Geschrieben im Februar 2001, im April mit einigen Kürzungen erschienen. Nachzulesen auch in diesem Buch:

 
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in Band 3:

Ehrenrettung für kaugummikauende Hinterhoftypen

Das Erbgut des wilden Affen (und andere Superwaffen)

Spiele-Spaß mit Ulrich Peltzer

Vom rollenden zum rechten Terror

Fitneß pur: Das große Amerika-aus-dem-Fenster-Schmeißing

Hirnbeiß mit Knödel - Wirft Lothar hin?

Morgen ist gestern: Von Postbeamten, Post-Nazis und Post-Terroristen

Statt BWL und "Schwarzbuch": Catan besiedeln!

Ächz! Dresch! Nix kapier! Deutsch ganz schwer sei!

Meiner Trotz und Dank

Die Geburt der Tragödie aus dem Geist des Weines (und anderer Müll)

Das letzte Wort: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" (Laurenz Meyer et al.)

Der Turm gehört uns allen!

Durchstarten: Abgebogen wird nur nach vorn!

Im tiefen Tal der Ticketattacken

Flusen, Brauntonnen, Müllpolizisten

Modern Living: Verblöden auf der Autobahn

Ich bin ein maßlos bescheidenes Papierschiffchen

Der Tag der Himbeere - Von der Transsubstantiation des Schmerzes und ihren Folgen

Vergeblicher Versuch, schmuddel-klebriges Gepampe zu erklären

Kugel am Bein und Salat dazu

Ich will so schreiben, wie ich bin

All Heil? Oh Ween! oder: Warum Alice Cooper unbedingt ein deutscher Kürbis werden muß

Wenn das Hirn klumpt und suppt, ist man besser still

Heute wegen Geschlossenheit geschlossen

Warum man manchmal Klaus Kinski sein möchte

Ungeordnete vorwinterliche Fluchtgedanken

Der Rundlauf der zivilisierten Rindviecher

Das MVV-Zeitparadoxon

"Haste mal 'ne letzte Mark?"

Das Elend der Dreckschweine im eigenen Sumpf

"Sakrisch blääd"

Witsch-Watsch-Poff statt Playmobil

Geschenk und Qual

Kein sauer Bier mehr in der Zone, ach!

Rumms - und weg!

Weihrauch, Myrrhe, Abos

Zum Donnerwepper!

Hilfe, ich habe einen Hammermörder geheiratet!

Briefe an (einige) Leser

Belästigungen 1

Belästigungen 2

Belästigungen 4

Ächz! Dresch! Nix kapier!
Deutsch ganz schwer sei!

Deutschland deine Luder - mit dieser markigen Aufforderung bewirbt sich Deutschlands dümmste Druckschrift um eine aussichtsreiche Position im Rennen um den Franz-Josef-Wagner-Pokal für den dümmsten Satz in deutscher Sprache. Ehe ich mir Gedanken machen kann, wie man seine »Luder« »deutschlanden« könnte, ob ich überhaupt »Luder« besitze und wozu der ganze Vorgang gut sein soll, ruft mein Lieblingsmensch aus tiefst getroffener Redakteursseele dazwischen: »Fünf Trennungen hintereinander! Da rollen sich ja meine Fußnägel auf!« Gemeint ist nicht Bobs, Babs oder sonstiges nutzloses Millionärsgeschwerl, sondern nur - ein Text. In einer Zeitung. Mit so was sollte man sich gelegentlich beschäftigen, nicht nur über kryptische Titelseitenbefehle rätseln!

Zum Beispiel forderte kürzlich im revolutionären Kampfblatt SZ ausgabenidentisch mit einem ganzseitigen Dutschke-Interview der bekannte Visionär und Klassenkämpfer Heiner Geißler (der schon vor dem Regierungswechsel 1982 erkannte: Die volle Verantwortung für die unheilvolle Entwicklung trägt die FDP!) die umgehende Abschaffung des Kapitalismus.

Im selben Blatt, selber Tag: Experten lehnen Fahrverbote für Rechtsradikale ab! Auch dies ist vernünftig - wie soll das bucklige Glatzenpack zu Fuß jemals dahin kommen, wo es hingehört (weit weg)? Andererseits ist in der vielfarbigen Meinungs-Palette auch Platz für restlos enthirnte Ewiggestrige. So wird ein Herr namens Porter zitiert, die Zweifel der Bevölkerung am kapitalistischen System seien noch immer nicht ausgeräumt. Nicht einmal die von Heiner Geißler! wollen wir dazwischengrölen, aber der Porter schwallt schon weiter: Man versucht, das freie Wirtschaften zu behindern, um den Menschen nicht weh zu tun. Dabei ist es genau umgekehrt: Was gut ist für die Wirtschaft, ist auch gut für die Gesellschaft.

Genau! Was gut ist für den Insektenvernichtungsmittelhersteller, ist auch gut für Käfer, Schreck und Milbe! Und dieses ganze Kroppzeug, das da überall auf der Erde herumhungert und -jammert, das ist schließlich kein Mensch!

