Geschrieben irgendwann 1998, aktualisiert und erweitert im März 2001 (weil in der vorhergehenden Folge der »Belästigungen« ein Redakteur aus »trotz ihrem Namen« »trotz ihres Namens« gemacht hatte), im Mai erschienen; danach stellenweise weiter aktualisiert und schließlich im September 2001 auch noch als Grundlage für einen »Brief an die Leser« in der TITANIC herangezogen. Nachzulesen auch in diesem Buch:

Fußnoten:
(1) Den Vogel abgeschossen hat in dieser und anderen Hinsichten im September 2002 eine »Pro-7-Reportage«, in der ein Sprecher über ein Milchprodukt forsch behauptete: »Er zählt zu einem der edelsten Käsesorten.«
(2) Eine lustige Marginalie: Ausgerechnet der SZ-Mitarbeiter Michael Skasa, so entnehme ich einer Meldung in der SZ, die in den letzten Jahren zu einem richtiggehenden Labor falscher Genitive und schwachsinniger Anwendungen der Reformsprache (nichts desto Trotz) geworden ist, ausgerechnet ein Mitarbeiter dieser SZ also hat eine Aktion »Rettet dem Dativ« ins Leben gerufen.
(3) Die Schwemme blödfalscher Genitive macht selbst vor der Dichtung nicht halt. Vom alten Goethe wollen wir nicht sprechen, da dessen zuweilen aussetzende Sprachmächtigkeit erwiesen, belegt und bekannt ist. Hingegen hätte man von Robert Gernhardt eine Wendung wie samt selbsternannter Retter (richtig wäre natürlich: »samt selbsternannten Rettern«) eigentlich nicht erwartet (Lichte Gedichte, S. 111).

 
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in Band 3:

Ehrenrettung für kaugummikauende Hinterhoftypen

Das Erbgut des wilden Affen (und andere Superwaffen)

Spiele-Spaß mit Ulrich Peltzer

Vom rollenden zum rechten Terror

Fitneß pur: Das große Amerika-aus-dem-Fenster-Schmeißing

Hirnbeiß mit Knödel - Wirft Lothar hin?

Morgen ist gestern: Von Postbeamten, Post-Nazis und Post-Terroristen

Statt BWL und "Schwarzbuch": Catan besiedeln!

Ächz! Dresch! Nix kapier! Deutsch ganz schwer sei!

Meiner Trotz und Dank

Die Geburt der Tragödie aus dem Geist des Weines (und anderer Müll)

Das letzte Wort: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" (Laurenz Meyer et al.)

Der Turm gehört uns allen!

Durchstarten: Abgebogen wird nur nach vorn!

Im tiefen Tal der Ticketattacken

Flusen, Brauntonnen, Müllpolizisten

Modern Living: Verblöden auf der Autobahn

Ich bin ein maßlos bescheidenes Papierschiffchen

Der Tag der Himbeere - Von der Transsubstantiation des Schmerzes und ihren Folgen

Vergeblicher Versuch, schmuddel-klebriges Gepampe zu erklären

Kugel am Bein und Salat dazu

Ich will so schreiben, wie ich bin

All Heil? Oh Ween! oder: Warum Alice Cooper unbedingt ein deutscher Kürbis werden muß

Wenn das Hirn klumpt und suppt, ist man besser still

Heute wegen Geschlossenheit geschlossen

Warum man manchmal Klaus Kinski sein möchte

Ungeordnete vorwinterliche Fluchtgedanken

Der Rundlauf der zivilisierten Rindviecher

Das MVV-Zeitparadoxon

"Haste mal 'ne letzte Mark?"

Das Elend der Dreckschweine im eigenen Sumpf

"Sakrisch blääd"

Witsch-Watsch-Poff statt Playmobil

Geschenk und Qual

Kein sauer Bier mehr in der Zone, ach!

Rumms - und weg!

Weihrauch, Myrrhe, Abos

Zum Donnerwepper!

Hilfe, ich habe einen Hammermörder geheiratet!

