Geschrieben am 1. April 2002, einen Tag nach der Rückreise, für die diesmal ein echter Zug mit richtigen Abteilen zur Verfügung stand (allerdings hoffnungslos überfüllt, da auch diesmal kaum länger als ein Münchner Bus); erschienen im IN München am 17. April. Auch enthalten in diesem Buch:

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
in Band 4:

Geschlossene Anstalt

Wollt ihr die totale Motivation?

Neu: Ganzjährig grellbunte Preßwürste!

Vom Unter- und Übernehmen und anderen Blödheiten

Brunftchoräle im Leberwurstkessel

Achtung Kultur: Ab heute nur noch Mega-Oper!

Tunnel-GAU statt Hyperstau

80 Millionen hochwertige Produkte

Grüner Widerstand von Poller bis Gulli

Geistwesen zwischen Event und Bullshit

Enthaltsam vereint

Der König geht

Achtung, Ferkel! Sie werden beobachtet!

Arbeit statt Prost

65.000 Wohneinheiten für Schreibtische

Ich werde nie, nie, nie, nie eine Vision haben

Von Point zu Point: Der rollende Wahn

Mund auf, Ohren zu, Hirn tot

Erlauchter Bauch

Mit dem Kirch ins Dorf

Ehemals gewaltig

Mehr Beton!

Heute Ruhetag

Matte? Ben? Elise? Olles blaß ein Mäßverstindnis!

Tüdelü! Wo bist du? Und wer?

Wer sich nach Deutschland begibt, kommt darin weg

Würgen an Wallace

Das ideale Klima

Von der Belanglosigkeit des Viertellebens

Ich sage nur ein Wort: Mit mir nicht!

Der alte Mann und der Fruchtsaft

Offensive Zukunft Bayern: Himmel frei!

Hilfe! Hitze! Öltank-Terror und Bombastik-Bunt-Bomben!

Die große Koalition der Hüpfburgen

Nur keine Sentimentalitäten! sondern weg mit dem Zeug!

Die Entscheidung: Leberkrebs? Ebola? Zyankali?

Last Train To Konformistan

Falschlachs, Taumler, Verbrüderungsenzian

Wandern ohne Prallsack? Das wird teuer!

Die wundersame Zeitvermehrung

Rankende Strünke, keine Eier

Der Angriff der gelben Kamikaze-Killertomaten

»Arbeiter! Meidet die Schankräume der Demagogie!«

Ungeordneter vorweihnachtlicher Frühstücks-Hirnschwurbel

The Great Weihnachts-Swindle

Gleich und gleich vergleicht sich gern (oder andersherum)

Explodierende Wichtigkeiten aus Leder und Stahl

Alles Neue ist doof und stinkt!

Grüß Gott, Herr Widmer! Wo war ich?

Auf ins Land der "Wie kann ich Ihnen dienen!"-Kasperl!

Vom Weg zur Wurst (und wieder retour)

Die Axt in der Hand, der Hirntod auf den Dächern

Massenflucht ohne Ankunft

Friede den Hütten, Krieg den Verwaltern!

Einigkeit und Recht und vor allem mehr Geld

Namen sind Schall, Rauch und Terror

Wo die Hummel brummt und alles so ist, wie es ist

Abgedönerte Bestseller in Asylistan

Ah! Oh! M-hm! Nt! (und ansonsten durchschlafen)

Humanitäre Katastrophe: Wilde Sau im Bikini eingegraben!

Es gibt nichts nicht, was es nicht nicht gibt

Altfleischbrocken im Seichsud der Zivilisationswüste

Sinkende Spitzen und Stör-Gespenster

Rettet Ameise kein Irrenhaus, äh

Ausscheidungswettbewerb

Belästigungen 1

Belästigungen 2

Belästigungen 3

Von Point zu Point: Der rollende Wahn

An freien Tagen im Frühling ruft die Verwandtschaft – da steigt man, so will es die Tradition, frohgemut in einen Zug und fährt hin. Die romantischen Erinnerungen an zischende Loks, wichtige Schaffner in blitzenden Uniformen, elegante Waggons, aus deren Fenstern Tücher wehen und Tränen fließen, während am frühsonnigen Ende des Bahnsteigs aus Richtung Hackerbrücke die Ferne verheißungsvoll gleißt, all diese Bilder verpuffen aber schon beim Eintritt in den Münchner Hauptbahnhof, der laut einer Umfrage (ausgerechnet des ADAC!) neuerdings "top", aber dafür kein wirklicher Bahnhof mehr ist, sondern eine Ansammlung von "points" und Blech-Glas-Kästen mit Namen wie "Trend Aktuell" oder "Snack Line", in denen man pampige Tiefkühl-Mehl-Öl-Gemische erhitzt und buntes Klump verscheuert. Da muß man durch, erwirbt unterwegs noch schnell ein "Wochenend-Ticket", das zwar nicht gerade billig ist, zwei Tage später aber trotzdem noch mal um knapp 35 Prozent teurer wird. Dann kommt immerhin ein echter Bahnsteig, auf dem man auch umgehend erfährt – wenn man im Besitz von Supergoof-Ohren ist, die den übrigen Lärm ausblenden und das Nuschelwispern der Durchsage hörbar machen –, der für 11 Uhr 48 zur Abfahrt vorgesehene – nein, nicht Zug, sondern irgendwas mit "Inter", "Express" und sonstwas nach Nürnberg komme wegen "Gleisbauarbeiten" etwa fünf bis zehn Minuten später aus Nürnberg an und fahre deshalb auch fünf bis zehn Minuten später dorthin wieder los.