Der ist vielmehr Schwede: In Schweden sind die jungen Leute mittlerweile heiß darauf, Unternehmer zu werden und viel Geld zu verdienen. Es ist unglaublich, wie schnell sich die Mentalität dort geändert hat. Herr Porter, der übrigens von der Harvard-Universität stammt (wo er in einer gerechten Welt den Staub aus den Ecken kehren dürfte oder umgekehrt), lobt immerhin an Europa im Gegensatz zu den USA den Ausbildungsstand (besonders in den Naturwissenschaften) und die hohen Umweltstandards. Um so mehr, läßt ihn die SÜDDEUTSCHE genüßlich sich selbst bloßstellen, stelle sich die Frage, warum Europa bei der Wettbewerbsfähigkeit noch immer hinterherhinke.

Weil es mit einem ordentlichen Wettbewerb keine »Umwelt« mehr gibt vielleicht? Ach was, ab ins Altpapier mit dem Kerl! (Harvard! Man stelle sich das vor!)

Andere geben sich nicht weniger Mühe: Sabine Asgodom, trotz ihrem Namen nicht weiter bekannte Teilnehmerin einer »Podiumsdiskussion« mit dem an sich schon auszeichnungswürdigen Thema »Arme Emma?«, sieht das Jahrzehnt der Weiblichkeit bereits in vollem Gange. Erfolg ist sexy! lautet ihre Begründung für dieses Im-Gange-Sehen. Zufällig erfahre ich tags darauf: So heißt auch Asgodoms - logisch: - »Buch«, das rechtzeitig zur »Podiumsdiskussion« im Kabel-Verlag erschienen ist (der so heißt, weil sein Programm ebensogut spätnachmittags im gleichnamigen Fernsehen laufen könnte).

Und für alle, denen dies noch nicht genügt, stellt ein Freizeitforscher (das ist wahrscheinlich jemand, der nur in seiner Freizeit forsch in der Gegend herum existiert) namens Opaschewski (!) fest, die 18- bis 29jährigen wollten heutzutage Arbeit nicht nur als Fron, sondern auch als Fun erleben. Das war früher bestimmt ganz anders; da marschierten Heere unzufriedener Arbeiter und Arbeitswilliger durch die Straßen und forderten lauthals: »Wir wollen Arbeit nur als Fron erleben! Laßt uns mit eurem Fun in Ruhe! Beutet uns gefälligst anständig aus!«

Die deutsche Sprache ist eine schwierige Sache mit gemeinen Tücken. Aber eine Wirtschaft läuft auch ohne Feinheiten wie den Konjunktiv, da läuft sie sogar besser. Folglich ist es nur logisch, daß sich die Menschen, die sich um das Wichtigste kümmern - die Zukunftsfähigkeit -, aus der deutschen Sprache ebenso zurückziehen wie aus anderen Bereichen ohne Relevanz. Wir können alles - außer Hochdeutsch! trumpft Baden-Württemberg auf, jenes Ländle, dessen zweiter Halbname vor der vorletzten Rechtschreibreform treffender »Wirt am Berg« hieß und noch passender »Ochs am Berg« heißen sollte. Nicht daß die Bayern da viel besser wären - aber die haben sich immerhin einen leidlich Hochdeutschen zum Ministerpräsidenten wählen lassen, der mit grämigem Gesicht und sämigem Gesprech »zur Sache kommt«, wenn die Ba-Wüs (doch, das darf man jetzt!) noch ihren Süßwein hinunterschlucken. Aber sie holen auf: Nun fordert die Regierung des antihochdeutschen Doppelstäätles, Ausländer müßten Deutschkurse absolvieren, wenn sie weiterhin ungestört Spätzle essen wollen.

Da haben sie was zu tun. Ich zum Beispiel gehöre einer Generation an, die ihre Schulhofkommunikation vornehmlich mit Vokabeln wie »ächz!«, »dresch!«, »Peng!«, »Rumms!«, »nix kapier!« und »Klickeradoms!« bestritt. Lehrern und Eltern standen die Haare zu Berge: Das kommt vom vielen Comics-Lesen! gebetsmühlten sie und verfaßten regalweise soziopsychologische Literatur, die heute niemand mehr versteht. Und empfahlen uns statt DONALD DUCK, ZACK und MAD wärmstens sogenannte pädagogisch wertvolle Fernsehsendungen.

Har har! Diebisch freu! Heute nämlich ist es so, daß gleich überhaupt ein Drittel aller Kinder unter Sprachstörungen leidet respektive gar nicht sprechen kann, obwohl Comics nur noch von Jugendlichen um die fünfzig gelesen werden. Der Nachwuchs hingegen tut, was Psychologen immer noch wärmstens empfehlen: Er bildet seine Medienkompetenz, indem er ganztags vor der Glotze hängt, die »Pokemons« anstarrt und danach bei dem Versuch, eine Kommunikation zusammenzubringen (die früher in Sätzen wie »Hey! wow! und wie der Donald dann von dem Dings runterfällt, Wahnsinn!« stattfand) in wirre Zuckungen, unidentifizierbare Gebärden und zusammenhangloses Stammeln verfällt.

Bundeskanzler Schröder fordert rückhaltlos, solche Kinder müßten umgehend ans Netz angeschlossen werden. Jawoll! kann man da nur beipflichten - und zwar so fest, daß sie keinen Schaden anrichten können, indem sie zum Beispiel später mal Entscheidungsträger werden! Oder Freizeitforscher. Oder Harvard-Absolventen. Oder Deutschlehrer.


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