Geschrieben episodisch im Sommer und Herbst 2000, gedruckt im Dezember desselben Jahres (in einem längst vergessenen Blatt). Auch enthalten in diesem Buch:

 
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in Band 3:

Ehrenrettung für kaugummikauende Hinterhoftypen

Das Erbgut des wilden Affen (und andere Superwaffen)

Spiele-Spaß mit Ulrich Peltzer

Vom rollenden zum rechten Terror

Fitneß pur: Das große Amerika-aus-dem-Fenster-Schmeißing

Hirnbeiß mit Knödel - Wirft Lothar hin?

Morgen ist gestern: Von Postbeamten, Post-Nazis und Post-Terroristen

Statt BWL und "Schwarzbuch": Catan besiedeln!

Ächz! Dresch! Nix kapier! Deutsch ganz schwer sei!

Meiner Trotz und Dank

Die Geburt der Tragödie aus dem Geist des Weines (und anderer Müll)

Das letzte Wort: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" (Laurenz Meyer et al.)

Der Turm gehört uns allen!

Durchstarten: Abgebogen wird nur nach vorn!

Im tiefen Tal der Ticketattacken

Flusen, Brauntonnen, Müllpolizisten

Modern Living: Verblöden auf der Autobahn

Ich bin ein maßlos bescheidenes Papierschiffchen

Der Tag der Himbeere - Von der Transsubstantiation des Schmerzes und ihren Folgen

Vergeblicher Versuch, schmuddel-klebriges Gepampe zu erklären

Kugel am Bein und Salat dazu

Ich will so schreiben, wie ich bin

All Heil? Oh Ween! oder: Warum Alice Cooper unbedingt ein deutscher Kürbis werden muß

Wenn das Hirn klumpt und suppt, ist man besser still

Heute wegen Geschlossenheit geschlossen

Warum man manchmal Klaus Kinski sein möchte

Ungeordnete vorwinterliche Fluchtgedanken

Der Rundlauf der zivilisierten Rindviecher

Das MVV-Zeitparadoxon

"Haste mal 'ne letzte Mark?"

Das Elend der Dreckschweine im eigenen Sumpf

"Sakrisch blääd"

Witsch-Watsch-Poff statt Playmobil

Geschenk und Qual

Kein sauer Bier mehr in der Zone, ach!

Rumms - und weg!

Weihrauch, Myrrhe, Abos

Zum Donnerwepper!

Hilfe, ich habe einen Hammermörder geheiratet!

Briefe an (einige) Leser

Belästigungen 1

Belästigungen 2

Belästigungen 4

Ehrenrettung für kaugummikauende Hinterhoftypen

Also lautet der Beschluß, pflegte meine Oma zu mahnen, daß der Mensch was lernen muß. Ein weiser Spruch, der leider gar nichts taugt. Den Zitronensäurezyklus habe ich nur kurzeitig verstanden. Aber wirklich gebraucht habe ich es nie, und vergessen habe ich dazu alles weitere, prahlt (wie üblich in einer Grammatik, die einer Massenkarambolage gleicht) die schnittmundige Knackwurst Westerwelle dagegen.

Abgesehen davon, daß man dem Westerwelle wahrscheinlich genausogut erklären hätte können, daß die Erde eine ungefähre Kugel ist: So was ist dem wurscht, es hat nämlich nichts mit Steuersenkungen zu tun und nützt so recht überhaupt nichts in einer Gesellschaft, in der es einzig und ausschließlich darum geht, »fit für die Wirtschaft« zu werden und immer zu sein. Heute, wo junge Leute kaum ein anderes Interesse haben und von den zuständigen Stellen auch keine andere Perspektive vorgesetzt bekommen, als ihr sogenanntes Leben damit zu verbringen, sich als Internet-Konsolen zu verdingen, ist es eigentlich völliger Blödsinn, jemanden in die Schule zu schicken.