Briefe an (einige) Leser

Belästigungen 1

Belästigungen 2

Belästigungen 4

Meiner Trotz und Dank

Beobachten konnte man den merkwürdigen Vorgang schon seit einiger Zeit: Dem Deutschen verrutschen beim Sprechen und Schreiben zwischen Hirn und Zunge/Feder die Fälle. Nachdem sich der lange Zeit eher erratische Dank- und Trotzgenitiv flächen- und seitendeckend durchgesetzt hat (was dem schönen alten Wort »trotzdem« in naher Zukunft einige Schwierigkeiten bereiten dürfte: Der häßliche Bruder »trotzdessen« naht auf den flinken Füßen der Logik) und uns Ausdrücke wie »trotz des schlechten Wetters« und (bitte laut lesen:) »dank Öl-Booms«, hihi, beschert hat, ist der Siegeszug des zweiten Falles nicht mehr aufzuhalten. Alles wird in Zukunft verbesitzt (was vielleicht auch ein Zeichen für den mentalen Zustand der spätkapitalistischen Gesellschaft sein mag, siehe weiter unten, aber darauf will ich nicht beharren) - statt mit meiner Freundin ins Kino zu gehen, tue ich das fürderhin »mit ihrer«, und zwar »ohne meines Geldes«, weshalb wir uns »keiner Karte« kaufen können und wieder »nach Hauses« gehen müssen.

Was ist das eigentlich für ein Kerl, dieser Genitiv? Und warum schleicht er sich in letzter Zeit in praktisch jede deutschsprachliche Äußerung, die aus mehr als zwei Wörtern besteht? Zwingt uns gar zu Formulierungen wie der folgenden, die uns leicht variiert in einem anschwellenden Plapper-Chor aus immer mehr TV-Dokumentationen entgegenschallt: »Hier liegt das Oxibinoxi-Tal, einer der schönsten Naturlandschaften des Landes.«? Eine ARD-Sendung führt uns per Kamera in die Sowieso-Straße, »einer der Zentralen« von irgendwas; ein Schallplattenrezensent teilt uns mit, was ihm ein Freund nach gemeinsamen Genusses der Schallplatte mitgeteilt hat. Das ZDF verbessert seine Programmvorschau mit den Wörtern: »entgegen früherer Ankündigungen«, um danach einen Kommissar ins Rennen zu schicken, der sich fragt, ob der Verdächtige »überhaupt auf freien Fußes ist«. »Gemäß dieser Regeln« erscheint als leicht blasierte Version des proletarischen »meines Wissens nach«, die abgeschwächte Form lautet: »laut eines Berichts«. In der »Zeitschrift« MAX schreibt Christoph Amendt: Als Modern Talking im Herbst 1987 nach Rußland reist, dem Land (...) - und wir horchen auf: ein Konservativer? Doch entledigt er sich mit dem folgenden Satz Dieter Bohlen töhnt, er hätte (...) des Verdachts der Sprachbeherrschung schneller, als wir ihn ihm überhaupt anhängen könnten. Die TAZ (entgegen aller Erwartungen) recherchiert gegenüber des Sportstadions, und ein RTL-Sprecher brachte es kürzlich gar fertig, die Wendung »gegenüber des Restaurants« mit der Zeitangabe »seit diesen Jahres« zu verknüpfen.

