Der Text entstand im November 2000; der erste Teil war ursprünglich für die SZ gedacht, konnte dort jedoch nicht erscheinen, da meine Kolumne "Drei Akkorde Kulturpessimismus" eingestellt wurde. Für einen Abdruck als "Belästigung" (damals noch in einem längst vergessenen Blatt) war er zu lang. Daher erschien er im Buch als Erstdruck. Und zwar in diesem:

 
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in Band 3:

Ehrenrettung für kaugummikauende Hinterhoftypen

Das Erbgut des wilden Affen (und andere Superwaffen)

Spiele-Spaß mit Ulrich Peltzer

Vom rollenden zum rechten Terror

Fitneß pur: Das große Amerika-aus-dem-Fenster-Schmeißing

Hirnbeiß mit Knödel - Wirft Lothar hin?

Morgen ist gestern: Von Postbeamten, Post-Nazis und Post-Terroristen

Statt BWL und "Schwarzbuch": Catan besiedeln!

Ächz! Dresch! Nix kapier! Deutsch ganz schwer sei!

Meiner Trotz und Dank

Die Geburt der Tragödie aus dem Geist des Weines (und anderer Müll)

Das letzte Wort: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" (Laurenz Meyer et al.)

Der Turm gehört uns allen!

Durchstarten: Abgebogen wird nur nach vorn!

Im tiefen Tal der Ticketattacken

Flusen, Brauntonnen, Müllpolizisten

Modern Living: Verblöden auf der Autobahn

Ich bin ein maßlos bescheidenes Papierschiffchen

Der Tag der Himbeere - Von der Transsubstantiation des Schmerzes und ihren Folgen

Vergeblicher Versuch, schmuddel-klebriges Gepampe zu erklären

Kugel am Bein und Salat dazu

Ich will so schreiben, wie ich bin

All Heil? Oh Ween! oder: Warum Alice Cooper unbedingt ein deutscher Kürbis werden muß

Wenn das Hirn klumpt und suppt, ist man besser still

Heute wegen Geschlossenheit geschlossen

Warum man manchmal Klaus Kinski sein möchte

Ungeordnete vorwinterliche Fluchtgedanken

Der Rundlauf der zivilisierten Rindviecher

Das MVV-Zeitparadoxon

"Haste mal 'ne letzte Mark?"

Das Elend der Dreckschweine im eigenen Sumpf

"Sakrisch blääd"

Witsch-Watsch-Poff statt Playmobil

Geschenk und Qual

Kein sauer Bier mehr in der Zone, ach!

Rumms - und weg!

Weihrauch, Myrrhe, Abos

Zum Donnerwepper!

Hilfe, ich habe einen Hammermörder geheiratet!

Briefe an (einige) Leser

Belästigungen 1

Belästigungen 2

Belästigungen 4

Das Erbgut des wilden Affen
und andere Superwaffen

Untertitel: Berühmte Münchner, ohne die München irgendwie nicht ganz München wäre, zumindest nicht die Hölle. Heute: Rudolph Moshammer, auch genannt "Mosi" (AZ), "Wüff" (Daisy) oder "Um Gottes Willen! Der arme Mann! Immerhin hat er überlebt."

"Mosi" hat einen Sommer und einen Herbst hinter sich, die waren (Achtung: zum Aussprechen des folgenden Wortes bitte beide Mundwinkel mit den Fingern so weit wie möglich in Richtung Ohren ziehen!) "grandios" - er war unvermeidlich allüberall, so wie das Dioxin nach der Explosion in Seveso. Auf dem verflossenen Oktoberfest hockte er in jedem Maßkrug, sein "Webseiterl" wollten bereits über 43.000 Surfer sehen, und am Tag vor dem Tag brüllte er in einer ARD-"Gala zum 10. Jahrestag der Deutschen Einheit präsentiert von Carmen Nebel" inmitten solcher auf Fernsehbühnen festgenagelter Vogelscheuchen wie Wolf Maahn, Nicole, Heino, Freddy und Frank Zander aus vollster Wampe: "Moos hamma, reich samma, famos samma!" und was noch alles und hampelte dazu durch die Gegend wie eine bekiffte Mülltonne im Tuntenfummel. Jeder Nichtdeutsche, jeder abgewickelte Sozial-Ossi, der so was sieht, erstarrt sofort zur schockgefrosteten Weihnachtsente.

Und was wäre die Boulevardpresse (die mit einem Boulevard ungefähr soviel zu tun hat wie ein Goldener Schuß mit Edelmetall) ohne den wuchtigen Wirren? Gar nichts.