Das ist kein großes Problem, man hat genug Käsebrote dabei, um den Erwerb der erwähnten Mehl-Öl-Gemische zu vermeiden, setzt sich in die Sonne und gibt sich Erinnerungen hin, die eine Viertelstunde nach der vorgesehenen Abfahrtszeit jäh unterbrochen werden: Die "Gleisbauarbeiten" dauern nun doch länger, die Verspätung wächst auf 20 Minuten. Macht immer noch nicht viel, auch wenn die nun anrollende Welle kakophonischer Pieps-Versionen der schlimmsten "Evergreens" der Welt und "Ja, hallo, ich bin jetzt am Bahnsteig"-Plappereien doch ein wenig stört. Als 20 Minuten nach Abfahrt der "Express" noch nicht einmal eingetroffen ist, keimt doch ein bißchen Unruhe. Die Schaffner, die eigentlich nichts weiter zu tun haben als ihre Uniformen in der Gegend herumzutragen und müde zuzusehen, wie sich Türen "selbsttätig" schließen, suchen vorsichtshalber Deckung hinter blechernen Begrüßungs-Winkmännchen, die ansonsten nur die Funktion haben, fürchterlich in der Gegend herumzuragen, diese zu verschandeln und Schatten zu werfen. Erwischt man doch mal einen der notdürftig Uniformierten, zuckt er solange mit den Schultern, bis ihn die Durchsage, die Abfahrt verzögere sich um weitere zehn bis fünfzehn Minuten, erlöst. Dafür kann er nichts, ist ja auch kein Beamter mehr, sondern bloß Dienstleister resp. "Service Point".

Nun wird es wirr. Am gegenüberliegenden Bahnsteig fährt etwas Zugähnliches ein, das nach Nürnberg fahren soll, dies aber laut Städteverbindungszettel am Samstag gar nicht darf. Oder laut Fahrplan doch, dann um 12 Uhr 36, und da sich die Einfahrt des eigenen "Express" mittlerweile um eine Stunde verzögert, erwägt man einen Wechsel, zumal Durchsagen nun überhaupt keine mehr kommen; wahrscheinlich hat der freundliche Sachse, der zuvor für den Schwindel zuständig war, einen "McClean" aufgesucht (da es eine Toilette nicht mehr gibt), um sich für circa zwei Mark in der Kabine zu schämen. Da kommt der "Express" doch noch, man knobelt, steigt ein, sieht den 12:36er gegen dreiviertel eins davonfahren, der eigene Lokführer (falls es einen solchen noch gibt) folgt ihm bald darauf. Man quetscht sich in flugzeugähnliche Plastikschalensitzreihen, hofft einer Kollision zu entgehen (die bei einem solchen Chaos logischerweise an jeder Weiche in ganz Deutschland droht), glotzt auf die hermetisch versiegelten, vor Schlammschleiern erblindeten Scheiben, bibbert im eisigen Strom von umgewälztem Dunst aus Hunderten von Schuhen (ein vorbeikommender Servicemann erklärt, das Gebläse lasse sich nicht abstellen, höchstens aufheizen, worauf man angesichts der erahnten Zusammensetzung der Gase verzichtet); man stellt fest, daß der doppelstöckige "Express" deshalb aus allen Nähten platzt, weil er kaum so lang ist wie eine Nacht-S-Bahn, jedenfalls zu kurz für ein funktionierendes Exemplar der Hi-Tech-Klos – die bei Einbringung einer Zigarettenkippe sofort implodieren –, weshalb man die Beine notdürftig verknotet. Man sucht, da unter solchen Bedingungen an Lesen oder Konversieren nicht zu denken ist, vergebens die gesamte Strecke nach den mystischen "Gleisbauarbeiten" ab, gedenkt wehmütig der unerreichbaren Anschlußzüge, und am Ende wundert man sich überhaupt nicht mehr, daß der "Express" weniger einem Zug als einer von Vandalen malträtierten rollenden Aschentonne ähnelt, die mancher Fahrgast beim Aussteigen empört anspuckt. Man wundert sich vielmehr, daß keine öffentlichen Fahrkartenverbrennungen und Winkmännchen-Steinigungen stattfinden. Denn wer die Service-Hölle des deutschen Kollektiv-Verkehrs ohne Ausbrüche sinnloser Gewaltanwendung überlebt, der sollte sich zum Dalai Lama wählen lassen.


e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

zurück zur
Belästigungen-Hauptseite