Geschrieben und gesammelt im Verlauf des Sommers 2001, fertiggestellt am 8. Oktober 2001 auch als Argument für die Einführung einer »Rechtschreibinsel« im IN MÜNCHEN; dort am 24. Oktober erschienen; die angeführten Beispiele sind dank ständigen Mutationen der neuen Regelwerke möglicherweise inzwischen überholt. Nachzulesen auch in diesem Buch:

Fußnoten:
(1) Inzwischen ist er - soviel ist sicher - gegangen.
(2) Vor einigen Jahren erklärte mir in einem linguistischen Hauptseminar der ansonsten sehr beschlagene Professor Schlobinski, es habe grundsätzlich auch keinen Sinn, am Ende eines Wortes zwischen »t« und »d« zu unter-scheiden, da beide exakt gleich - nämlich als »t« - gesprochen würden. Mein Einwand, es gebe zumindest in der süddeutscheren Sprache durchaus einen Unterschied zwischen »Abend« und »Advent«, zwischen »Lügenbold« und »Polt«, wurde nicht akzeptiert. Weiterhin ungeklärt sind zwei andere damals von mir zur Diskussion gestellte Fälle: In einigen deutschen Dialekten (oder modernen Abformen) wird der »Käse« beharrlich als »Kesä« bezeichnet (ähnliche Wörter analog), und das grundständig deutsche »Amt« kann man so überhaupt nicht aussprechen, ohne sich die Zunge zu brechen - es müßte »Amnt«heißen.

 
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in Band 3:

Ehrenrettung für kaugummikauende Hinterhoftypen

Das Erbgut des wilden Affen (und andere Superwaffen)

Spiele-Spaß mit Ulrich Peltzer

Vom rollenden zum rechten Terror

Fitneß pur: Das große Amerika-aus-dem-Fenster-Schmeißing

Hirnbeiß mit Knödel - Wirft Lothar hin?

Morgen ist gestern: Von Postbeamten, Post-Nazis und Post-Terroristen

Statt BWL und "Schwarzbuch": Catan besiedeln!

Ächz! Dresch! Nix kapier! Deutsch ganz schwer sei!

Meiner Trotz und Dank

Die Geburt der Tragödie aus dem Geist des Weines (und anderer Müll)

Das letzte Wort: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" (Laurenz Meyer et al.)

Der Turm gehört uns allen!

Durchstarten: Abgebogen wird nur nach vorn!

Im tiefen Tal der Ticketattacken

Flusen, Brauntonnen, Müllpolizisten

Modern Living: Verblöden auf der Autobahn

Ich bin ein maßlos bescheidenes Papierschiffchen

Der Tag der Himbeere - Von der Transsubstantiation des Schmerzes und ihren Folgen

Vergeblicher Versuch, schmuddel-klebriges Gepampe zu erklären

Kugel am Bein und Salat dazu

Ich will so schreiben, wie ich bin

All Heil? Oh Ween! oder: Warum Alice Cooper unbedingt ein deutscher Kürbis werden muß

Wenn das Hirn klumpt und suppt, ist man besser still

Heute wegen Geschlossenheit geschlossen

Warum man manchmal Klaus Kinski sein möchte

Ungeordnete vorwinterliche Fluchtgedanken

Der Rundlauf der zivilisierten Rindviecher

Das MVV-Zeitparadoxon

"Haste mal 'ne letzte Mark?"

Das Elend der Dreckschweine im eigenen Sumpf

"Sakrisch blääd"

Witsch-Watsch-Poff statt Playmobil

Geschenk und Qual

Kein sauer Bier mehr in der Zone, ach!

Rumms - und weg!

Weihrauch, Myrrhe, Abos

Zum Donnerwepper!

Hilfe, ich habe einen Hammermörder geheiratet!

Briefe an (einige) Leser

Belästigungen 1

Belästigungen 2

Belästigungen 4

Ich will so schreiben, wie ich bin

Neulich entnahm ich meiner Lieblingszeitung folgende Meldung: Sicherheitsmassnahmen in Bayern verstärkt - da ich aufgrund spätherbstlicher Nachsommerung gerade einen Krug in Händen hielt und mich also solchermaßen an der »Massnahme« beteiligte, fühlte ich mich im derzeit wallenden Weltenbrandgetrummel doch recht sicher.

Dann aber fiel mir ins leicht angenebelte Hirn, daß selbiges Blatt unlängst behauptet hat: Trotzdem will er sicher gehen. Gemeint war Werner Lorant, aber nicht gemeint war die berufliche Zukunft des Löwen-Trainers. (1) Zurückzuführen ist der beidenfalls gemeldete Unfug auf die reformierte deutsche Sprache, die es Grundschülern möglich machen soll, im Diktat bessere Noten zu erreichen, die uns aber durch den horrenden Abfluß einstmals gängiger Wörter ins sprachliche Nirvana täglich vor Rätsel stellt.

