Geschrieben am 5. Januar 2001 unter Verwendung eines Entwurfs (über die USA) aus dem Dezember; erschienen im Februar 2001. Auch in diesem Buch nachzulesen:

 
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in Band 3:

Ehrenrettung für kaugummikauende Hinterhoftypen

Das Erbgut des wilden Affen (und andere Superwaffen)

Spiele-Spaß mit Ulrich Peltzer

Vom rollenden zum rechten Terror

Fitneß pur: Das große Amerika-aus-dem-Fenster-Schmeißing

Hirnbeiß mit Knödel - Wirft Lothar hin?

Morgen ist gestern: Von Postbeamten, Post-Nazis und Post-Terroristen

Statt BWL und "Schwarzbuch": Catan besiedeln!

Ächz! Dresch! Nix kapier! Deutsch ganz schwer sei!

Meiner Trotz und Dank

Die Geburt der Tragödie aus dem Geist des Weines (und anderer Müll)

Das letzte Wort: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" (Laurenz Meyer et al.)

Der Turm gehört uns allen!

Durchstarten: Abgebogen wird nur nach vorn!

Im tiefen Tal der Ticketattacken

Flusen, Brauntonnen, Müllpolizisten

Modern Living: Verblöden auf der Autobahn

Ich bin ein maßlos bescheidenes Papierschiffchen

Der Tag der Himbeere - Von der Transsubstantiation des Schmerzes und ihren Folgen

Vergeblicher Versuch, schmuddel-klebriges Gepampe zu erklären

Kugel am Bein und Salat dazu

Ich will so schreiben, wie ich bin

All Heil? Oh Ween! oder: Warum Alice Cooper unbedingt ein deutscher Kürbis werden muß

Wenn das Hirn klumpt und suppt, ist man besser still

Heute wegen Geschlossenheit geschlossen

Warum man manchmal Klaus Kinski sein möchte

Ungeordnete vorwinterliche Fluchtgedanken

Der Rundlauf der zivilisierten Rindviecher

Das MVV-Zeitparadoxon

"Haste mal 'ne letzte Mark?"

Das Elend der Dreckschweine im eigenen Sumpf

"Sakrisch blääd"

Witsch-Watsch-Poff statt Playmobil

Geschenk und Qual

Kein sauer Bier mehr in der Zone, ach!

Rumms - und weg!

Weihrauch, Myrrhe, Abos

Zum Donnerwepper!

Hilfe, ich habe einen Hammermörder geheiratet!

Briefe an (einige) Leser

Belästigungen 1

Belästigungen 2

Belästigungen 4

Fitneß pur: Das große Amerika-aus-dem-Fenster-Schmeißing

So! und jetzt werfe ich den Computer aus dem Fenster! Da niemand in der Lage ist, mir zu erklären, wozu es nötig sein soll, jeden Monat ein teures neues Programm zu installieren, das noch schlechter funktioniert als das alte, bei dem dafür aber ständig grinsende Männchen über den Bildschirm hüpfen und mit Fragezeichen um sich werfen, werde ich zunächst den ganzen Quatsch von »Adobe Go Live« über »Netzwerkumgebung« bis »Gehe zu Schrank« und wie die kleinen Briefmarkenbildchen alle heißen nicht etwa »löschen«, sondern mit dem Hammer aus dem Bildschirm herausschlagen, dann den Rest aufs Fensterbrett stellen, mir eine standfeste Leiter besorgen und den ganzen Müll mit einem Fußtritt wie Horst Hrubesch zu seinen besten Zeiten hinausbefördern in das, was man angeblich »Welt« nennt (oder meinetwegen »Hof«). Ha! Ha! Ha! Fucking hell!

Aber im Ernst: Wenn man sich vorstellt, daß ungefähr hundert Milliarden Menschen momentan damit beschäftigt sind, in ihren Büroschachteln Tobsuchtsanfälle zu bekommen, weil auf ihrem Schirm eine Meldung wie »Internal error 53« oder »%nbxkynntßr Fßhlßr dß0 Anforderung ßß000000061« oder »Dieser Vorgang wird wegen eines unzulässigen Vorgangs abgebrochen« erscheint und nicht mehr weggeht, dann möchte man gar nicht wissen, wie die Welt aussähe, wenn all diese Leute in der Zeit, die sie mit nutzlosem Eintippen verbringen, etwas Sinnvolles oder noch besser gar nichts täten. Das kann sich leider kaum jemand leisten, denn man braucht Geld, um Schachteln mit Nahrung zu kaufen und in Schachteln wohnen zu dürfen, und Geld bekommt man nur, wenn man in Büros sitzt und eintippt. Außer man hat schon Geld, weil man es geschenkt bekommen hat; dann ist man fein raus und kann tun, was man will.

Solche Leute gibt es nicht viele. Um zu erfahren, was sie tun, muß man Heftchen aufschlagen, die andere in Büros eintippen und die ich aus Prinzip nicht aufschlage, weshalb ich jenen Tapferen, die sie gelegentlich zwecks Analyse doch aufschlagen, sehr dankbar bin und ihre Erkenntnisse gerne weitergebe.

