*Die hier gemeinte Geschichte trägt den angemessen langen Titel »Nur Feiglinge schwimmen gegen den Strom, oder: Toleranz im Handwaschbecken« und steht in Band zwei (In Wahns Welt. Belästigungen 31 - 60) auf Seite 124. Einschränkend möchte ich jedoch anmerken, daß in jenen zweiten und den ersten Band jeweils tatsächlich nur dreißig »Belästigungen« hineingegangen sind, während es in Band drei und Band vier viel mehr sind bzw. sein werden.

Geschrieben wurde dieser Text von Spätsommer 2000 bis 21. Januar 2001, später immer mal wieder ein bißchen bearbeitet, aber wegen schicksalshafter Überlänge ist er bislang nie erschienen. Dann habe ich ihn vergessen und erst im Juli 2003 wieder ausgegraben (aber auch danach und bis heute - d.h. bis zum Erscheinen dieses Buchs, s.u., - nicht gedruckt).

 
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in Band 4:
Der Umweg ist das Ziel! (eine Art Vorwort)

Geschlossene Anstalt

Wollt ihr die totale Motivation?

Neu: Ganzjährig grellbunte Preßwürste!

Vom Unter- und Übernehmen und anderen Blödheiten

Brunftchoräle im Leberwurstkessel

Achtung Kultur: Ab heute nur noch Mega-Oper!

Tunnel-GAU statt Hyperstau

80 Millionen hochwertige Produkte

Grüner Widerstand von Poller bis Gulli

Geistwesen zwischen Event und Bullshit

Enthaltsam vereint

Der König geht

Achtung, Ferkel! Sie werden beobachtet!

Arbeit statt Prost

65.000 Wohneinheiten für Schreibtische

Ich werde nie, nie, nie, nie eine Vision haben

Von Point zu Point: Der rollende Wahn

Mund auf, Ohren zu, Hirn tot

Erlauchter Bauch

Mit dem Kirch ins Dorf

Ehemals gewaltig

Mehr Beton!

Heute Ruhetag

Matte? Ben? Elise? Olles blaß ein Mäßverstindnis!

Tüdelü! Wo bist du? Und wer?

Wer sich nach Deutschland begibt, kommt darin weg

Würgen an Wallace

Das ideale Klima

Von der Belanglosigkeit des Viertellebens

Ich sage nur ein Wort: Mit mir nicht!

Der alte Mann und der Fruchtsaft

Offensive Zukunft Bayern: Himmel frei!

Hilfe! Hitze! Öltank-Terror und Bombastik-Bunt-Bomben!

Die große Koalition der Hüpfburgen

Nur keine Sentimentalitäten! sondern weg mit dem Zeug!

Die Entscheidung: Leberkrebs? Ebola? Zyankali?

Last Train To Konformistan

Falschlachs, Taumler, Verbrüderungsenzian

Wandern ohne Prallsack? Das wird teuer!

Die wundersame Zeitvermehrung

Rankende Strünke, keine Eier

Der Angriff der gelben Kamikaze-Killertomaten

»Arbeiter! Meidet die Schankräume der Demagogie!«

Ungeordneter vorweihnachtlicher Frühstücks-Hirnschwurbel

The Great Weihnachts-Swindle

Gleich und gleich vergleicht sich gern (oder andersherum)

Explodierende Wichtigkeiten aus Leder und Stahl

Alles Neue ist doof und stinkt!

Grüß Gott, Herr Widmer! Wo war ich?

Auf ins Land der "Wie kann ich Ihnen dienen!"-Kasperl!

Vom Weg zur Wurst (und wieder retour)

Die Axt in der Hand, der Hirntod auf den Dächern

Massenflucht ohne Ankunft

Friede den Hütten, Krieg den Verwaltern!

Einigkeit und Recht und vor allem mehr Geld

Namen sind Schall, Rauch und Terror

Wo die Hummel brummt und alles so ist, wie es ist

Abgedönerte Bestseller in Asylistan

Ah! Oh! M-hm! Nt! (und ansonsten durchschlafen)

Humanitäre Katastrophe: Wilde Sau im Bikini eingegraben!