Neulich nun erfuhr ich folgendes: "Mooshammer: Ich rette sechs Versuchsaffen." Hartnäckig hält sich das Gerücht, einer davon trage den Namen Lauterbach und solle von dem philanthropischen Knallbonbon einer Frisurtherapie unterzogen werden. Doch lenken wir nicht vom Thema ab. Denn fast zeitgleich verlautete aus der Pressestelle jener Kreise, die sich Mitte September immer zum zweiwöchigen Propagandafeuerwerk im sogenannten Hippodrom versammeln (und immerhin soviel Anstand haben, hinter sich die Tür zuzumachen) unter dem Titel "Mosi und das Kuckucks-Kind": "Modeschöpfer wehrt sich: Ich will kein Adoptivbaby."

Das hieß nun nicht, daß der "Pfau aus der Maximilianstraße" (AZ) vorhat, sich jene Milliarde zu sichern, die laut Schulhofgerücht "die Amerikaner" dem Mann zahlen, der als erster von einem Kind entbunden wird: "Ich will" überhaupt "kein Kind", schob er eventuellen Schwangerschaftsgerüchten einen Riegel vor. Nein, vielmehr hatte eine Hamburger Illustrierte Moshammer zitiert: "Es wäre schön, wieder etwas Lebendiges im Hause zu haben" - und sofort gewußt: ein "Waisenkind"! Wir sind schlauer: einen geretteten Versuchsaffen, schließen wir messerscharf. Bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms haben die beteiligten Forscher zu ihrem eigenen Erstaunen festgestellt, daß der Mensch zur Hälfte eine Banane ist. Wer schon einmal Guido Westerwelle gesehen hat, den kann diese Entdeckung nicht so arg überrascht haben. Sie erklärt aber vielleicht, wieso wir uns dem Affen so verbunden fühlen, daß wir ihn sogar einem Homo-sapiens-Kind vorziehen - zumindest wenn wir die Sache so pfiffig entschlüsselt haben wie unser Modeschöpfer. "Nie Kinder", fordert er, "weil die doch nur das Erbe verprassen. Die Reichen der Reichsten geben mir recht. Sie haben ihre Kinder in die Metropolen der Welt geschickt, damit sie weltmännisch werden. Und der Dank? Die Erben bleiben dort hängen, verprassen die monatlichen Schecks, während die Maschinenfabrik in Nürnberg oder der Autosalon in Hamburg in fremde Hände fällt. Traurig, traurig."

Ja, schlimm. Da bleibt als Trost nur die schöne Vorstellung, daß Mosis "erlesene Kundschaft" sich dereinst nach Eintreten des Erbfalles ihr Kostüm von einer Riege Schimpansen modeschöpfen lassen muß. Aber wo wir schon mal beim Lauterbach sind, das ist ja auch so einer, dem seine Liebe zum Menschengeschlecht einfach nicht richtig gelingen will. Dem würde es guttun, wenn er mal was zu tun bekäme, und wenn es nur wäre, daß er Promi-Deppen teure Lumpen an die Plautze hängt. Dann ist er wenigstens nicht mehr gezwungen, die Zeit, in der er nicht unmotiviert vor Kameras rumhängt, damit zu verbringen, daß er unmotiviert auf Saufgelagen rumhängt, kopftote Hühner nach Gebrauch an kopftote "Big Brother"-Furzgestalten weiterreicht, deshalb noch mehr trinken muß und dann dem nächstbesten Klatsch-Reporter seine Lebensgeschichte ans Ohr nagelt. Schließlich geht es hier um Kultur!

Als ich noch zur Schule ging, gab es zum Ende des Schuljahres die segensreiche Veranstaltung eines "Kulturtages". Das war ein fröhliches Tun und Machen: Der Chemielehrer sprengte Kaffeedosen in die Luft und rührte Ananaskotze-Aroma zusammen, der Musiklehrer ("Klavierkonzert") hatte einen ganzen Vormittag seine ungestörte Ruhe, der Direktor kaufte einen Luftballon, jede einzelne fünfte bis siebte Klasse trug zwecks Disco einen Plattenspieler und zwei bunte Lampen in ihr Klassenzimmer, einen Flohmarkt gab es auch, und zum krönenden Abschluß durften sich die Lehrer ein bißchen ärgern, wenn sie im Fußball gegen eine Schülerauswahl null zu zehn verloren.

Damit schloß sich unser vordem als "Rockerschule" verschrienes Gymnasium einem Trend zur Kultur an, den der damals gerade triumphal zum Oberbürgermeister gewählte Halbprimat Erich Kiesl initiiert hatte: Da wurden sämtliche Zuschüsse für langhaarige und linksradikale Subkulturnester gestrichen und statt dessen unter dem ebenso frischen wie griffigen Titel "München Kultur" mehrere Lederhosenträger und Jodlergruppen für Auftritte in der Fußgängerzone engagiert, die man zuvor mit dem eisernen Besen von den diversen Ersatz-Beatles und Deutsch-Dylans befreit hatte, die mit Nölen, Schrammeln und Plärren das Florieren exklusiver Dirndl-Filialen behinderten. Jetzt, wo von Subkultur, Protestgesang und anderem schwerverkäuflichen Erscheinungen praktisch nichts mehr übrig ist, haben wir den Salat: "Mosi" rumpelt in die Top ten, und Lauterbach, der aussieht wie ein zu lange in Schrumpfbrühe aufbewahrter Phil Collins, hält sich für Keith Richards. Dabei könnten beide viel nützlicher eingesetzt werden!

