Geschrieben am Abend des 17. April 2002 während der Kursivlektüre des leider arg enttäuschenden Büchleins "Die besten Geschichten für Besserwisser" von Walter Krämer und Götz Trenkler (der letzte Absatz beruht auf älteren Notizen); ein Internet-Leser hat mich inzwischen darauf hingewiesen, daß die Geschichte mit Beethoven möglicherweise auf einem Mißverständnis, jedenfalls aber auf einer verbreiteten Falschdarstellung beruht: "Therese von Malfattis Vater war nicht Arzt, sondern Großhändler. Die Töchter des Arztes Dr. Giovanni Malfatti wurden erst 1822 und 1825 geboren und hatten mit Beethoven nichts zu tun. Auch Ihre Geschichte mit dem 'bebrillten Lehrbub', der sich verlesen hat, ist völlig falsch, lohnt aber nicht die Korrektur." Erschienen ist der Text am 1. Mai 2002 im IN München. Auch enthalten in diesem Buch:

 
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in Band 4:

Geschlossene Anstalt

Wollt ihr die totale Motivation?

Neu: Ganzjährig grellbunte Preßwürste!

Vom Unter- und Übernehmen und anderen Blödheiten

Brunftchoräle im Leberwurstkessel

Achtung Kultur: Ab heute nur noch Mega-Oper!

Tunnel-GAU statt Hyperstau

80 Millionen hochwertige Produkte

Grüner Widerstand von Poller bis Gulli

Geistwesen zwischen Event und Bullshit

Enthaltsam vereint

Der König geht

Achtung, Ferkel! Sie werden beobachtet!

Arbeit statt Prost

65.000 Wohneinheiten für Schreibtische

Ich werde nie, nie, nie, nie eine Vision haben

Von Point zu Point: Der rollende Wahn

Mund auf, Ohren zu, Hirn tot

Erlauchter Bauch

Mit dem Kirch ins Dorf

Ehemals gewaltig

Mehr Beton!

Heute Ruhetag

Matte? Ben? Elise? Olles blaß ein Mäßverstindnis!

Tüdelü! Wo bist du? Und wer?

Wer sich nach Deutschland begibt, kommt darin weg

Würgen an Wallace

Das ideale Klima

Von der Belanglosigkeit des Viertellebens

Ich sage nur ein Wort: Mit mir nicht!

Der alte Mann und der Fruchtsaft

Offensive Zukunft Bayern: Himmel frei!

Hilfe! Hitze! Öltank-Terror und Bombastik-Bunt-Bomben!

Die große Koalition der Hüpfburgen

Nur keine Sentimentalitäten! sondern weg mit dem Zeug!

Die Entscheidung: Leberkrebs? Ebola? Zyankali?

Last Train To Konformistan

Falschlachs, Taumler, Verbrüderungsenzian

Wandern ohne Prallsack? Das wird teuer!

Die wundersame Zeitvermehrung

Rankende Strünke, keine Eier

Der Angriff der gelben Kamikaze-Killertomaten

»Arbeiter! Meidet die Schankräume der Demagogie!«

Ungeordneter vorweihnachtlicher Frühstücks-Hirnschwurbel

The Great Weihnachts-Swindle

Gleich und gleich vergleicht sich gern (oder andersherum)

Explodierende Wichtigkeiten aus Leder und Stahl

Alles Neue ist doof und stinkt!

Grüß Gott, Herr Widmer! Wo war ich?

Auf ins Land der "Wie kann ich Ihnen dienen!"-Kasperl!

Vom Weg zur Wurst (und wieder retour)

Die Axt in der Hand, der Hirntod auf den Dächern

Massenflucht ohne Ankunft

Friede den Hütten, Krieg den Verwaltern!

Einigkeit und Recht und vor allem mehr Geld

Namen sind Schall, Rauch und Terror

Wo die Hummel brummt und alles so ist, wie es ist

Abgedönerte Bestseller in Asylistan

Ah! Oh! M-hm! Nt! (und ansonsten durchschlafen)

Humanitäre Katastrophe: Wilde Sau im Bikini eingegraben!

Es gibt nichts nicht, was es nicht nicht gibt

Altfleischbrocken im Seichsud der Zivilisationswüste

Sinkende Spitzen und Stör-Gespenster

Rettet Ameise kein Irrenhaus, äh

Ausscheidungswettbewerb

Belästigungen 1

Belästigungen 2

Belästigungen 3

Matte? Ben? Elise? Olles blaß ein Mäßverstindnis!

Es passieren die seltsamsten Dinge. Zum Beispiel geht ein sehr norddeutscher Heavy-Metal-Fan mit seinem Kumpel an einem Laden vorbei, sieht einen Aufkleber seiner Lieblings-Heavy-Metal-Band im Schaufenster, will zu seinem Kumpel sagen: "Watte moll!", aber vor Aufregung sagt er "Matte woll!", und fünf Jahre später fragen sich die Soziologen vergeblich, wieso Heavy-Metal-Fans von außen aussehen wie schwitzende Schafe. Sie werden es nie herausfinden, denn der Ursprung der haarigen Geschichte war ein Mißverständnis.