Es gibt nichts nicht, was es nicht nicht gibt

Altfleischbrocken im Seichsud der Zivilisationswüste

Sinkende Spitzen und Stör-Gespenster

Rettet Ameise kein Irrenhaus, äh

Ausscheidungswettbewerb

Belästigungen 1

Belästigungen 2

Belästigungen 3

Der Umweg ist das Ziel (eine Art Vorwort)

Neulich sagte jemand: »Wenn du nicht immer so furchtbar weit ausholen würdest, dann täte deine Geschichten vielleicht auch mal jemand lesen! Zum Beispiel damals die Sache mit dem Ron Sommer und dem Schwarzgeräucherten: Das kam erst ganz am Schluß nach Millionen Zeilen, so lange hält kein vernünftiger Mensch durch!«* Ich lächelte ein bißchen, weil man das tut. Gesagt habe ich natürlich nichts, weil ich dann ja wieder so furchtbar weit ausholen hätte müssen, und am Schluß, wenn man fertig ist, sagen alle: »Das hätte man auch kürzer sagen können!« Es hilft nichts.

Weit ausholen muß man, weil einen sonst keiner versteht. Zum Beispiel diese modernen Bunt-Blättchen, die an den Kiosken hängen: Da ist alles ruckzuck erklärt; die versteht niemand. Deshalb kauft sich jeder gleich noch ein zweites. Vergeblich.

Außerdem ist es ja so, daß auch die Menschheitsgeschichte entsetzlich lang ist (außer für den lieben Gott und Methusalem) und furchtbar weit ausholt. Wie soll man die kurz erläutern? Nehmen wir nur mal die Sache mit diesen verkehrstechnischen Dingen. Die geht in etwa so: Es war einmal ein König, der ließ sich gerne durch sein Land tragen, zum Beispiel um den Zehnten einzusammeln. Er hätte auch gehen können, aber dazu war sein Land zu groß. Da hätte es immer irgendwo ein paar Leute gegeben, die gesagt hätten: »Was? Ein König? Den haben wir hier noch nie gesehen, also geben wir ihm auch keinen Zehnten, sondern gründen selbst ein Land und wählen unseren eigenen König!« Wenn alle Könige zu Fuß gegangen wären, gäbe es heute in Europa sechzigtausend Länder oder noch viel mehr, und daß das nicht gut ist, versucht uns Josef Fischer seit seinem Amtsantritt in kurzen Worten zu erklären.

Weil es dem König auf die Dauer zu dumm wurde, daß er beim Getragenwerden immer anhalten mußte, wenn er etwas essen oder trinken oder sich die Zehennägel schneiden lassen wollte, ließ er sich eines Tages einen Kasten bauen, in den er sich setzte. Da nahm er Kuchen, Wein und seinen Nagelschneide-Lakai mit hinein und hatte so ganz nebenbei auch noch den Komfort erfunden. Nur eines wurmte ihn: Seine Fabrik für chemische Kampfstoffe und Arschmedizin stand nutzlos in der Landschaft herum, weil keiner drin arbeiten wollte. Die Leute saßen lieber vor den Häusern, aßen ihr Brot und erzählten sich lange, weit ausholende Geschichten, während sie in die Abendsonne blinzelten.

»Geht doch in meine Fabrik und arbeitet!« schlug der König vor. »Dann könnt ihr euch auch eine Sänfte leisten und müßt nicht zu Fuß gehen!« Aber die Leute waren nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen, sondern antworteten mit gebührendem Respekt: »Nein danke. Wer soll uns denn tragen, wenn wir alle eine Sänfte haben?«

Da ließ der König das Rad und den Motor erfinden und brauste in einem Höllentempo durch sein Land. Das imponierte den Leuten doch mächtig. Ein Auto wollten sie auch haben. Also gingen alle brav arbeiten, kauften sich ein Auto und erfanden den Stau. In dem standen sie dann täglich, popelten in der Nase, ließen sich von Radio Charivari verblöden und überlegten, was man ändern könnte.