Daß es im Weltraum draußen vor Außerirdischen nur so wimmelt, braucht man uns nicht mehr erzählen - das wissen wir längst. Schließlich: was es theoretisch geben kann, das kann es auch praktisch geben, und was im Fernsehen gezeigt wird, das gibt es. Das Problem war immer nur: Wie kommt man an die Kerle ran? Schließlich muß man sich doch austauschen, über Technologien und so was! Die könnten uns ja weit voraus sein! Viel bessere Waffen haben! Manchem wurde dabei ein bißchen flau, aber Forscher schrecken bekanntlich vor nichts zurück.

Also schoß man irgendwann einen Satelliten mit einer Schallplatte ins All. Das war keine Lösung, denn bis das Ding auch nur in die Nähe einer Gegend kommt, wo möglicherweise irgend jemand ökonomisch tätig sein könnte, ist die Schallplatte zwar noch abspielbar (weil es keine CD war), aber ich bin bis dahin etwa 270.000 Jahre alt; und selbst wenn jemand die Schallplatte abspielt und danach immer noch Lust haben sollte, mit uns Kontakt aufzunehmen, findet er uns nicht mehr, weil die kokainisierte Wahnsinnsindustrie in den nächsten 100 Jahren dafür sorgen wird, daß von uns außer einer großen Staubwolke nichts übrigbleibt.

Auf den nächstliegenden Gedanken kommt man immer zuletzt. So geht es einem ja auch im täglichen Leben: Wenn eines Morgens plötzlich Fischgräten, Altpapier und blaugrüne Orangenschalen im Hof liegen, stellt man fest: Oh, wir haben ja Nachbarn! Wenn man sich dazu aufrafft, dagegen zu sein, daß Millionen Tonnen radioaktiver Dreck unter unseren Häusern verscharrt werden, ist man auf einmal nicht mehr allein, sondern Teil einer identitätsbildenden Sitzblockade. Das einzige, was die Menschen zusammenhält, ist der Müll.

Da sollte es uns eigentlich gar nicht mehr überraschen, wenn wir in der wie immer unaufgeregten und seriösen Süddeutschen Zeitung folgendes lesen: "Wissenschaftler haben ein bisher nicht näher identifiziertes Objekt im All entdeckt, das am 21. September 2030 mit der Erde kollidieren könnte. (...) Die Experten erklärten jedoch, daß es keinen Grund zur Panik gebe. Das Objekt, bei dem es sich um einen Asteroiden, aber auch lediglich um Weltraummüll handeln könnte (...)" (6.11.2000), kann uns nicht in Panik versetzen, weil wir ein Bombardement mit Abfall nun ja wirklich gewöhnt sind, spätestens seit der Erfindung von Fernsehen und Sabine Christiansen.

Aber wir wissen nun: Die sind irgendwo da draußen und müllen uns zu! Das schreit nach Vergeltung! Und deshalb schlage ich vor: München jagt die Müllsau! Statt Schallplatten, Bildern oder sonst irgendeiner täuschend vernünftigen Botschaft setzen wir den Moshammer in die nächste Rakete, den Lauterbach gleich daneben, und beheizen das Ding mit allem, was an Raketentreibstoff nur verfügbar ist. Außen schreiben wir drauf: "Frische Promis von Terra! Schöne Grüße, ihr Schmutzfinken! Rücknahme ausgeschlossen!"

Ich nehme nicht an, daß wir von den Alien-Typen dann in den nächsten zwei Millionen Jahren noch mal was hören. Gut so: Friede durch Abschreckung! Oder, wie die große deutsche Philosophin und Kohl-Imitatorin Agnes Hürland-Büning einst formulierte: "Genauso, wie ich abends meine Wohnung abschließe, damit niemand einbricht, muß ich abends mein Land abschließen, damit es keiner überfällt." Und meinen Planeten, aktualisieren wir. Und weil man den nicht abschließen kann, muß man dem Feind zeigen, daß man im äußersten Falle nicht davor zurückschrecken wird, die aberwitzigsten Superwaffen einzusetzen und Vernichtungsgewalten zu entfesseln, gegen die eine Atombombe ein Hüsteln ist.

München wird danach wie gesagt irgendwie nicht mehr ganz München sein, aber auch nicht mehr ganz so sehr die Hölle. (Glückwünsche zur Verleihung des Friedensnobelpreises bitte an mail@michaelsailer.de)


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