Apropos Matte: Auf hebräisch heißt dieses Wort übrigens "Stock" (oder "kcotS", weil Hebräisch von rechts nach links gelesen wird, aber das ist mir jetzt zu kompliziert und würde bloß für weitere Mißverständnisse sorgen) – was im Grunde nicht weiter wichtig wäre; aber weil ein namenloser Bibelkundler vor vielen hundert Jahren aus einem "Matte" ein "Mitta" (heißt "Bett", außer man sagt "gessen" hinterher) gemacht hat, steht heute in Millionen von deutschsprachigen Bibeln, Jesus habe zu einem Kranken am See Bethesda gesagt: "Steh auf, nimm dein Bett und geh!" Und jeder, der das liest, wird instinktiv überzeugt sein, Herr Christus habe die Iso-Matte erfunden, auf der heute Millionen von Heavy-Metal-Fans vor dem Stadion kampieren und ihren Kornrausch ausschlafen, um danach die Asi-Matte zu flotten Rhythmen von Judas Priest zu schwenken. Eine wirre Welt!

Ein Mißverständnis, dies nur zur Präzisierung, ist etwas ganz anderes als ein Zufall. Ein Zufall ist rot, sitzt auf dem Gartentürl, und wenn das Gartentürl zufällt, bleibt die Uhr stehen oder so was (hingegen wenn ein Elefant auf dem Gartentürl sitzt, ist das kein Zufall, sondern Zeit für ein neues Gartentürl, und ein Missverständnis andererseits ist nicht besonders viel, obwohl die Damen angeblich auch immer einen Intelligenztest machen müssen). Wenn beides zusammenkommt, wird die Sache verheerend, besonders für Kinder, die dann Unmengen grünes Gift essen müssen, weil in einer der ersten schriftlich niedergelegten Analysen des Eisengehalts diverser Lebensmittel ein Komma eine Stelle nach rechts geflutscht ist und sich damit der Spinat in ein wahres Erzlager verwandelt fühlen durfte, obwohl Schokolade dreimal soviel von dem Zeug enthält. Zwar wurde der Fehler schon vor achtzig Jahren korrigiert, aber wenn der Mensch etwas Falsches erst einmal gehört hat, kann man es ihm in achthundert Jahren nicht mehr aus dem Kopf herauspauken. Schließlich gibt es den Popeye, und außerdem: Wer würde schon einem Kind trauen, das an Eisenmangel leidet und deshalb statt Spinat lieber Schoki zum Mittagessen möchte?

So geht das weiter. Wenn unser Heavy-Metal-Fan mit seiner Iso-Matte irgendwann nach London kommt, wird er sich die Zeit bis zum Beginn des Judas-Priest-Konzerts mit einem Stadtbummel vertreiben und den Big Ben sehen wollen. Kann er aber nicht, weil Big Ben nicht der Turm, sondern bloß die tief innen drinnen hängende Glocke ist – klar, denkt er, wegen dem Mords-Beng, den das Ding macht, aber auch das stimmt nicht: Ihren Namen hat die Glocke vom Hall, aber wiederum nicht dem eigenen, sondern Benjamin Hall, der gar nichts besonderes war, bloß damals amtlich verantwortlich für das öffentliche Bauwesen. Und wen das Geläute aus dem Turm entfernt an Beethovens Megahit "Für Elise" erinnert, der sollte einen kurzen Gedanken an Therese Malfatti verschwenden, die Tochter eines Wiener Arztes, der der liebeskranke Ludwig van sein Klimpertüdel eigentlich widmete. Leider schrieb der Klavierfeger auch nicht recht viel deutlicher als unser namenloser dazumaliger Bibelkundler, ein bebrillter Lehrbub in der Druckerei entzifferte "Elise" statt "Therese" – diese hatte den Spinat, und ihrem Komponisten wuchsen graue Haare. Wären gewachsen, heißt das, denn graue Haare gibt es nicht; sie sind ebenfalls ein Mißverständnis: Man mische zehn weiße mit fünf braunen Haaren, schon hat man fünfzehn graue.

Müssen wir uns noch wundern, wenn wir am Telephon eine Pizza bestellen und fünf Minuten später der Notarzt vor der Tür steht? Wenn wir die eine Katze rufen und die andere kommt? Wenn wir einem Freund erzählen, daß wir im Lotto zehn Mark gewonnen haben, und zwei Stunden später von einem anderen Freund erfahren, Ottfried Fischer sei im Park gestorben? Wenn Milliarden Lebewesen Milliarden andere Lebewesen lieben, hassen, feiern, verprügeln, aufessen, loben, verurteilen, heiraten, zum Pizzaessen einladen, verachten, verehren oder ihnen zehn Mark fürs Lottospielen leihen und kurz darauf feststellen, daß sie bloß einen Nebensatz falsch verstanden haben? Wie retten wir uns aus einem solchen Durcheinander?

Ich bevorzuge die Flucht ins gedruckte Wort. Hole mir also nicht den, sondern die Leiter, stelle sie vors Bücherregal, greife genußvoll hinein ... und ziehe "Zweitehe" von Frederick Barthelme heraus, schlage auf und stelle fest, daß der Übersetzer Bartelheimer heißt. Husch! Pfui! Greife mir "Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln" von Julian Barnes: aus dem Englischen von Gertraud Krüger; ächze erleichtert und lese im Klappentext eine Rezension von einem Herrn Bahners. Und werde augenblicklich zum Heavy-Metal-Fan, weil Rob nicht Hall, sondern Halford heißt und der doofe Bibelkundler bestimmt nicht Judas Priest. Und weil das Beng! macht, uff.


e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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