In der ZEIT war nicht nur von Gerhard Schröder zu lesen, er habe sich dahin gehend geäußert (offenbar ein Schlender-Interview, denn über ein Ziel, zu dem er hingegangen wäre, war nichts zu erfahren); sondern auch von einem braun gebrannten Menschen die Rede, und natürlich sind wir nicht blöd und wissen per Transfer zumindest ungefähr, was gemeint ist; aber schon aus Trotz stellen wir fest: Man kann jemanden böswillig brennen, arg und überraschend brennen, ihn mit einem glühenden Brandeisen brennen, aber damit man jemanden braun brennen kann, muß man entweder selbst sehr braungebrannt oder ein Nazi sein, und beides ist trotzdem irgendwie Schwachsinn.

Die Regel, denn eine solche steckt in Deutschland hinter jedem Schmarrn, lautet, so hat man mir dargelegt, in etwa ungefähr ziemlich so: Was man steigern kann, wird meistens getrennt, es sei denn, es ist ein Sonderfall, oder auch nicht oder andersrum. Das heißt: Schröder könnte theoretisch noch mehr dahin gehen, Lorant noch sicherer gehen, und da man sich bei ausreichender Sonnenstrahlung in einen Neger verwandelt, kann man sich oder andere auch »bräuner brennen«. Das mag alles sein; mag auch sein, daß es mit der Verwandlung vieler »ß« in »ss« für kurzzeitig Zugereiste nicht mehr ganz so plausibel ist, im Biergarten forsch eine »Maas« zu bestellen.

Aber von »ss« und Maas und Memel ganz abgesehen: Interessant ist an der Geschichte, daß schon einmal eine deutsche Regierung eine radikale Rechtschreibreform plante, 1940, und auch damals ging es vor allem darum, die Schreibsprache der Sprech-Sprache anzugleichen. Auf den ersten Gedanken eine prima Idee: Wozu sollen unsere Kinder respektive ABC-(!)-Schützen etwas schreiben, was man (angeblich!) (2) gar nicht sprechen kann? ein »ß« in »Kuß«, »daß« und »Fluß« zum Beispiel? Also: weg damit, ebenso wie mit dem griechelnden »ph« - aus dem Photo wird ein Foto, der Delphin zum Delfin, und in der Mathematik, einer ohnehin adeligen Wissenschaft, wird es von Grafen bald nur so wimmeln.

Zum Glück konnten die Nazis ihre blöden Pläne wenigstens dieses eine Mal nicht in die Tat umsetzen, denn der nächste Schritt wäre ein logischer gewesen: Wozu sollen unsere Kinder etwas malen und zeichnen, was man gar nicht sieht? Statt Wachsmalkreide und Buntstift drückt man den Kleinen eine Kamera in die Hand - da ist der Baum, da ist die Mama, alles ohne unrealistische Phantasiegebilde, effektiv wiedergegeben und für den uninformierten Betrachter bei ausreichender Handsicherheit gleich zu erkennen.

Ebenso sinnvoll ist das »Stammprinzip«, dem zufolge man Geld nun »aufwändet«, weil es dem in der Wand befindlichen Automaten entspringt, und aus dem Quentchen ein »Quäntchen« wird, weil es von »quintus« kommt. Auf fixen Sohlen eilen Wörter wie »Quantessenz«, »Hässen« und »angäblich« herbei - immerhin, die Sache verspricht, lustig zu werden.

Ich hab's genau gehört! Da hinten hat einer gemurrt: Was ist denn das für ein Hinterwäldler! Betonkopf! Verweigert sich den Notwendigkeiten einer modernen Schriftsprache, die in der und durch die großartige Rechtschreibreform geregelt sind! Will unsere armen Schulkinder verderben, die nun hilflos durch die Gegend stolpern und überhaupt nicht mehr wissen, wie man was schreibt! Ist wahrscheinlich einfach zu blöd für die neuen, viel leichteren Regeln!

So so. Dann machen wir doch mal einen Versuch. Welches der folgenden Wörter ist nach den Regeln der Reformverschriftung falsch bzw. ein Fehler? : halblaut, halb leer, hocherfreut, hoch empfindlich, hoch geehrt, hochgelehrt, wohlanständig, wohl überlegt, wohlgesetzt, wohlverstanden, wohl behütet, wohl schmeckend, wohlriechend, kennen lernen, zurückweichen ...

Richtig geraten? Genau: keines davon. Auch der Satz »Er bat ihn zu prügeln« ist »richtig«, obwohl kein Mensch erfährt, wer da nun wen prügeln soll. Erlaubt wäre es auch, weiterhin »aufwendig« und »selbständig« zu schreiben. Und unsere armen Schulkinder, die den Unfug lernen sollen, haben es mit dem Lesen nach wie vor genauso leicht wie wir damals, als wir Goethe, Schiller, Lessing oder wahlweise Scherr, Jean Paul und Lichtenberg gelesen haben. Die haben sich nämlich auch nicht um die Rechtschreibung geschert, die wir in der Schule lernen mußten, weil es die zu ihrer Zeit nicht gab. Und weil, liebe Reförmler, das Schreiben nun mal zum Lesen da ist und nicht zum Diktatfehlermachen oder -vermeiden, schreibe und bleibe ich so, wie ich bin - zumindest so lange, bis zwecks Erleichterung des Klavierspielenlernens per Gesetz die schwarzen Tasten abgeschafft werden.

(vgl. hierzu auch diese weitere Folge)


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