)

Europäisch wählen, österreichisch denken

Der große Kommunikator

Romane, Würste und blanker Neid

Ausländer raus aus der Zukunft!

Deutsche Sprache: vom Einzelschuß zur Feuerwalze

Rumms! Zack! Weg damit! oder: Wettbewerb für Anfänger

Gegen Trottelverdrossenheit: tüchtig einräumen!

Quaddeln, Quatsch und Scheiße für zwischendurch

Modern? Konservativ? Jedenfalls: alles egal!

Nur Feiglinge schwimmen gegen den Strom oder: Toleranz im Handwaschbecken

Alles muß raus (der Mensch zuerst)!

Den Ude gibt's, das Internet nicht

Bruder Nazi, Schwester Kuh

Sommerliches Fegefeuer der Eitelkeiten

Schafft fünf, acht, viele Stadien!

Wenn hier etwas geht, sind wir das!

Der Zorn des Herrenmenschen

Europa rettet die Kultur

Störfall Genuß

Lifestyle 2000: Weniger ist mehr

Dicker Lärm und rote Schweine

Belästigungen 1

Belästigungen 3

Belästigungen 4

Quaddeln, Quatsch und Scheiße für zwischendurch

»Was stellen Sie sich unter einer ›Website für zwischendurch‹ vor?« herrschte mich neulich an einem sonnigen Vormittag auf der Leopoldstraße ein marktforsches Pärchen an. Nichts, gestand ich, und schon hatte ich mir das Entsetzen der beiden Strahlgrinser eingefangen (von denen ich nur sie wirklich sah, weil er sein Auge in eine Videokamera quetschte, mit der er hektisch vor meinem Gesicht herumfuhrwerkte): »Und was machen Sie mit ihrer Fünfminutenpause?« plapperte sie mich entgeistert an.

Als ich daraufhin (schamhaft lächelnd) zugab, von »meiner Fünfminutenpause« nichts zu wissen und auch nichts wissen zu wollen, fror ihr Grinsen ein (was nicht sehr attraktiv aussieht, weshalb ich sonnenstudiogestählten Fun-Fressen dringend empfehle, immer einen Ersatz-Gesichtsausdruck dabeizuhaben). Offenbar löste meine unerwartete Reaktion bei ihr ein ähnliches Empfinden aus, wie wenn eine Kartoffelverkäuferin am Viktualienmarkt ganz plötzlich die Existenz der sechsten und siebten Dimension bemerkt.

Ich ließ sie stehen und schlenderte weiter, weil man solchen Leuten ohnehin nicht helfen kann und ich mir von ihrem Werbegefasel nicht den sonnigen Vormittag verderben lassen will. Aber da taumelte schon der nächste heran, diesmal allein und etwas ungelenk, weil er gleichzeitig gehen, in die Kamera starren und reden mußte (man nennt diesen profitbedingten Hang zur konfusen Polyaktivität glaube ich »Dynamik« - er wird immer nötiger, solange es dem Kapitalismus nicht gelingt, den Produktivitätszeitraum eines Tages auf dreißig Stunden zu erhöhen). »Können Sie sich ...«, begann er, aber da war ich ihm schon ausgewichen, worauf sich sofort eine Blase neuer Opfer um seine Linse sammelte, weil die Menschen erfahrungsgemäß nichts interessanter finden als eine Kamera.

Und da war mir der sonnige Vormittag nun doch vergällt, weil meine Allergie sich wieder regte. Eine Allergie ist entsetzlich, vor allem wenn man nicht weiß, woher sie kommt. Der ganze Körper wird zum juckenden Brandherd, das Gesicht nimmt Züge von koreanischem Spätbarock an, Lippen verwandeln sich in Fahrradschläuche ... und kein Mensch weiß warum.

Eigentlich läßt sich relativ einfach erklären, was da passiert: Sensoren im Körper stellen fest, daß irgendwas Schlimmes eingedrungen ist, und geben den Befehl zum Ausschlag. Daraufhin sammelt sich das Blut an bestimmten Stellen, die daraufhin natürlich enorm anschwellen, furchterregend aussehen und infernalisch jucken.

Oder ist es gar kein Blut, was sich da sammelt? Vielleicht Wasser? »Schlacke«? Was auch immer, das Prinzip ist klar. Dazu kommen natürlich gewisse Begleiterscheinungen, auch psychischer Natur: zum Beispiel eine Abneigung gegen die liberalistisch-kapitalistisch gleichgeschaltete Raserei-»Gesellschaft«, die neuerdings schon Dreijährige am liebsten an Computer anschließen möchte, damit sie »fit« für die »Wirtschaft« werden, und die jedem, der irgendwas Schönes, Gutes, Nettes macht, ständig entgegenbrüllt, er müsse sich um jeden Preis auf dem »Markt« durchsetzen, wo sich auf dem Markt doch nur billiger Mist durchsetzt.

Diese Gesellschaft funktioniert genauso wie eine Allergie: In diesem Fall ist es der gesamte Bestand an Geld und wertvollem Gut, der sich quaddelähnlich an bestimmten Punkten ansammelt, die daraufhin zu fürchterlicher Häßlichkeit anschwellen, sich aufführen wie faschistische Faschingsnarren und den Rest der Welt auch irgendwie ziemlich jucken; schon deshalb, weil er auf seine zagen Hinweise, er könne auch ein bißchen was von dem gesamten Wertbestand brauchen, immer nur zu hören bekommt, dann möge er sich gefälligst anstrengen und etwas »leisten«. Logisch, daß ein Allergiker diesen Circus nicht ausstehen mag.