Gar keine Entdeckung mehr, sondern allgemeiner Usus ist die genitivierte Zeitangabe »im Jahre sowieso vor Christi«. Ebenso wie diverse Varianten hiervon: Die Rolling Stones gehören zu einer der erfolgreichsten Rock-Gruppen. (1) Zu welcher? fragt man verzweifelt. Und müßte sich fragen: zu wem? - guter alter Dativ, was tut man deiner an! »Einer der Treffer, den wir häufig sehen werden« fällt einem Fußballreporter auf, und Wolfgang Overath, rückblickend auf die WM 1974, stellt unter forschem Totalverzicht auf eine Präposition oder ähnliches fest: »Die Holländer waren einer der besten Mannschaften.« Einen einsamen Höhepunkt setzt der Reporter des WM-Spiels England - Brasilien am 21. Juni 2002, indem er behauptet, die Brasilianer machten »trotz Unterzahls auf dem Platz« eine gute Figur. Die SZ (entgegen aller Beteuerungen, aber ohne der ständigen Angst) meldet, die finnische Staatspräsidentin sei aus Protest gegen die Kirchensteuer und der Ablehnung weiblicher Priester aus der Kirche ausgetreten, Hans Eichel habe außer seines Ministeramtes noch etwas anderes mit Rudolf Scharping gemeinsam, Waldbrände in Australien seien die Folge von eigener Sünden, und die PDS-Politikerin Brigitte Wolf habe sich neben ihres Studiums bereits in Widerstandsbewegungen engagiert. (2) Der Bayerische Rundfunk berichtet in HEUTE IM STADION vom »Spiel des Ersten gegen des Vierten«, der von der Spielvereinigung Unterhaching entlassene Trainer Köstner geht »mit erhobenen Hauptes«. Selbst die ZEIT, die ansonsten gerne sprachgewaltige Verteidigungsreden für die Rechtschreib-»Reform« zimmert, leistet sich Ausfälle wie diesen: Nur Marshall McLuhan war einer der wenigen Zeitdiagnostiker, der den Kritikern der visuellen Medien entgegentrat. Hier ist gleich mehrerlei verrutscht: Wenn nur McLuhan entgegentritt, wer sollen dann die anderen wenigen sein, die im Nebensatz ohnehin wieder auf die Einzahl reduziert werden? »Trotz des Essens«, »außer des einen Beispiels«, »samt seiner Mitarbeiter«, »gemäß des Plans«, »vor Spielbeginns« ... ein Ende des Wahnsinns ist nicht abzusehen. (3)

Manchmal ist bloße Angeberei im Spiel: Um sich von der modernen Halfpipe-Schludersprache abzusetzen - die sich in Rudimentär-Eloquenzien erschöpft und auf die Frage »Wessen Schlüssel ist das?« antwortet: »Das ist der vom mir!« -, greift man auf scheinbar archaische Formen der Konjugation und Wortversatzung zurück, ersetzt »aber« durch »allein« (»mir fehlt der Glaube«) und denkt nicht mehr nur an sich, sondern läßt sich herab, seiner zu gedenken. Ein weiterer Verdächtiger ist die epidemische Neigung zu wirren und verfehlten Blödel-Anglizismen, die uns neben »Handy«, »Content« und »Profit Center« und gemäß der »Making sense«-Regel (»Sinn machen«) via »in spite of« auch »trotz dessen« beschert haben könnte.

Vielleicht aber spiegelt sich hier auch die bundesrepublikanische Sozialwirklichkeit der Gegenwart - warum sollte die Sprache als einzige (neudeutsch: »einzigste«) von deren Auswirkungen verschont bleiben? Die zunehmende Entsolidarisierung der Gesellschaft führt zur Kündigung des sprachlichen Generationenvertrags. Wer schon nichts besitzt, will sich durch wahllosen Einsatz des Besitz-Falls wenigstens (neudeutsch: »zum mindestens«) grammatisch vom stammelnden Wohlstandsmüll absetzen. Ein Gesetz dagegen gibt es nicht. Wird es auch so schnell nicht geben: Die Arbeitsgruppen Reformstau, Blockade und Verkrustung sind einstweilen noch mit der Abschaffung von Wörtern wie »notleidend«, »alleinstehend«, »fleischfressend«, »besorgniserregend« und der Überwachung des strikten Verbotes ähnlicher Neubildungen voll ausgelastet.

Und wenn es ein solches Gesetz gäbe, wär' es auch egal. Der 2001-Verlag zum Beispiel lobt einen Roman seines Autors Duff Brenna mit der Ankündigung, darin werde geprügelt, gevögelt, gestorben und gesetzesgebrochen. Nun denn, laßt uns aller verfügbaren Gesetze brechen und nicht mehr an der Leser denken!


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