Geschrieben am 26. März 2002 auf Grundlage einer umfangreichen Sammlung von Zeitungsberichten über Jürgen Höller; erschienen im IN MÜNCHEN am 3. April. Auch enthalten in diesem Buch:

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
in Band 4:

Geschlossene Anstalt

Wollt ihr die totale Motivation?

Neu: Ganzjährig grellbunte Preßwürste!

Vom Unter- und Übernehmen und anderen Blödheiten

Brunftchoräle im Leberwurstkessel

Achtung Kultur: Ab heute nur noch Mega-Oper!

Tunnel-GAU statt Hyperstau

80 Millionen hochwertige Produkte

Grüner Widerstand von Poller bis Gulli

Geistwesen zwischen Event und Bullshit

Enthaltsam vereint

Der König geht

Achtung, Ferkel! Sie werden beobachtet!

Arbeit statt Prost

65.000 Wohneinheiten für Schreibtische

Ich werde nie, nie, nie, nie eine Vision haben

Von Point zu Point: Der rollende Wahn

Mund auf, Ohren zu, Hirn tot

Erlauchter Bauch

Mit dem Kirch ins Dorf

Ehemals gewaltig

Mehr Beton!

Heute Ruhetag

Matte? Ben? Elise? Olles blaß ein Mäßverstindnis!

Tüdelü! Wo bist du? Und wer?

Wer sich nach Deutschland begibt, kommt darin weg

Würgen an Wallace

Das ideale Klima

Von der Belanglosigkeit des Viertellebens

Ich sage nur ein Wort: Mit mir nicht!

Der alte Mann und der Fruchtsaft

Offensive Zukunft Bayern: Himmel frei!

Hilfe! Hitze! Öltank-Terror und Bombastik-Bunt-Bomben!

Die große Koalition der Hüpfburgen

Nur keine Sentimentalitäten! sondern weg mit dem Zeug!

Die Entscheidung: Leberkrebs? Ebola? Zyankali?

Last Train To Konformistan

Falschlachs, Taumler, Verbrüderungsenzian

Wandern ohne Prallsack? Das wird teuer!

Die wundersame Zeitvermehrung

Rankende Strünke, keine Eier

Der Angriff der gelben Kamikaze-Killertomaten

»Arbeiter! Meidet die Schankräume der Demagogie!«

Ungeordneter vorweihnachtlicher Frühstücks-Hirnschwurbel

The Great Weihnachts-Swindle

Gleich und gleich vergleicht sich gern (oder andersherum)

Explodierende Wichtigkeiten aus Leder und Stahl

Alles Neue ist doof und stinkt!

Grüß Gott, Herr Widmer! Wo war ich?

Auf ins Land der "Wie kann ich Ihnen dienen!"-Kasperl!

Vom Weg zur Wurst (und wieder retour)

Die Axt in der Hand, der Hirntod auf den Dächern

Massenflucht ohne Ankunft

Friede den Hütten, Krieg den Verwaltern!

Einigkeit und Recht und vor allem mehr Geld

Namen sind Schall, Rauch und Terror

Wo die Hummel brummt und alles so ist, wie es ist

Abgedönerte Bestseller in Asylistan

Ah! Oh! M-hm! Nt! (und ansonsten durchschlafen)

Humanitäre Katastrophe: Wilde Sau im Bikini eingegraben!

Es gibt nichts nicht, was es nicht nicht gibt

Altfleischbrocken im Seichsud der Zivilisationswüste

Sinkende Spitzen und Stör-Gespenster

Rettet Ameise kein Irrenhaus, äh

Ausscheidungswettbewerb

Belästigungen 1

Belästigungen 2

Belästigungen 3

Ich werde nie, nie, nie, nie
eine Vision haben

"Mich leitet kein Größenwahn", hat Leo Kirch vor kurzem gesagt, "sondern die Idee, maximales Eigentum zu erwerben, um Maximales zu bewegen." Wir wollen davon absehen, daß Adolf Hitlers Rechtfertigung für sein Wirken (mit einer leichten Modifizierung des Wortes "Eigentum") exakt dieselbe gewesen wäre. Interessanter ist die Tatsache, daß hier ein pathologisch Größenwahnsinniger, der gerade tausenden von Menschen das Leben ruiniert und seine angebliche Verantwortung für das Ganze und die Folgen mit der lapidaren Aussage "Dann frißt mich Murdoch eben, die Knochen wird er mir schon lassen" in den Wind geschossen hat, – daß ein derartig gemeingefährlicher Größenwahnsinniger behauptet, er sei nicht größenwahnsinnig, sondern bloß größenwahnsinnig. Daß der Rest der Welt das mit einem Nicken hinnimmt und ihn weiterhin für einen anständigen Burschen hält, sollte Grund genug sein, sich die Haare einzeln auszurupfen.