Zu unserer Zeit war das anders. Da hatte das Sinn, und wenn wir nur hingingen, um den seligen Musiklehrer Dr. Bartl dabei zu beobachten, wie er die vergeblichen Proben für sein chorales Alterswerk »Lux« unterbrach, aufs Klavier stieg, seine Schuhe auszog, die Treter in die Klasse schleuderte und mit gesträubten Werwolfbrauen brüllte: »Kaugummikauende Hinterhoftypen, ihr!«

Das meinte er natürlich metaphorisch, denn Kaugummikauen im Sanges-Unterricht - das traute sich damals keiner, zumindest nicht so, daß es der Lehrkraft auffiel. Dazu hatte man den Nachmittag, den man auf autofreien Vorstadtstraßen damit verbrachte, herumzuhängen, Flugzeugbilder zu tauschen, coole Sprüche zu reißen, Bonanzaräder durch gezielten Einsatz von Wäscheklammer und Spielkarte zu »frisieren« und ... und vor allem schmatzend Kaugummi zu kauen, aus heftpflasterreparierten Transistorkisten blechern dröhnende Rockmusik zu hören, Zigaretten zu paffen und die dabei notwendigerweise entstehende Nasenschleimhautentzündung mit hochgezogenem Mundwinkel und schnorchelndem Geräusch ebenfalls hochzuziehen.

Wenn Eltern solches Treiben sahen, pflegten sie in ihre gewohnten Erziehungsversuche und Mahnungen, etwas »Vernünftiges« zu tun, auszubrechen. Daß die ganze Schimpferei folgenlos bleiben würde, war ihnen selbstverständlich klar - allein, sie hatten es immerhin probiert, später würden die Rotzlöffel schon einsehen, daß sie mal besser auf guten Rat und schlechte Drohung gehört hätten.

Ätsch! Jetzt schauen die »Erwachsenen« aber blöd aus der Wäsche. Wie leicht war es doch für sie jahrhundertelang, den göttlicher- und staatlicherseits erteilten Auftrag zur »Erziehung« mit praktischen Notwendigkeiten zu rechtfertigen! Alles, was die jüngere und ältere Jugend tat, war per se ungesund, schädlich oder wenigstens ungebührlich, unanständig, unverschämt und jedenfalls restlos unproduktiv, zwecklos und schwachsinnig dazu.

Stimmt alles gar nicht, können wir der Reihe nach abhaken. Wenn zum Beispiel der Herbst und mit ihm Onkel Schnupfen kommt, pflegte die kleinere Generation wie angedeutet Unterricht und abendlichen Fernsehkonsum mit hemmungslosem Schniefen und Rüsseln zu stören. Hier war die Elternschaft vermeintlich besseres Vorbild, und Unterstützung fand sie bei der Zellstoffindustrie: Als sich nach der Entdeckung der Hygiene mit stinkenden, labbrigen Stofftaschentüchern kein Staat mehr machen ließ, hielt man den Rotzlöffeln Papiertaschentücher hin, um den Schleim aus dem Schädel zu blasen. Jeder, der schon einmal einen Schnupfen hatte, weiß um die Sinnlosigkeit solcher Entschlackungsbemühungen: als versuchte man, einen laufenden Wasserhahn auszutrocknen, indem man ihn noch weiter aufdreht. Nun ist auch wissenschaftlich erwiesen, daß das Schneuzen eine »Unsitte« ist: Hinaufziehen ist viel gesünder, erklären die Herren Forscher als Ergebnis ihrer langjährigen Bemühungen und stürzen damit Anstandsdamen noch tiefer in die Depression, in der sie vor sich hin gründeln, seit klar ist, daß selbst hemmungslosestes Wegmasturbieren jugendlicher Triebe dem Rückenmark keinerlei Abbruch tut.

Nicht nur nicht schädlich, sondern sogar höchst förderlich ist weiterhin der Konsum der erwähnten Dröhnmusik (solange sie eine Art von Melodie aufweist und nicht nur aus bewegungszwangerzeugendem Hämmern besteht). Inzwischen hat sich nämlich herausgestellt, daß Kinder, die Musik hören (und noch besser selber welche machen), klüger werden als die, die nur rechnen (von denen, die zugunsten von »Wirtschaftslehre« auf den künstlerischen Unterricht verzichten, ganz abgesehen). Wenn man dazu wild in der Gegend herumzappelt, ist die ganze Sache noch gesünder: Nachwuchs, der nur sitzt, wird blöd; wer zwischen morgendlichem Flipp-Tanz und abendlichem Stagediving über Zäune klettert und Nachbars Zwetschgen klaut, hat die ersten drei Schritte zum Nobelpreis schon getan. So was stellen Wissenschaftler fest, und die sind Wissenschaftler geworden, weil sie so intelligent sind, weil sie früher den ganzen Tag Clash, Sweet und Led Zeppelin gehört haben und dazu wie die Irren in der Gegend herumgesprungen sind. Wenn das nicht rundum logisch ist!