Wiglaf Droste zum Beispiel, ein Medien-Märtyrer vor dem Herrn, las neulich in etwas namens AMICA dies: Das Schlimmste, wenn eine Liebe zu Ende geht, ist der Verlust, das Suffering. Soll Ben Becker gesagt haben. Das ist so supergeil, daß ich wünschte, ich hätte es ausnahmsweise selbst gelesen! Der Beweis, daß der Rinderwahnsinn den Menschen noch viel schlimmer befällt als das Rind, ist damit zwar nicht zu erbringen, da jeder weiß, daß man größere Dummheit als die der ganzen Boris-Ben-Becker-Wepper-Beckenbauer-undsoweiter-Bagage sowieso nur in irrationalen Zahlen ausdrücken könnte. Aber für die Liste der Sportarten, die ich unter Mithilfe meines Lieblingsmenschen sporadisch führe (von denen wir selbst aber natürlich nur Dauer-Faulenzing betreiben), ist es ein wesentlicher Beitrag: Suffering! Sagt der Promi-Arsch zur Promi-Ärschin: »Du, Darling, mir wird das alles ein bisserl zuviel Verheirating in letzter Zeit! Ich glaub, wir machen mal Outdoor-Trenning und hängen ein paar Folgen öffentliches Suffering dran! Ich ruf schon mal den Franz Josef Wagner an wegen dem Schlagzeiling!« Hihihi! und hi! und nochmal hi: Ich bin Künstler, meint der Ben dazusagen zu müssen. Zum Glück habe ich seit einiger Zeit keinen Fernseher und damit auch keine Gelegenheit mehr, die »Künstler«-Familie Becker beim Extreme-Darstellering durch alle verfügbaren TV-Produktions-Zusammenstopselungen, Verzeihung: -lingen zu beobachten, das höchstens mit begleitendem Total-Suffing erträglich wäre. Für Männer wie diesen hat man das Wort »ficken« erfunden, damit sie es in skandalgeile Kameras blöken können.

Schlimm genug, das ganze Ge-inge, aber zu allem Überfluß kommt der Trödel auch noch aus Amerika, natürlich: aus dem Land, wo man alle zwei Wochen ein neues Sportgerät für tausend Dollar erfindet, von Negersklaven zusammenbauen läßt und sofort nach Deutschland exportiert, zum »Fett-Burning« für verknödelte Promi-Witwen und so was, und alle drei Wochen eine neue psychologische Technik, um den Mitmenschen zu einem Krümel Vogelscheiße zu machen und selbst als strahlender »Winner« durch die Welt zu marschieren, daß der Hitler dagegen ein Spaziergänger war. Niemand weiß, woher das kommt, aber jeder weiß, wo es hinführt: direkt in die FDP.

Aber über die wird sowieso zuviel geredet, darum bleiben wir noch ein bißchen in Amerika. Amerika ist ein lustiges Land. Die geistig behinderten, jugendlichen, armen, nichtweißen und/oder schlicht unschuldigen Leute, die man dort Tag für Tag vergast, mit Gift vollspritzt oder auf den elektrischen Stuhl schnallt, mögen anderer Meinung sein, aber immerhin haben die USA die Demokratie erfunden! Die funktioniert so: Alle paar Jahre treten zwei superreiche Pappkameraden vor die Fernsehkameras, rufen die »Nation« zur »Einheit« und zur »Geschlossenheit« auf (wie das hierzulande die Kartonbirnen Westerwelle und Stoiber gerne mit ihrer Partei machen, wenn ihnen überhaupt gar nichts mehr einfällt, also ständig) und werben mit Luftballons und Cheerleaders um Wählerstimmen. Die Wähler, so sie nicht Neger oder Bettler sind, müssen dann mit einem Stäbchen ein Loch in einen Pappendeckel machen; der kommt in eine Maschine, und die stellt schließlich fest, daß die Stimmen ungültig sind. Dann fangen die beiden Kandidaten zu streiten an: Darf man sich die Wahlzettel noch mal ansehen? (Auf keinen Fall! Das verfälscht das Ergebnis!) Soll man noch mal neu wählen lassen? (Niemals! Die Wähler - oder die Maschinen - könnten sich anders entscheiden!) Sind da nicht ein paar zehntausend Wahlzettel nachträglich manipuliert worden? (Na und! Ein Wähler kann sich auch mal irren!) Und am Ende befiehlt ein Richter, daß derjenige der beiden Männer Präsident ist, der den bekannteren Namen trägt (nämlich den seines Vorvorgängers George »Graf Koks« Bush mit einem »W.« für »Wiederholung« in der Mitte) und weniger Ahnung von irgendwas hat (man darf der Welt nicht zuviel zumuten! Wer läßt sich schon gerne von einem intelligenten Mann bombardieren?). Der andere hat tausend Millionen Dollar für Luftballons und Cheerleaders umsonst ausgegeben (Immerhin: so kam das Geld wenigstens Menschen zugute und nicht nur Banken). Das alles zusammen nennt man übrigens »Voting«.

Und jetzt reicht's. Über dem ganzen Zinnobergeplüppel habe ich völlig vergessen, den Computer seinem verdienten Fenstersturz zuzuführen, den Zorn vielmehr über den »Großen Teich« (J. Joffe) gezürnt, und daher wünsche ich mir nun zur Entspannung einen großen Teich Bier, d.h.: eine gute Runde Tresen-Hopfing, Fremd-Prosting und Eck-Table-Sitting in jenem wunderschönen alten Zweit- und oft genug auch Erst-Wohnzimmer, das mir ein guter Freund vor vielen Jahren gleich an der nächsten Straßenecke eingerichtet hat und das er demnächst wegen wichtigerer Verpflichtungen (von denen es außer der Liebe und dem Kind keine geben kann) in andere Hände übergeben muß, weshalb ich ihm von hier aus ein riesengewaltiges Dankeschön für die herrlichen Abende und Nächte im Sichtradius seines Zapfhahns schicken und ihm für die nächsten siebzig Jahre ohne diesen alles wünschen muß, was man sich wünschen kann: keinen Computer, kein Amerika, und sonst alles Schöne.


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