Ich möchte die Geschichte eines anderen Mannes erzählen, der Jürgen Höller heißt, ebenfalls gemeingefährlich und pathologisch größenwahnsinnig ist, dem es aber im Gegensatz zu Kirch nicht genügt, seinen Größenwahn in die Welt hinauszutrompeten, sondern der möchte, daß alle anderen genauso größenwahnsinnig werden wie er, und damit auch noch Geld verdient. Und während "bewegen" bei Kirch heißt, daß am Ende alle regungslos vor der Glotze hängen und Müll anschauen, ähnelt der Bewegungsdrang dieses Mannes eher dem des eingangs erwähnten Führers – das Ziel ist die totale Mobilisierung.

Seine Denkweise geht folgendermaßen. Zuerst hat er eine Vision. Das heißt nicht, daß er Gespenster sieht und nach Eglfing gehört (obwohl: zumindest letzteres eigentlich doch). Seine Vision lautet: Ich werde Erfolg haben! Der Plan: Damit sich endlich etwas bewegt, müssen die Menschen motiviert und fanatisiert werden, und der Mann, der sie dazu bringen wird, Dinge zu tun, die sie im Zustand der Vernunft nie täten, bin ich. Dann richtet er sein gesamtes Handeln nach der Vision aus; und weil es nun mal so ist, daß das Sein das Bewußtsein bestimmt, folgt sein Denken fortan exakt seinem Handeln, also der Vision, und irgendwann gibt es außer diesem Teufelskreis der Verblödung gar nichts mehr.

Der Mann motiviert nun also, ganztags. Er hopst zwischen Nebelkanonen auf Bühnen herum, plärrt wirtschaftsfaschistische Parolen und Brunftgeräusche in Sportpaläste voller erfolgswilliger Menschen, denen es vollkommen egal ist, ob sie über glühende Kohlen, über Leichen oder über beides gehen müssen, wenn sie IHN nur endlich erreichen: den absoluten, totalen ERFOLG. Dazu bekommen sie von dem Mann ein paar laue Platitüden der Sorte "Glaube nur an dich selbst!", "Sag ja zum Erfolg!" oder "Es liegt an dir selbst, was du aus deinem Leben machst!", die sie nach dem Verklingen der dröhnenden Tumpf-Tumpf-Motivations-Marschmusik am Ausgang für ein paar hundert Mark auch noch als Buch und CD erwerben können. Das ganze Spektakel heißt "Powerday" und kostet selbstverständlich horrenden Eintritt, schließlich will der Mann als gutes Beispiel vorangehen und zeigen, wie man aus Scheiße Geld macht. Mit, na klar, Erfolg: Umsatz und Gewinn steigen jedes Jahr um 30 Prozent, er wird zum "Unternehmer des Jahres" ernannt.

Dann passiert etwas ganz Schlimmes: Der Mann, dessen treffliches Motto lautet "Die größte Eiche war zu Beginn nur eine kleine Eichel!", dieser Mann ist plötzlich selber wieder eine kleine Eichel, noch dazu eine mit verengter Vorhaut, hinter der sich ein ziemlich stinkiges Zeug angestaut hat. Ruckzuck ist seine Firma pleite. Das macht aber natürlich gar nichts, denn wie man heutzutage weiß, ist pleitegehen nichts Böses, sondern ganz alltäglich und ein "Reinigungsprozeß", wie ihn Eicheln eben manchmal nötig haben. So geht der Lauf der Dinge: Man nimmt fremdes Geld, wirft es aus dem Fenster, rennt eine Zeitlang hochmotiviert durch die Gegend, und wenn das ganze Geld draußen ist, wirft man seine Mitarbeiter und die kaputte Firma hinterher und gründet einfach eine neue. Mit den alten "Visionen": Ich schaffe es! Ich bewege etwas! Ich werde Erfolg haben! Ich gebe nie, nie, nie, nie, ich gebe niemals auf! Denn nach wie vor ist der Mann überzeugt, daß erfolglose Menschen unsozial sind – und nicht etwa diejenigen, die erfolgreich versuchen, den anderen ihr Geld abzuschwindeln, damit sie es selber in Porsche-Läden und Schweizer Banken tragen können.

Also macht der Mann weiter. Schließlich ist das für ihn nichts neues: Schon von seinen ersten vier Firmen sind drei pleitegegangen. Dazulernen ist etwas für Erfolglose, denken tun bloß Bedenkenträger; und Aussicht, daß irgendwer den Verblödungsterror einfach verbietet und den Mann doch noch ins Irrenhaus sperrt, besteht nicht.

"Du muß Verantwortung für dein Leben übernehmen!" lautet eine seiner Hauptparolen. Gemeint ist jene unternehmerische Verantwortung, wie wir sie von Leo Kirch und vielen ähnlichen Kerlen kennen. Die kostet nichts, das Risiko tragen die Angestellten, und zahlen tut am Ende das Sozialamt. Bloß schade, daß man die hypermotivierte "Ich AG" nach der Pleite nicht einfach aus dem Fenster werfen und eine neue gründen kann.

 


e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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