Aber ach, es kommt noch schlimmer: Was sich Jugendliche sonst noch so alles in den Kopf hineinstecken, ist nicht weniger dienlich. Seit Jahren weiß man, daß Schulklo-Selbstvergasungsversuche mit papierenen Kanonenrohren voller Schwarzem Krausen für bessere Denkleistungen (und infolgedessen: bessere Noten) sorgen, auch wenn sich hierbei Spätschäden wie Totalhippiesierung, bleicher Pustel-Teint und ein Leben mit zähem Grünhering in den tieferen Atmungsorganen nicht ganz wegdiskutieren lassen (vom Lungenkrebs zu schweigen). Die Oberstufenvariante mit marokkanischen Hanf-Harz-Bröseln wiederum ist inzwischen nicht nur als Wundermedizin gegen mindestens tausend Krank-heiten anerkannt, sondern könnte aufgrund ihrer friedlichisierenden Wirkung auch das Nazi-Problem lösen helfen - bedröhnte Skinheads werden zumindest denen nichts mehr tun, deren Verwandte in den ehemaligen Kolonien in liebevoller Handarbeit den Stoff herstellen.

Nun fällt auch die letzte Bastion: Schmatzend-debiles Kaugummikauen, schon seit einiger Zeit ebenfalls der förderlichen Gehirnanregung verdächtig, ist nach Erkenntnissen der Mayo-Klinik im englischen Rochester zusätzlich auch noch von sportlichem Nutzen. Wer zwischen Aufwachen und Einschlafen ohne Unterbrechung kaut, verbraucht stündlich achtundfünfzig Kilokalorien und kann somit pro Jahr fünf Kilogramm »abspecken«. Und wenn wir die Zeichen richtig deuten, wird aus derselben Klinik wahrscheinlich demnächst verlauten, Pommes Frites seien ein unentbehrliches Grundnahrungsmittel, allerdings ohne das perlmuttweiße Glibberzeug, das zu 101 Prozent aus Konservierungsgift und Aromachemie besteht, im Prinzip gar nicht zu genießen - und Karies am besten durch pfundweises Verschlingen von Zuckerwatte zu beseitigen.

Ich gehe wie immer fünf Schritte weiter und prognostiziere: Sehr bald wird sich herausstellen, daß es für Geist und Seele ungeheuer erbaulich und gut ist, die ganze Nacht (und zwar möglichst jede) im Atomic Cafe zu verbringen, zweiunddreißig Bier zu trinken, sechsundneunzig Zigaretten in die »Luft« zu puffen, jeden Refrain lauthals mitzukrähen, bewußtlos im Tanzflächen-Seich zu hocken und mit der ersten S-Bahn nach Hause zu schippern, wo man sich dann vier Eier in die Pfanne haut und vor dem Fernseher einschläft, bis einen der Postbote am frühen Nachmittag herausklingelt. Das wird ein Leben!

So hat die dumpf vor sich hin dümmelnde Internet-Karriere-Generation letztlich doch noch eine Chance auf ein menschenwürdiges Dasein. »Es geht um das Koordinatensystem der Grundlage der Werte in Europa! Es ist wichtig, daß wir die Fehler, die die Menschen machen, verbessern«, mahnte die notorische Öl-Locke Michel Friedmann kürzlich an. »Können wir die Krise als Chance nützen? Schaffen wir das?« problembewußtelte die auch mit Rauch, Trunk, Kaugummi und Heroin kaum erträgliche Trottel-Menagerie-Vorsitzerin Christiansen hinterher.

Das schaffen wir. Geeignete Lehrer sind schließlich in Hülle und Fülle verfügbar: Fragt uns, die kaugummikauenden Hinterhoftypen!


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