Es stellte sich heraus, daß zwei Räder viel schmaler als ein Auto sind. Und wem das nicht genügte, der ließ den Motor auch noch weg und war ganz begeistert von dem neuen Freiheitsgefühl. »Endlich wieder frische Luft atmen und den Kopf in der freien Natur!« sagte man und ließ Radwege bauen, um dem stinkenden Stau ganz zu entkommen.

Ein paar Fußgänger waren übrigens übriggeblieben. Die wurden von der wild vor sich hin boomenden Fortbewegungsindustrie schief angesehen, weil sie sich weigerten, ihre Produkte zu kaufen. »Kauft euch doch ein Auto, ein Mofa oder ein Rad, dann könnt ihr auch fahren!« sagte die Industrie, aber die Leute, die keine Garage und keinen Keller hatten, antworteten: »Und wo sollen wir das Ding dann abstellen?« Ein verschrobener Professor mit weißem Bart und Holzsandalen meinte, die Leute gingen deshalb zu Fuß, weil sie keinen Sinn darin sähen, sich zu beschleunigen. »Wo sollten sie denn so schnell hin?« fragte er rhetorisch. Das war Blödsinn, denn schnell sein will der Mensch von Haus aus, noch mehr als laut und dumm, und deshalb kam die Industrie eines Tages auf die Idee, Schuhe mit Rädern zu erfinden. Die konnte man nicht nur notfalls unters Bett stellen, sondern man war nun auch noch viel schneller, weil man schon vom Bett zur Haustür fahren konnte und dabei so in Schwung geriet, daß man draußen wie eine gesengte Sau losdüste. Das war toll! Autos und Radfahrer würden schon irgendwie ausweichen.

Das taten sie aber manchmal nicht, und so füllten sich die Krankenhäuser mit überfahrenen und vor Wut verprügelten Rollschuhfahrern, was dem König nicht gefallen hätte, wenn man ihn nicht inzwischen durch eine Demokratie ersetzt gehabt hätte. Die machte sich Sorgen, denn viele Leute konnten nicht arbeiten gehen, weil sie monatelang in den Krankenhäusern herumlagen. Zu den Rollschuhfahrern gesellten sich dort viele Radfahrer – weil die Autofahrer in ihrem gerechten Zorn beschlossen hatten, die auch gleich zu ignorieren – und Autofahrer, die einfach so ganz von alleine verunglückt waren. Also beschloß die Demokratie, daß fortan alle Radfahrer einen Helm zu tragen hätten. Die Rollschuhfahrer blieben zunächst verschont, doch nach einiger Zeit verordnete man auch ihnen Kopf-, Arm- und Beinschoner. Wenn man die mit ein paar Stangen verbindet, hat man praktisch schon eine Karosserie, in der man zudem prima sitzen, essen, trinken und telephonieren kann, und so wurde das Auto ein zweites Mal erfunden, nur daß diesmal die Räder an die Füße geschraubt wurden. Das ist alles sehr logisch, gell?

So. Und jetzt mal ganz ehrlich: Wenn ich geschrieben hätte: »Eines Tages werden die Leute die Räder von ihren Autos runterschrauben und sie an ihren Schuhen befestigen, weil das sehr logisch ist«, dann hätte doch bestimmt jeder gesagt: »So ein Blödsinn! Das verstehen wir nicht!« Also ist auch diese Geschichte wieder furchtbar lang geworden; aber die paar, die mir bis hierher gefolgt sind, die haben dafür eine ganze Menge gelernt, oder?


e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein bißchen Komödie ist ganz schön, aber Sie sollten nicht zu weit weggehen vom Bahnhof - sonst fährt das Drama ohne Sie weiter.
Vladimir Nabokov

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