Besonders empfindlich bin ich dann aber auch für die unerträglich ekligen Stacheln, die die allumfassende Blödheit der kapitalistischen Weltmaschine in den weichen Panzer meiner Selbstachtung hineinsticht, indem sie zum Beispiel überall Tafeln aufstellt, die irgendwelche hirnlosen Parolen verkünden. Zu diesem Zweck hat man neuerdings neben den Kamerasklaven die Elektronik erfunden - das ist besonders toll. Man wartet dann mit leerem Kopf auf die U-Bahn, und eine Tafel strahlt einem unvermittelt in Riesenlettern eine »Info« wie diese ins Gesicht: »Spendenaffäre: Schäuble nimmt Kohle in Schutz«. Wenn einem da nicht der Kragen platzt, hat man keinen, und das ist bei winterlichen Temperaturen ein Fehler, zumal wenn der Hals mit unansehnlichen Ausschlägen bedeckt ist.

Allergien werden durch Ernährung ausgelöst, höre ich, und zwar speziell durch falsche Ernährung. Nun wäre es eine interessante Frage, wie man sich in Zeiten, wo neunzig Prozent der Nahrung nur noch aus Dreck, Müll und Resten bestehen, die mit Aromastoffen, Glutamat und E605 in »Fertiggerichte« verwandelt werden, überhaupt unfalsch ernähren soll; wo alles, was der Mensch eigentlich ißt, doch längst vom industriellen Profitmaximierungsgedanken ausgerottet oder zu krebserregendem Schrott heruntergezüchtet worden ist. Eine solche Frage stellt man am besten immer denen, denen es gut geht. Das heißt: denen, die Erfolg haben, denn wenn man Erfolg hat, dann geht es einem gut.

Zum Zwecke der Erkundung der Frage, was man dafür tun kann, daß es einem besser geht, gibt es neuerdings gegen die horrende, für Erfolgsmenschen jedoch lächerliche Summe von 9 DM ein dünnes Heftchen zu kaufen, in dem alles drinsteht, inklusive weitaufgerissener Strahlgesichter der Lejeune-Tschacka!-Bande - jener »Leute«, die immer so gerne die Erfolgsfäuste in die Luft schleudern, wenn sie wieder mal ein Milliärdchen »gemacht« haben, und die von der Sucht, nach »oben« zu kommen, so besessen sind, daß sie notfalls den unter ihnen Situierten auch die Fresse zusammentreten, weil das wieder ein paar Zentimeter bringt.

Aus unerfindlichen Gründen hat dieses Heftchen (es heißt, natürlich, »Noch erfolgreicher!«) einen »Chefredakteur«, der aussieht wie ein BWL-Würstchen, dem man soeben ein gutes Pfund reines Amphetamin eingepumpt hat (Ich verspüre vor allem während der Arbeit ein unglaubliches Glücksgefühl!) . Und der hat für den Fall, daß einem der »shareholder value« den Ranzen nicht genügend füllen sollte, ein paar hochinteressante Ernährungstips für »Erfolgreiche« parat: Meinen täglichen Vitaminbedarf decke ich neben Früchten mit gedämpftem Gemüse ab.

Wie man solch »gedünstetes Gemüse« herstellt, ist dankenswerterweise Thema der ganzseitigen Rubrik »Ernährung« in demselben Heftchen: Nachdem man sich also Gemüse, z. B. grüne Bohnen, Brokkoli, Blumenkohl, Fenchel, Peperoni, Lauch, Zucchetti etc. gekauft hat, schneidet man es in kleine Würfel und Scheiben, füllt Wasser in den Kochtopf, bringt es zum Kochen, legt das Gemüse rein und läßt es etwa während fünf Minuten dämpfen. Das war's schon weitgehend, es folgt das, was erfolgreiche Menschen unter »Genuß« und »gesunder Ernährung« verstehen: Dann nehmen Sie das Gemüse heraus auf einen Teller, mischen etwas rohen Butter darunter und würzen mit Pfeffer, Aromat oder Pizzagewürz. Schon ist ihr Menü fertig: Eine gesunde Mahlzeit mit vielen Vitaminen, die einerseits äußerst schmackhaft ist und in gerade einmal 10 Minuten gekocht wurde - guten Appetit!

Und gutes Kotzen in der anschließenden Fünfminutenpause, füge ich bei dem Gedanken an gekochte Peperoni mit Blumenkohl und »Aromat« hinzu. Soviel zu den Legenden über überflußverzehrende Börsen-Gelage mit Kaviar, Froschschenkel, Champagner und Nachtigallenzungenpastete. So was essen doch heute nur noch Sozialhilfeempfänger!

Und während ich all das schreibe, jault im Hintergrund jemand in höchster Verzweiflung: »Crunchips makes the life go round!« Da muß ich mich leider verabschieden (es schreibt sich so schlecht mit ballonartig angeschwollenen Händen) und mich ausgiebig kratzen gehen, ehe ich diese Welt aus dem Fenster werfe.


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